Zweiter Weltkrieg Saubere Mörder

Andrej Angrick verfolgt die Spur der Einsatzgruppe D im Süden der deutsch besetzten Sowjetunion

Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD nannten sich jene deutschen Mordkommandos, die mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die „politischen und rassischen Feinde“ Deutschlands hinter den Fronten bekämpften. Untergliedert in Sonderkommandos, verbreiteten sie 1939 in Polen und dann besonders in den besetzten Teilen der Sowjetunion Schrecken und Tod. Dort ermordeten sie insgesamt etwa 500000 Menschen. Der mit Abstand größte Teil der Opfer waren Juden, gefolgt von gefangenen sowjetischen Soldaten, Intelligenzlern, Kommissaren, Zigeunern, Geisteskranken, Waisenkindern und Bettlern. Später wurden vor allem so genannte bandenverdächtige Zivilisten, also die Einwohnerschaften ganzer Dörfer, erschossen.

Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm schilderten in ihrem schon klassischen, 1981 erschienenen Werk Die Truppe des Weltanschauungskriegs die Tätigkeit dieser kleinen, aus den Apparaten der Sicherheitspolizei, des Sicherheitsdienstes und der Kriminalpolizei gebildeten, mit Kräften der Reservepolizei verstärkten Vernichtungseinheiten. Der Schwerpunkt der Studie lag auf der EinsatzgruppeA, die im Baltikum und in Nordrussland operierte.

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Nun hat Andrej Angrick eine gewaltige, quellenstarke Untersuchung über die EinsatzgruppeD vorgelegt. Sie erweitert den allgemeinen Kenntnisstand in zwei Punkten: Anders als bei Krausnick und Wilhelm bricht die Arbeit nicht 1942 ab, sie umfasst den gesamten Rückzug und die Massenexekutionen „bandenverdächtiger“ russischer Zivilisten; der zweite allgemeine Erkenntnisgewinn besteht in der ausführlichen Schilderung der so genannten Aufbauarbeit der Einsatzgruppe. Darunter sind der Schutz von Russlanddeutschen zu verstehen, konkrete Hilfe und die ersten Schritte zur Germanisierung einzelner Regionen im Sinne des „Generalsiedlungsplans Ost“. Die Einsatzgruppenmänner ermordeten aber auch die „faulen Äpfel“ unter den Volksdeutschen, sprich die Kommunisten; verlässliche Landsleute machten sie nicht selten zu Mordgehilfen.

Im Reich des Todes

Der wichtigste Vorzug der neuen Studie liegt jedoch in der Erweiterung der konkreten Kenntnisse über das Verhalten der Deutschen in Czernowitz, Odessa, Nikolajew, Simferopol, Rostow oder im Kaukasus. Wer wissen will, was in Gorbatschows Heimat Stawropol unter deutscher Besatzung geschah, findet den konkreten Tathintergrund zu den Kaukasischen Aufzeichnungen von Ernst Jünger. Dort heißt es über die Exekutionen, an denen Jünger während einer Besichtigungstour Ende Dezember 1942 als Zuschauer teilnahm: „Das Reich des Todes wird zum Abstellraum; man steckt, was unbequem, was schwierig scheint, dorthin auf Nimmerwiedersehen. Doch darin irrt man sich vielleicht.“

Der erste Chef der Einsatzgruppe D, Otto Ohlendorf, hatte eine gründliche staatswissenschaftliche Ausbildung erfahren, glänzte als Analytiker und leitete bald den Inlandsnachrichtendienst des Sicherheitsdienstes der SS. In dieser Eigenschaft betrieb er die verdeckten demoskopischen Erhebungen über die Stimmungsschwankungen in der deutschen Bevölkerung, die für die NS-Führung zum wichtigen Herrschaftsinstrument wurden. Gegen Ende des Kriegs wurde Ohlendorf zusätzlich Unterstaatssekretär im Reichswirtschaftsministerium. Zwischendurch führte dieser – von seinem akademischen Lehrer und übrigens späteren Verschwörer Jens Jessen nachdrücklich geförderte – Repräsentant der deutsche Elite zwölf Monate lang eine Mördertruppe. Anders als fast alle anderen Beschuldigten packte Ohlendorf vor dem Gerichtshof in Nürnberg aus. Göring ereiferte sich: „Was erwartete das Schwein dadurch zu gewinnen? Er wird sowieso hängen!“ Nach seiner Verurteilung 1948 wegen des Mordes an mindestens 100000 Menschen trat Otto Ohlendorf am 8. Juni 1951 in Landsberg/Lech unter den Galgen.

In den ersten Wochen des Krieges gegen die Sowjetunion betrieben seine Männer ihr Geschäft des Ausrottens gemeinsam mit rumänischen Soldaten. Wahrend die Deutschen stets darauf achteten, dass das Massengrab schon vor Beginn der „Aktion“ ausgehoben war, schossen die Rumänen die Juden wahllos nieder und ließen die Leichen einfach liegen. Solche „unsachgemäßen und sadistischen Exekutionen“ verbaten sich die Offiziere der Wehrmacht und forderten von der Einsatzgruppe, in „geeigneter Form“ dagegen einzuschreiten. Die sauberen Methoden des Mordens sollten verhindern, dass „die Schuld an solchen Missständen“ den Deutschen zur Last gelegt werde.

„Nun schießt doch!“

Interessant ist das ausführliche Soziogramm, das Angrick von der Mördertruppe entwirft. Demnach können die beteiligten Männer nicht als „homogener, sozial geschlossener Verband“ angesehen werden. Doch trotz höchst unterschiedlicher Bildungschancen, Lebensziele, sozialer und religiöser Prägungen konnte sich dieser zusammengewürfelte Haufen leicht auf die Praxis des Vernichtens verständigen. So heterogen ihre Biografien waren und weiter verliefen, so entfalteten sie, wie der Autor sagt, „eine erschreckend ‚homogene‘ mörderische Wirkung“. Diese Einsicht steht in klarem Gegensatz zu allen in den vergangenen zehn Jahren modisch gewordenen, doch empirisch dünn gebliebenen Versuchen, den an den NS-Verbrechen Beteiligten einen mehr oder weniger typischen Sozialisationsverlauf zuzuschreiben. Die Suche danach lässt sich verstehen. Sie zielt auf Distanzierung, auf die möglichst exakte täterbiografische Reduktion der deutschen Bürde, die sich dann in pädagogisch eingängige, transportable Regeln umwandeln ließe („Lernen aus der Geschichte!“). Für ein solches weit verbreitetes Bedürfnis gibt Andrej Angricks Untersuchung keine Anhaltspunkte.

Ende August 1941 gelangte das Sonderkommando 10b in das Landstädtchen Ananjew. Dort erschossen die Männer, gemeinsam mit einer anderen Einheit, 300 Männer, Frauen und Kinder. Das Erschießen der Frauen und Kinder war zu diesem Zeitpunkt neu. Offensichtlich zögerten die Schützen einen Moment. Jedenfalls stachelte ihr Truppführer, ein Unteroffizier namens Karl Finger, sie an: „Nun schießt doch, schießt doch, oder habt ihr Angst, dass ihr einen zuviel umlegt?“

Wie es weiterging, beschrieb einer der so Motivierten 1961 in einer Vernehmung: „Es waren Frauen mit Kleinkindern dabei, die ihre Kinder beim Erschießen auf dem Arm hielten und die sich im Augenblick des Erschießens dann umdrehten und auf ihr auf das Herz gedrückte Kleinkind deuteten, um damit anzudeuten, dass man so das Kind und sie gleichzeitig erschießen soll. Kleine Kinder, die selbst stehen konnten, wurden für sich erschossen.“

Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943; Hamburger Edition, Hamburg 2003; 796 S., 35,– ¤Besatzungspolitik und MassenmordSachbuchDie Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943Andrej AngrickBuchHamburger Edition2003Hamburg35,–796
 
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