USAAugenblick der Wahrheit

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Schon wieder eine Abrechnung mit Amerika? Ja, und dennoch macht dieses Buch neugierig. Immerhin wütet hier der "zornigste Milliardär der Welt", wie ihn das US-Wirtschaftsmagazin Fortune nennt: George Soros, 73 Jahre, gebürtiger Ungar, Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts, seit 1956 in den USA zu Hause. Doch, kritisiert Soros, "das ist nicht mehr das Amerika, das ich als meine Heimat gewählt habe". Der Mann hat eine Mission: Er will George W. Bush aus dem Amt schreiben.

Soros, der Spekulant. Auf mehr als sieben Milliarden Dollar wird sein Privatvermögen geschätzt; mehr als eine Milliarde Dollar verdiente er 1992, als er gegen das britische Pfund wettete – und gewann. Großbritannien flog aus dem Europäischen Währungssystem, und Soros war fortan "der Mann, der die Bank von England knackte". 1997 trieb er die asiatischen Tigerstaaten in die Krise; der damalige malaysische Premier beschimpfte ihn als "Räuber und Bandit".

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Soros, der Philanthrop. In mehr als 50 Ländern ist seine Stiftung Open Society Institute heute aktiv, der Milliardär gibt Geld für amerikanische Immigranten und für amerikanische Arme, für polnische Schulen und ungarische Bibliotheken.

Und jetzt also Soros, der Regimekritiker. Seine Abneigung gegen die Regierung Bush sei auch durch den eigenen Werdegang begründet, schreibt er. "Ich wuchs während des Zweiten Weltkriegs als Jude in Ungarn auf. Dort erlebte ich zuerst die deutsche, dann die sowjetische Besatzung und erfuhr schon in jungen Jahren, wie politische Systeme das persönliche Schicksal beeinflussen können. Wenn ich Präsident Bush sagen höre, ,Wer nicht für uns ist, der ist für die Terroristen‘, dann schrillen bei mir die Alarmglocken." Nun unterstützt Soros die Demokratische Partei im Präsidentschaftswahlkampf.

In seinem neuen Buch macht der Finanzexperte das, was er am besten kann: Er analysiert die amerikanische Politik aus der Sicht des Börsenhändlers. Demnach folgt das amerikanische Hegemoniestreben dem Muster einer Spekulationsblase am Aktienmarkt. Erst werde die Realität in den Köpfen der Beteiligten durch eine falsche Sichtweise verzerrt. Die aufkommende Euphorie reiße alle mit, eine wachsende Kluft zwischen Hoffnung und Realität tue sich auf. Dann kommt der Augenblick der Wahrheit: Die Menschen erkennen, dass sich ihre Erwartungen nicht erfüllen, die Stimmung kippt. Nach Soros ist die Spekulationsblase der amerikanischen Politik bereits geplatzt, und zwar am Ende des Irak-Konflikts: Sterbende USSoldaten und die Attentate auf irakische Zivilisten hätten der amerikanischen Bevölkerung die Augen geöffnet. Folgt man Soros’ Modell des boom and bust, dann ist die Abwahl von Bush im Herbst 2004 beschlossene Sache. Weil bedingungslose Loyalität nach dem Platzen der Blase in Wut umschlage, werde sich der US-Präsident nicht im Amt halten können.

Schon einmal, schreibt Soros, habe er eine so uneingeschränkte Vorhersage gewagt, 1997, als er "den unmittelbar bevorstehenden Kollaps des globalen kapitalistischen Systems voraussagte". Ein Irrtum. Doch ein Spekulant verliert ungern zweimal. Diesmal jedenfalls werde er alles in seinen Kräften Stehende tun, "um zu garantieren, dass das Unvermeidliche auch wirklich eintritt". Und das ist das eigentlich Spannende am Zorn des Milliardärs: was er bis zur Wahl im Herbst noch unternehmen wird, um Bush aus dem Amt zu fegen.

Soros’ Buch dagegen ist am Ende doch nur ein weiterer Beitrag eines Bush-Gegners in der aktuellen Debatte, mit bekannten Vorwürfen und auch vielfach gelesener Kritik. Mehr nicht.

George Soros: Die Vorherrschaft der USA – eine Seifenblase Aus dem Engl. von Hans Freundl u. Norbert Juraschitz; Blessing Verlag, München 2004; 224 S., 20,– ¤Die Vorherrschaft der USA – eine SeifenblaseBelletristikenglischAus dem Englischen von Hans Freundl und Norbert JuraschitzGeorge SorosBuchBlessing Verlag2004München20,–224Hans Freundl und Norbert Juraschitz
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  • Serie politisches buch
  • Schlagworte USA | Aktienmarkt | Attentat | Besatzung | Bibliothek | Dollar
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