Oscar-Verleihung Fünf Sekunden für die schmutzige Fantasie

Eine zeitverschobene Übertragung soll für eine „saubere“ Oscar-Verleihung sorgen

Kein deutscher Film, der nominiert wäre, kein Michael Moore, dem man seinen monumentalen Auftritt als agitierende Smoking-Kugel wünschen könnte. Tatsächlich sind Überraschungen, Umwälzungen, Revolutionen bei der diesjährigen Oscar-Verleihung kaum zu erwarten. Im Gegenteil, die einzelnen Kategorien sind so klar von Favoriten dominiert, dass die Los Angeles Times bereits bösartig anregte, die kleinen goldenen Statuetten einfach ganz privat und gemütlich im Laufe der Oscar-Vorwoche zu überreichen: an Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs für den besten Film und an Findet Nemo für den besten Animationsfilm, an Charlize Theron als beste Schauspielerin und an Sean Penn als besten Darsteller.

Selbst die mediale Exegeselust scheint diesmal merkwürdig gedämpft. Nicht einmal kulturindustriellen Ideologen gelingt es, Sofia Coppolas Lost in Translation und Peter Jacksons Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs, die beide als bester Film nominiert sind, gegeneinander auszuspielen. Als Kampf zwischen David und Goliath, unabhängigem Autorenfilm und aus den Nähten platzender Großproduktion, taugt das Nominierungsduell nicht. Schließlich ist die Tolkien-Verfilmung auch eine Art aufgeblähtes Autorenepos, dessen Schlachtenszenen und Landschaftsgemälde bis aufs letzte Pixelchen von einem sympathischen übergewichtigen Spinner aus Neuseeland komponiert wurden.

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Nicht unterschätzen sollte man jedoch, dass die Verleihung im Jahr des auszementierten Favoritenfeldes auch von allen weiteren Überraschungen und Imponderabilien bereinigt werden soll. Janet Jacksons nackter Busen, der während der Übertragung des Football-Finales Super Bowl ein paar Sekunden lang ins Bild geriet, hat die amerikanischen Medienwächter offenbar derart in Aufregung versetzt, dass die Oscar-Verleihung in diesem Jahr mit einer Zeitverzögerung von fünf Sekunden übertragen werden soll. Was also wird geschehen, wenn Peter Jackson angesichts seiner Trophäe überschwänglich die Hosen fallen lässt, wenn sich Charlize Theron den Schauspielerinnen-Oscar ekstatisch ins Dekolletee steckt und Sofia Coppola den Drehbuchpreis mit einem „I’d like to thank my fucking father“ an die Brust drückt?

Laut dem Sender ProSieben, der die Zeremonie in Deutschland überträgt, wird der amerikanische Zensor dreckige Worte mit einem Beep-Ton versehen. Bei visuellen Unanständigkeiten erfolgt ein Kamerawechsel und bei längeren Entgleisungen ein Umschalten in den nächsten Werbeblock. Fest steht bisher nur, dass US-amerikanische Fernsehzuschauer vor etwaigen Obszönitäten geschützt werden, da sich der dort übertragende Sender ABC dem Druck der politischen Sittenwächter gebeugt hat. Zu Zensur und Nicht-Zensur der Auslandsübertragungen verweigert ABC sehr zum Ärger von ProSieben bisher genauere Auskünfte – wohl um im Vorfeld bloß keine Diskussionen über kulturspezifische Ungleichbehandlungen aufkommen zu lassen: Welche Länder sind ohnehin so versaut, dass man ihnen nackte Brüste und fucks zumuten kann, und welche nicht? Denkbar wäre ja auch, dass jedes Land seinen eigenen Zensor in den Übertragungswagen setzt, der sich je nach Herkunft und nationaler Mentalität behutsam in die Übertragung hineinbeept. So wie bei der Fußball-WM in Frankreich, als das iranische Fernsehen ein Spiel der heimischen Nationalmannschaft mit mehrsekündigem Abstand übertrug, um leicht bekleidete Zuschauer und kopftuchlose Frauen durch bedecktere Tribünenbilder zu ersetzen.

Ein wahrnehmungspsychologisches Desaster wäre in jedem Fall, wenn uns ABC bis zuletzt im Unklaren darüber ließe, ob die deutsche Übertragung nun zeitverschoben erfolgt oder nicht. Wie von der fürchterlichen Sogkraft eines Strudels angezogen, werden dann die letzten cartesianischen Klarheiten der Unterhaltungsindustrie im Fünf-Sekunden-Loch verschwinden. Jeder noch so banale Kameraschwenk wird unter Busenverdeckungsverdacht stehen, hinter langweiligen Applauseinstellungen werden wir den Eklat und bei jedem Zwischenschnitt obszöne Flüche vermuten. Tür und Tor stünden offen für Paranoia und Verschwörungstheorien, neben denen die alte These von der simulierten Mondlandung ein Kinderspiel ist. Janet Jacksons barer Busen wird uns dereinst noch wie die unschuldige Reliquie jener Zeit erscheinen, in der die Oscars noch nicht die ganz und gar schmutzige Veranstaltung waren, die sie erst durch ihre fanatisch saubere Übertragung wurden.

 
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