Sierra Leone Killer üben Nächstenliebe
Traumatisiert von einem brutalen Bürgerkrieg, organisieren die Menschen in Sierra Leone mit Hilfe der Vereinten Nationen ihre Versöhnung. Täter und Opfer wollen die Gesellschaft gemeinsam wiederaufbauen
Er ist gekommen. Es ist nicht schwer, ihn zu erkennen. Er ist klein. Er hat dürre Beine. Er ist 34. Er kommt jeden Tag zwischen zwölf und zwei. Reden kann er nicht. Er hat keinen Mund. Um den Hals gewickelt ist ein großes weißes Handtuch, das sein Gesicht verdecken könnte, wenn er eines hätte. Er hat das Gesicht verloren, als ihm an der Grenze von Sierra Leone zu Guinea der Machetenhieb eines Kindersoldaten die Oberlippe, das Zahnfleisch und die rechte Wange abschlug. Es ist schwer, sich das Nichts unter dem weißen Handtuch vorzustellen. Zwei Jahre lief er mit einem fehlenden Gesicht durch den Busch von Sierra Leone. Sein Restkiefer hatte sich versteift. Er konnte nicht mehr kauen. Er stopfte sich Wurzeln und Blätter durch die verbliebene Mundöffnung. Er rieb alles an den Zähnen klein. Als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation ihn fanden, sah er aus wie eine halbverweste Leiche. Es galt als Wunder, dass er noch lebte. Sein Name ist Tamba.
Kein Krankenhaus war funktionsfähig, kein Arzt vorhanden, der ein Gesicht hätte bauen können. Also brachte man Tamba ins Stadion von Freetown zum Screening für die Aufnahme auf das christliche Hospitalschiff Anastasis . Tausende standen Schlange, um von den Ärzten der Anastasis für eine kostenlose Operation ausgewählt zu werden. Die Leute hatten Tagesmärsche hinter sich. Sie pilgerten aus dem Busch nach Freetown. Kinder auf dem Rücken, Hoffnung im Gepäck. Im Radio hatten sie es angekündigt, Plakate hingen aus, die Fama war schnell: Die weißen Ärzte sind wieder da!
Sie lieben das Gnadenschiff aus Amerika, weil es Heil und Heilung verspricht und die Zuwendung barmherziger Chirurgen. Nie zuvor haben sie eine Spritze gesehen. Sie wissen nicht, was ein Arzt kann. Sie haben ballongroße Tumore am Hals, faustgroße Zysten im Gesicht. Sie haben Hasenscharten, sind blind und schielen. Sie haben zertrümmerte Schädel und verrutschte Augen. Kinder mit Tumoren gelten als verhext. Frauen mit Vaginalfisteln werden ausgestoßen. Verhexte und Ausgestoßene wandern als Unberührbare umher. Die Krankenhäuser Sierra Leones sind im Bürgerkrieg niedergebrannt, 80 Prozent der Eliten nach Nigeria, Gambia, Großbritannien oder in die USA geflohen, darunter fast alle Ärzte. Im ganzen Land gibt es nicht einen Anästhesisten, nicht einen Radiologen, es gibt einen Psychiater. Die Bevölkerung misstraut dem staatlichen Gesundheitssystem, in dem Ärzte für einen Kaiserschnitt 150 Dollar verlangen, zutiefst. Also hat Sierra Leone die höchste Muttersterblichkeitsrate der Welt, und jedes dritte Kind ist tot, bevor es fünf ist. Die Straßen sind voll mit Polioopfern, die mit abge-spreizten Gliedmaßen wie Insekten durch den Verkehr hüpfen; Hunderttausende sind malariakrank; in den Slums entleert man sich in Erdlöcher oder Bäche, aus denen Trinkwasser geschöpft wird. Seit Kriegsende versammelt sich das halbe Sierra Leone in Freetown, drei Millionen Traumatisierte in einer gedemütigten Stadt, deren Nähte mit 500.000 Menschen bereits zum Platzen gespannt wären. Dazu die dreifach gestiegene Auto, Abgas- und Verkehrsmenge in der Stadt, dreifach gestiegener Lärm, dreifach gestiegenes Chaos.
Tamba ist zum Kai gekommen, weil er täglich den Verband wechseln lässt. Ihm gaben die Anastasis -Ärzte OP-Termine, weil ihm die Rebellen das Gesicht genommen hatten und das, was die Ärzte sahen, nichts mit dem Ebenbild Gottes zu tun hat, das der Mensch ihrer Ansicht nach sein soll. Fünfmal hatten britische und deutsche Gesichtschirurgen Tamba im vergangenen Jahr in einem der drei OP-Säle auf Deck B operiert. Er war Dauerpatient des Gnadenschiffs im Hafen von Freetown. Er hatte paranoide Fantasien. Er sprach nicht mehr mit farbigen Menschen. Die weißen Schwestern lasen ihm aus der Bibel vor, und die deutschen und britischen und amerikanischen Ärzte beteten mit ihm. Und als der Muslim Tamba an Heiligabend einen Spiegel verlangte und sah, was er war, wollte er sterben, was man nicht zuließ.
Der Muskel, den die Chirurgen von Tambas Schläfe in die Mundhöhle gezogen hatten, war das Symbol einer Neuschöpfung: als sei er ein neuer Muskel, mit dem das Land wieder ein Gesicht erhält, und als sei die neue Haut, die sie auf Tambas Kopf züchteten, eine unvergiftet-reine, um die Wunden einer zehnjährigen Selbstvernichtung zu überziehen; als sei der Stiel, der von der Schulter auf die Wange gepflanzt und zur Oberlippe hochgeklappt wurde, die Lippe zu einem Mund, mit dem eine vom Wolfsrachen ihrer Geschichte entstellte Gesellschaft die Worte einer Selbstversöhnung sprechen könne. Als sei Tambas neu entworfenes Gesicht ein Akt plastischer Volkschirurgie: das neu geformte Gesicht des nach UN-Index ärmsten Landes der Erde, in dem seit dem 7. Juli 1999, dem offiziellen Ende des brutalsten Bürgerkriegs im 20. Jahrhundert, die vereinte Welt modellhaft an der Rettung einer verloren gegangenen Zukunft arbeitet.
Dann kamen sie. Mal hieß es, sie seien schon da, mal, sie kämen erst in Tagen. Die Angst stieg mit jedem Morgen. Sie kamen in der Nacht zum 6. Januar 1999. Mild war es. Trockenzeit. Horrorzeit. Sie kamen aus der Dämmerung des herankriechenden Tages durch die Mangrovenwälder und Sümpfe nach Freetown East. Sie trugen blaue Overalls und Tarnanzüge. Sie trugen Hass in den Gesichtern. Vornweg liefen die Kinder, Munitionskisten auf den Köpfen, Benzinkanister und Maschinengewehre in den Händen. Sheku Jalloh und Saidu Kargbo marschierten in vorderster Front, ohne sich zu kennen, und Sheku machte sich auf, den Präsidenten zu suchen. Sie kamen von Osten in die Stadt und gingen zum State House. Sheku stand vor dem State House und wusste nicht, wie der Präsident aussieht. Sie hassten den Präsidenten. Warum sie ihn hassten, wussten sie nicht. Sie hatten ihn hassen gelernt in der Schule der Gewalt. Sheku feuerte seine AK 47 auf den Helikopter, mit dem Präsident Ahmad Kabbah nordwärts floh.
Die Rebellen brachen über Freetown herein wie eine Epidemie. Sie plünderten Geschäfte, schossen in die Luft, schossen in Köpfe. Sie amputierten Hände und Füße. Sie schnitten Ohren ab, Lippen durch, Bäuche auf. Und auf einmal standen fünf von ihnen im Schlafzimmer von Jariatu Kamara. Ob Sheku Jalloh oder Saidu Kargbo unter ihnen war, kann nicht mehr festgestellt werden, wohl aber, dass der 6. Januar 1999 das schwarze Loch der Geschichte ist. „Ich flehte: bitte, bitte!“ Der Standventilator bewegt 30 Grad feuchte Luft durch das drei auf drei Meter große rot gestrichene, glühbirnengedimmte Wohnzimmer, als sich die schöne, in ein mangogelbes Kleid gehüllte Frau auf den Boden wirft und das Drama nachspielt. „Ich flehte: nicht meine Tochter! Tötet mich!“ Einer mit der MG wollte ihre Zia zur Frau. „Die da!“, hatte er befohlen. Zia war neun. Der Rebell war zehn. Er hatte einen stieren Blick. Er roch nach Alkohol. Er packte Zia. Seine dritte oder vierte Fleischware. Vielleicht wäre sie so oft vergewaltigt worden wie jene Frauen, deren Gebärmütter herausfielen, sodass sie das Organ in den Händen halten mussten, wenn sie durch die Straßen gingen. Zia hatte Glück, dass ihre 16jährige Tante leiser heulte. Der Rebell schwenkte um. Er wollte die andere zur Frau. Die, die nicht so laut klagte.
Irgendwann schneit Zia herein. Sie war beim Abendgottesdienst in der Jawle Lewis Memorial United Methodist Church nebenan. „Hi!“, sagt sie. Sie ist jetzt 14, hat die mandelförmigen Augen und überhaupt die ganze grazile Schönheit ihrer Mutter. Im Hinterhof von fünf wellblechverkleideten Behausungen hocken irgendwelche Cousins von Nachbarn bei kleiner Flamme auf dem Boden und grillen Lamm. Die Moskitos schwirren. Von irgendwoher dringt süffig ein Reggae-Bass in den Hof. Musik groovt, stampft und wabert ohne Unterlass. Eine von Jariatus Freundinnen wirft ein: „Der 6. Januar war die Hölle. Die Rebellen kamen und wollten meine ganze Familie töten. Da hat mein Mann gesagt: Wartet, ich habe was für euch. Wir haben ihnen die letzten beiden Flaschen Palmöl gegeben, und sie sind abgezogen.“
- Datum 26.02.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 26.02.2004 Nr.10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







