Zweiter Weltkrieg Saubere MörderSeite 2/2
Interessant ist das ausführliche Soziogramm, das Angrick von der Mördertruppe entwirft. Demnach können die beteiligten Männer nicht als „homogener, sozial geschlossener Verband“ angesehen werden. Doch trotz höchst unterschiedlicher Bildungschancen, Lebensziele, sozialer und religiöser Prägungen konnte sich dieser zusammengewürfelte Haufen leicht auf die Praxis des Vernichtens verständigen. So heterogen ihre Biografien waren und weiter verliefen, so entfalteten sie, wie der Autor sagt, „eine erschreckend ‚homogene‘ mörderische Wirkung“. Diese Einsicht steht in klarem Gegensatz zu allen in den vergangenen zehn Jahren modisch gewordenen, doch empirisch dünn gebliebenen Versuchen, den an den NS-Verbrechen Beteiligten einen mehr oder weniger typischen Sozialisationsverlauf zuzuschreiben. Die Suche danach lässt sich verstehen. Sie zielt auf Distanzierung, auf die möglichst exakte täterbiografische Reduktion der deutschen Bürde, die sich dann in pädagogisch eingängige, transportable Regeln umwandeln ließe („Lernen aus der Geschichte!“). Für ein solches weit verbreitetes Bedürfnis gibt Andrej Angricks Untersuchung keine Anhaltspunkte.
Ende August 1941 gelangte das Sonderkommando 10b in das Landstädtchen Ananjew. Dort erschossen die Männer, gemeinsam mit einer anderen Einheit, 300 Männer, Frauen und Kinder. Das Erschießen der Frauen und Kinder war zu diesem Zeitpunkt neu. Offensichtlich zögerten die Schützen einen Moment. Jedenfalls stachelte ihr Truppführer, ein Unteroffizier namens Karl Finger, sie an: „Nun schießt doch, schießt doch, oder habt ihr Angst, dass ihr einen zuviel umlegt?“
Wie es weiterging, beschrieb einer der so Motivierten 1961 in einer Vernehmung: „Es waren Frauen mit Kleinkindern dabei, die ihre Kinder beim Erschießen auf dem Arm hielten und die sich im Augenblick des Erschießens dann umdrehten und auf ihr auf das Herz gedrückte Kleinkind deuteten, um damit anzudeuten, dass man so das Kind und sie gleichzeitig erschießen soll. Kleine Kinder, die selbst stehen konnten, wurden für sich erschossen.“
Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943; Hamburger Edition, Hamburg 2003; 796 S., 35,– ¤Besatzungspolitik und MassenmordSachbuchDie Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943Andrej AngrickBuchHamburger Edition2003Hamburg35,–796- Datum 26.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 26.02.2004 Nr.10
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