Sierra Leone

Killer üben Nächstenliebe

Traumatisiert von einem brutalen Bürgerkrieg, organisieren die Menschen in Sierra Leone mit Hilfe der Vereinten Nationen ihre Versöhnung. Täter und Opfer wollen die Gesellschaft gemeinsam wiederaufbauen

Er ist gekommen. Es ist nicht schwer, ihn zu erkennen. Er ist klein. Er hat dürre Beine. Er ist 34. Er kommt jeden Tag zwischen zwölf und zwei. Reden kann er nicht. Er hat keinen Mund. Um den Hals gewickelt ist ein großes weißes Handtuch, das sein Gesicht verdecken könnte, wenn er eines hätte. Er hat das Gesicht verloren, als ihm an der Grenze von Sierra Leone zu Guinea der Machetenhieb eines Kindersoldaten die Oberlippe, das Zahnfleisch und die rechte Wange abschlug. Es ist schwer, sich das Nichts unter dem weißen Handtuch vorzustellen. Zwei Jahre lief er mit einem fehlenden Gesicht durch den Busch von Sierra Leone. Sein Restkiefer hatte sich versteift. Er konnte nicht mehr kauen. Er stopfte sich Wurzeln und Blätter durch die verbliebene Mundöffnung. Er rieb alles an den Zähnen klein. Als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation ihn fanden, sah er aus wie eine halbverweste Leiche. Es galt als Wunder, dass er noch lebte. Sein Name ist Tamba.

Kein Krankenhaus war funktionsfähig, kein Arzt vorhanden, der ein Gesicht hätte bauen können. Also brachte man Tamba ins Stadion von Freetown zum Screening für die Aufnahme auf das christliche Hospitalschiff Anastasis . Tausende standen Schlange, um von den Ärzten der Anastasis für eine kostenlose Operation ausgewählt zu werden. Die Leute hatten Tagesmärsche hinter sich. Sie pilgerten aus dem Busch nach Freetown. Kinder auf dem Rücken, Hoffnung im Gepäck. Im Radio hatten sie es angekündigt, Plakate hingen aus, die Fama war schnell: Die weißen Ärzte sind wieder da!

Sie lieben das Gnadenschiff aus Amerika, weil es Heil und Heilung verspricht und die Zuwendung barmherziger Chirurgen. Nie zuvor haben sie eine Spritze gesehen. Sie wissen nicht, was ein Arzt kann. Sie haben ballongroße Tumore am Hals, faustgroße Zysten im Gesicht. Sie haben Hasenscharten, sind blind und schielen. Sie haben zertrümmerte Schädel und verrutschte Augen. Kinder mit Tumoren gelten als verhext. Frauen mit Vaginalfisteln werden ausgestoßen. Verhexte und Ausgestoßene wandern als Unberührbare umher. Die Krankenhäuser Sierra Leones sind im Bürgerkrieg niedergebrannt, 80 Prozent der Eliten nach Nigeria, Gambia, Großbritannien oder in die USA geflohen, darunter fast alle Ärzte. Im ganzen Land gibt es nicht einen Anästhesisten, nicht einen Radiologen, es gibt einen Psychiater. Die Bevölkerung misstraut dem staatlichen Gesundheitssystem, in dem Ärzte für einen Kaiserschnitt 150 Dollar verlangen, zutiefst. Also hat Sierra Leone die höchste Muttersterblichkeitsrate der Welt, und jedes dritte Kind ist tot, bevor es fünf ist. Die Straßen sind voll mit Polioopfern, die mit abge-spreizten Gliedmaßen wie Insekten durch den Verkehr hüpfen; Hunderttausende sind malariakrank; in den Slums entleert man sich in Erdlöcher oder Bäche, aus denen Trinkwasser geschöpft wird. Seit Kriegsende versammelt sich das halbe Sierra Leone in Freetown, drei Millionen Traumatisierte in einer gedemütigten Stadt, deren Nähte mit 500.000 Menschen bereits zum Platzen gespannt wären. Dazu die dreifach gestiegene Auto, Abgas- und Verkehrsmenge in der Stadt, dreifach gestiegener Lärm, dreifach gestiegenes Chaos.

Tamba ist zum Kai gekommen, weil er täglich den Verband wechseln lässt. Ihm gaben die Anastasis -Ärzte OP-Termine, weil ihm die Rebellen das Gesicht genommen hatten und das, was die Ärzte sahen, nichts mit dem Ebenbild Gottes zu tun hat, das der Mensch ihrer Ansicht nach sein soll. Fünfmal hatten britische und deutsche Gesichtschirurgen Tamba im vergangenen Jahr in einem der drei OP-Säle auf Deck B operiert. Er war Dauerpatient des Gnadenschiffs im Hafen von Freetown. Er hatte paranoide Fantasien. Er sprach nicht mehr mit farbigen Menschen. Die weißen Schwestern lasen ihm aus der Bibel vor, und die deutschen und britischen und amerikanischen Ärzte beteten mit ihm. Und als der Muslim Tamba an Heiligabend einen Spiegel verlangte und sah, was er war, wollte er sterben, was man nicht zuließ.

Der Muskel, den die Chirurgen von Tambas Schläfe in die Mundhöhle gezogen hatten, war das Symbol einer Neuschöpfung: als sei er ein neuer Muskel, mit dem das Land wieder ein Gesicht erhält, und als sei die neue Haut, die sie auf Tambas Kopf züchteten, eine unvergiftet-reine, um die Wunden einer zehnjährigen Selbstvernichtung zu überziehen; als sei der Stiel, der von der Schulter auf die Wange gepflanzt und zur Oberlippe hochgeklappt wurde, die Lippe zu einem Mund, mit dem eine vom Wolfsrachen ihrer Geschichte entstellte Gesellschaft die Worte einer Selbstversöhnung sprechen könne. Als sei Tambas neu entworfenes Gesicht ein Akt plastischer Volkschirurgie: das neu geformte Gesicht des nach UN-Index ärmsten Landes der Erde, in dem seit dem 7. Juli 1999, dem offiziellen Ende des brutalsten Bürgerkriegs im 20. Jahrhundert, die vereinte Welt modellhaft an der Rettung einer verloren gegangenen Zukunft arbeitet.

Dann kamen sie. Mal hieß es, sie seien schon da, mal, sie kämen erst in Tagen. Die Angst stieg mit jedem Morgen. Sie kamen in der Nacht zum 6. Januar 1999. Mild war es. Trockenzeit. Horrorzeit. Sie kamen aus der Dämmerung des herankriechenden Tages durch die Mangrovenwälder und Sümpfe nach Freetown East. Sie trugen blaue Overalls und Tarnanzüge. Sie trugen Hass in den Gesichtern. Vornweg liefen die Kinder, Munitionskisten auf den Köpfen, Benzinkanister und Maschinengewehre in den Händen. Sheku Jalloh und Saidu Kargbo marschierten in vorderster Front, ohne sich zu kennen, und Sheku machte sich auf, den Präsidenten zu suchen. Sie kamen von Osten in die Stadt und gingen zum State House. Sheku stand vor dem State House und wusste nicht, wie der Präsident aussieht. Sie hassten den Präsidenten. Warum sie ihn hassten, wussten sie nicht. Sie hatten ihn hassen gelernt in der Schule der Gewalt. Sheku feuerte seine AK 47 auf den Helikopter, mit dem Präsident Ahmad Kabbah nordwärts floh.

Die Rebellen brachen über Freetown herein wie eine Epidemie. Sie plünderten Geschäfte, schossen in die Luft, schossen in Köpfe. Sie amputierten Hände und Füße. Sie schnitten Ohren ab, Lippen durch, Bäuche auf. Und auf einmal standen fünf von ihnen im Schlafzimmer von Jariatu Kamara. Ob Sheku Jalloh oder Saidu Kargbo unter ihnen war, kann nicht mehr festgestellt werden, wohl aber, dass der 6. Januar 1999 das schwarze Loch der Geschichte ist. „Ich flehte: bitte, bitte!“ Der Standventilator bewegt 30 Grad feuchte Luft durch das drei auf drei Meter große rot gestrichene, glühbirnengedimmte Wohnzimmer, als sich die schöne, in ein mangogelbes Kleid gehüllte Frau auf den Boden wirft und das Drama nachspielt. „Ich flehte: nicht meine Tochter! Tötet mich!“ Einer mit der MG wollte ihre Zia zur Frau. „Die da!“, hatte er befohlen. Zia war neun. Der Rebell war zehn. Er hatte einen stieren Blick. Er roch nach Alkohol. Er packte Zia. Seine dritte oder vierte Fleischware. Vielleicht wäre sie so oft vergewaltigt worden wie jene Frauen, deren Gebärmütter herausfielen, sodass sie das Organ in den Händen halten mussten, wenn sie durch die Straßen gingen. Zia hatte Glück, dass ihre 16jährige Tante leiser heulte. Der Rebell schwenkte um. Er wollte die andere zur Frau. Die, die nicht so laut klagte.

Irgendwann schneit Zia herein. Sie war beim Abendgottesdienst in der Jawle Lewis Memorial United Methodist Church nebenan. „Hi!“, sagt sie. Sie ist jetzt 14, hat die mandelförmigen Augen und überhaupt die ganze grazile Schönheit ihrer Mutter. Im Hinterhof von fünf wellblechverkleideten Behausungen hocken irgendwelche Cousins von Nachbarn bei kleiner Flamme auf dem Boden und grillen Lamm. Die Moskitos schwirren. Von irgendwoher dringt süffig ein Reggae-Bass in den Hof. Musik groovt, stampft und wabert ohne Unterlass. Eine von Jariatus Freundinnen wirft ein: „Der 6. Januar war die Hölle. Die Rebellen kamen und wollten meine ganze Familie töten. Da hat mein Mann gesagt: Wartet, ich habe was für euch. Wir haben ihnen die letzten beiden Flaschen Palmöl gegeben, und sie sind abgezogen.“

Zia, ihre Tante, Mutter Jariatu, die Freundinnen, sie alle danken noch heute vor allem Gott, dass unverhofft die nigerianischen Alphajets der Ecomog-Friedenstruppe am Himmel auftauchten und die Rebellen Deckung suchen mussten und sie, die Frauen, irgendwie mit dem Leben davonkamen, was einem Zufall gleichkäme, wenn sie hier an Zufälle glaubten und nicht an göttliche Fügungen.

Sheku Jalloh jagte an jenem Mittwochmorgen den Präsidenten vergeblich. Stattdessen schnitt er einem Mann die Hände ab und schickte sie Kabbah ins State House. An jenem Morgen verdickte der Qualm der angezündeten Häuser die Luft, und es wurde nicht Tag. Überall gellten Schreie. Wasser spritzte, Leitungen hingen herab. In den Hauseingängen lagen erschossene Väter und Mütter. Kinder irrten umher. Manche Rebellen aßen tote Zivilisten, um zu Kräften zu kommen. Im Hafen der Stadt sah man auf Pfählen aufgespießte Köpfe, und später erzählte man sich, dass zehn schwangere Frauen lebendig begraben wurden, weil man Freetown beschützen wollte und davon ausging, dass Gott die Gebete Unschuldiger am ehesten erhöre.

Die Sonne ging nicht auf. Obwohl es hell wurde, an jenem 6. Januar 1999 blieb die Sonne fern, und noch jetzt ist die Seele der Menschen so verschattet, dass sie nur ein gütiger Gott zu heilen vermag, der christliche, den Pastor Mark Sesay und seine Frau Bridget sonntäglich anrufen, bevor sie den Teufel austreiben und mit ihm die Erinnerungen an das Inferno, als der Mensch des Menschen Wolf war, was über 50.000 das Leben kostete.

Dann kommt der Lord in sie. Sie singen und tanzen, klatschen und klagen, versunken ins Transzendente, Männer im Anzug oder Batikumhang, Frauen in Trachten aus fliederfarbenem Damast, Kleider von rot-gelb geblümter Kunstseide, großäugig staunende Säuglinge über die Schultern gelegt, während das Schlagzeug den Heiligen Beat drischt und der Pastor ein imperatives „Halleluja!“ vorbetet, bevor Bridget im Crescendo zu gospeln beginnt, Tonika: „Worship God“; Dominante: „Je-ho-va!“; Subdominante: „A-men!“ Es ist der Blues der Vergebung, in dessen Shuffle sie, die Bibel auf dem Kopf, in der Polonaise durch die schlichte gelb gestrichene Halle wippen, gesungen im Calvary Worship Center der Assemblies of God Church in Tintafore, mitten im seelisch zerfetzten Sierra Leone, wo der Staub terracottafarben ist, und nach einer Stunde Vorspiel – „Gott ist gut!“– „Halleluja!“– „Gott ist gut zu DIR!“ – beklatschen sie sich lachend, heben die Arme, winken und gleiten ins warme Gospel-Dur des elektrischen Klaviers, das Pastor Mark, unter Ray-Charlesschem Kopfwackeln, enthemmt betatscht. Sie beschwören, hoffen, lieben, sie zelebrieren eine Lektion Hingabe um kurz vor zwölf, wenn der Schweiß die Hemden nässt, und es ist eine Verschmelzung von Leib und Seele, die Leidenschaft eines Glaubens an die heilende Kraft des Evangeliums, aus der sie Energie zum Weiterleben schöpfen und ihrem Gegner vergeben, weil Jesus allen Menschen vergeben hat und weil die Rebellen nicht wussten, was sie taten…

Draußen steht ein trauriger junger Mann. Für seine Jugend wirkt er zu ernst, für das harte Leben auf dem Land zu fein. Scheu kommt er herüber, drückt, mit dem regungslosen Blick zu oft erschütterter Augen, dem weißen Gast einen Zettel in die Hand, wortlos, biegt ab, geht fort. Wird er wiederkommen? Auf dem Blatt steht in großen symmetrischen Blockbuchstaben ein Name: THOMAS M. SENGEH. Der Name eines Vermissten? Eines Toten? Eines Mörders?

Zwei Stunden später, in einem gerade gezimmerten Anbau, kommt das erahnte Gespräch zustande. Thomas Sengeh ist heute 16, vielleicht, und er lebt im inneren Exil. Er war Rebell. Er kämpfte für die RUF. 1991 war die RUF (Revolutionary United Front), ideologisch, finanziell und materiell gepäppelt durch Liberias Rebellenführer und späteren Diktator Charles Taylor, von Kenema im Osten aus losgezogen, um die Diktatur des damaligen Staatspräsidenten von Sierra Leone, Joseph Momoh, zu stürzen. Je länger er ging, desto vertrackter wurde der Bürgerkrieg: Rebellen fochten gegen loyale Armeeeinheiten, Rebellenarmee und illoyale Armeeeinheiten mit Rebellen gegen die so genannten Kamajors, lokale, von der Regierung mit Schrotflinten und MGs ausgerüstete Bürgerwehren, die ihre Dörfer verteidigten; dazu kamen Militärputsche, ständig wechselnde Regierungen und marodierende Ecomog-Truppen aus Nigeria und Guinea, die eigentlich Frieden stiften sollten.

Für ihren unerschütterlichen Kampf brauchten die Rebellen Geld, Waffen, Nahrung und Menschen. An einem Tag im Jahr 1996 überfiel eine Einheit die Secondary School in Makeni und entführte ein Dutzend Schüler. Thomas Sengeh war damals vermutlich neun. Er wurde verschleppt, kam drei Monate in ein Trainingscamp, lernte schießen und hassen. Dann war er Rebell. Er musste Munitionskästen auf dem Kopf tragen, Wasserflaschen schleppen, Straßensperren aufbauen. Drei seiner Cousinen sollten Rebellenware werden. Zwei verweigerten sich und wurden sofort erschossen. Eine ging mit fort und wurde nie mehr gesehen. Der Commander zwang die Kinder, auf Frauen zu schießen. Zwei von Thomas’ Freunden verneinten. Sekunden später waren sie tot. Wer sich Befehlen widersetzte, wurde erschossen oder zwei Tage in ein Erdloch eingegraben, wer zu fliehen versuchte, mit einem Stromkabel ausgepeitscht. Thomas zieht das Shirt hoch. Die schwarze Haut ist übersät mit Narben. „Peitschenhiebe“, sagt er und sieht zu, dass das Shirt wieder anständig sitzt.

„Dann zogen wir los, von Makeni übers Land. Wir steckten ganze Dörfer in Brand.“ Thomas redet leise, auf Krio, das sie in Sierra Leone sprechen, das durch die Dialekte der 14 Stämme angereicherte Englisch der britischen Kolonialherren, nach deren Abzug 1961 30 Jahre Verfall und Korruption das Land lähmten, ehe aus seinen Eingeweiden unmenschliche Monstrositäten schlüpften. „Zwei von den Rebellen sahen eine schwangere Frau, dann wetteten sie, ob das ungeborene Kind ein Junge oder ein Mädchen ist. Einer schlitzte der Frau den Bauch auf, riss das Baby heraus. Der Gewinner feierte seinen Wettsieg mit Schüssen in die Luft. Die Mutter verblutete. Das Baby warfen sie in den Fluss.“

Drei Jahre lang war Thomas’ Alltag das Töten, das Brandschatzen, Plündern, Rauben und Schänden. „Ich stand neben dem Haus, die vier Kameraden bemerkten mich nicht, und dieses junge Mädchen sah mich an. Sie vergewaltigten es, immer wieder. Ich musste weinen, da kam einer von ihnen herüber und schlug mich mit dem Kabel, weil Weinen verboten war.“ In neun Jahren Krieg wurden Tausende Frauen vergewaltigt. In Sierra Leone leben zu 75 Prozent Muslime. Eine vergewaltigte Frau gilt als entehrt. Über eine Vergewaltigung spricht man nicht. Ohnehin können die Grausamkeiten nur geflüstert ertragen werden, und irgendwann versagt dem Rebellen Thomas Sengeh, der einmal Chirurg werden will, die zarte Stimme. Er geht heim in eine der licht- und seelenlosen Betonbaracken des 15. Bataillons der Nationalarmee, wo er mit Truthähnen, Küken und nackten Kindern zu leben hat, mit der Mutter, der verbliebenen Schwester und dem gut gekleideten Stiefvater, der sein Leben lang loyaler Soldat der Regierungsarmee war und, hätte der Zufall es gewollt, seinem Stiefsohn im Busch als Todfeind hätte begegnen können.

Die Opfer fanden ihre Stimme wieder. Irgendwann erzählten sie den Mitarbeitern der vom Hochkommissar für Menschenrechtsfragen der Vereinten Nationen eingesetzten Wahrheits- und Versöhnungskommission, was während des Bürgerkriegs geschehen war. Anfang des Jahres hat die Kommission ihre Aufarbeitung abgeschlossen, ihr von der im Mai 2002 wiedergewählten Regierung Kabbah erliehenes Mandat lief Silvester aus. Der Bericht für Kofi Annan ist in Arbeit, insgesamt verwertet er 10.000 in eineinhalb Jahren gesammelte Aussagen. Sierra Leone ist seit dem 7.Juli 1999 offiziell befriedet. Friede ohne inneres Gerüst aber ist nicht möglich. Das innere Gerüst ist die Vergebung. Vergebung setzt Versöhnung voraus. Wie aber organisiert man Versöhnung in einem Land, in dem es Gräuel gab, die David Crane, der amerikanische Chefankläger des UN-Sondergerichtshofs in Freetown, als „über Ruanda und Jugoslawien hinausgehend“ und „in den Annalen der Kriegsverbrechen bisher ungesehen und ungehört“ bezeichnet?

Man steigt in die Tiefe der Kultur. Man sensibilisiert die gesamte Bevölkerung. Man geht hinab in die kleinsten Einheiten. Man atomisiert das Geschehene. Man schickt Teams in alle zwölf Distrikte. Man wendet sich an die traditionellen Führer der Gemeinden, die Paramount-Chiefs, die religiösen Autoritäten, die Pastoren, Priester, an die, die Sitten definieren, Gebräuche überwachen, Werte schaffen und Normen formulieren. Man bindet den Interreligiösen Rat ein, den Rat der Kirchen von Sierra Leone, Flüchtlingshilfswerke, Unicef und die Vereinten Nationen. Man bringt, wie einst in Südafrika und Ruanda, Täter und Opfer in aller Öffentlichkeit an einen Tisch und steuert die Dynamik der Volksgesprächstherapie. Man lässt die Rebellen im Fernsehen auftreten, um Verzeihung bitten und die Bevölkerung Kindersoldatenschicksale erfahren, die Entführungen, Folterungen, Disziplinierungen, so wie es auch in Liberia geschehen ist, so wie es derzeit in Uganda geschieht.

Geschuldet ist der Friede von Sierra Leone der größten und erfolgreichsten Friedensmission der Vereinten Nationen, Unamsil genannt, anfangs 17.500, jetzt 11.500 Soldaten stark, jährliche Kosten 600 Millionen Dollar, Abzug Ende 2004. Die Welt hat Interesse an ihrem Vorzeigemodell. Weltbank, African Development Bank, EU-Kommission und Großbritannien geben Geld und Geduld.

Ruhe ist eingekehrt. Nach zwei Jahren eindringlicher Selbstbefragung ist die Seele Sierra Leones erschüttert, aber stabil. Das Volk ist gewaltmüde und friedsüchtig. „Wir haben Hunderte Mitarbeiter auf die Dörfer entsandt“, sagt Franklyn B. Kargbo, der Vorsitzende der Wahrheitskommission, mit beglücktem Bass, „wo sie über einen längeren Zeitraum die Strukturen des traditionellen Konfliktmanagements der 14 Stämme in Sierra Leone studiert haben. Die Gespräche in den Gemeinden endeten dann jeweils in einer sieben Tage dauernden Versöhnungszeremonie.“ Überall fanden religiöse Rituale statt, bei denen die Exkombattanten wieder aufgenommen wurden, indem man ihnen, übertragen gesprochen, die blutgetränkten Hemden und Hosen wegnahm, sie mit Wasser reinwusch, ihnen die Tracht der Stämme und somit eine neue Identität gab.

Solcherart Versöhnung ließ sich durch die Kraft des Religiösen entfalten, weil der Krieg keine religiösen Ursachen hatte. Die Sierra Leoner rühmen sich ihrer Toleranz: Muslime heiraten Christinnen, Christen Musliminnen, es wird munter konvertiert, und bei allem mischen sich animistische Relikte, Ahnenkult und Geheimbündlerei mit ein. Fanatiker gibt es nicht, jedenfalls will niemand welche kennen. Ob Allah oder Jehova, das ist egal. Es gibt nur einen Gott. Man glaubt an den gleichen. Wichtig ist, dass man glaubt.

„Wir waren überrascht“, so Kargbo fortfahrend, „wie engagiert die Gemeinden am Versöhnungsprozess arbeiten wollten, und wir waren zugleich etwas enttäuscht, dass sich diese Begeisterung nicht bis hinauf in die politische Klasse durchgesetzt hat.“ Es gibt Gerüchte, in den Parlamentsparteien säßen noch heute Sympathisanten der Rebellen; andere, dass an Waffen, vornehmlich aus Osteuropa, über politische Kanäle leicht zu kommen sei. Der Vorzeigefriede ist fragil und die soziale Lage ähnlich schief wie kurz vor Ausbruch der Kämpfe 1991: kaputte Straßen, Trinkwassermangel, kein Essen; offizieller Strom nur von acht morgens bis fünf am Nachmittag, gekaufter Strom aus teuer bezahlten Dieselgeneratoren; das in den Küchen ubiquitäre Palmöl ein Dollar der halbe Liter, weil die meisten Palmen abgebrannt sind und neue erst gepflanzt werden müssen.

Jetzt, da sich die Psyche des Landes allmählich zu erholen scheint, da die Recherchearbeit der Versöhnungskommission vor dem Ende und der Sondergerichtshof, mit Verfahren gegen dreizehn bereits angeklagte und neun nur erst inhaftierte mutmaßliche Kriegsverbrecher, kurz vor der Eröffnung steht, hat sich ein neuer Begriff des Politischen offenbart: Vergeben, aber nicht vergessen. Vergebung ohne Erinnerungstilgung. Spirituelle Hygiene. Innerer Frieden ist eine Frage von Geduld und Großherzigkeit. Innerer Friede ist nicht möglich, wenn der äußere nicht gesichert ist. Friede geht also nur über Entwaffnung und Reintegration. Deshalb hat die Regierung mit Unterstützung der UN-Friedensmission ein Programm zur „Demobilisierung, Entwaffnung und Reintegration“ aufgesetzt, dessen vordringlichstes Ziel die Entwaffnung von 73.000 Exkombattanten der Rebellen, der Rebellenarmee, der zivilen Verteidigungskräfte lokaler Bürgerwehren und der Streitkräfte der nationalen Armee war. Das Mandat ist gerade abgelaufen. Klugerweise, wie Francis Kai-Kai, der Generalsekretär des Programms, sagt, habe man Entwaffnung mit Reintegration verknüpft. „Die Idee hinter allem war, alle Kämpfer vom ersten bis zum letzten Schritt zu begleiten.“

Jeder im Land sollte verstehen, warum die UN-Truppen im Auftrag der Regierung die Kämpfer aus dem Busch holten, jeder sollte verstehen, warum Friede bedeutet, den Bruder, die Schwester, den anderen zu akzeptieren, vielleicht zu lieben, jedenfalls nicht zu töten. Die Rebellen brauchten eine neue Identität. Sie waren jung, von Macht und Einfluss verdorben. Sie raubten und nahmen, was sie wollten, Geld, Tiere, Frauen, Kühlschränke. Im Frieden haben sie nichts mehr. Kein Haus, keinen Freund, keinen Halt. Jetzt müssen sie zurück, zu den Witwen und Waisen, zu Müttern und Vätern, in die verwüs-tete Heimat. „Wer seine Waffe abgab, trug sich in eine Liste ein, bekam einen Reintegrationsausweis und erhielt ein Startkapital von 150 Dollar, cash auf die Hand, Grundbedürfnisversorgung, für Kleidung, Essen, Medikamente“, sagt Kai-Kai, wohl wissend, dass diese Art erkaufter Versöhnung umstritten ist, da hier Täter scheinbar belohnt werden, während ihre Opfer nach wie vor nicht mehr zum Leben haben als, rein statistisch gesehen, 50 Cent täglich. Und die meisten so dahindarben wie der 30-jährige Alpha Lansana im neu gebauten Dorf Motema, das der Norwegian Refugee Council im Busch kürzlich aus dem Nichts erschaffen hat.

Rebellen klopften an Lansanas Haustür. 6. Januar 1999, sie traten die Tür gleich ein, kamen ins Schlafzimmer, legten auf ihn an, zielten auf die Kniescheiben, schossen, zündeten seine Wohnung an, erschossen seine sechsjährige Tochter, zogen weiter. Alpha robbte sich heraus, sah tote Freunde und amputierte Arme und Bekannte ohne Ohren. Er überlebte, irgendwie, verbrachte drei Jahre im Amputee Camp in Freetown-Aberdeen, mit Tausenden anderen, die irgendwie überlebt hatten. Vor vier Monaten verfrachtete man Alpha von Freetown in den Busch nach Motema. „Zweimal täglich bitte ich Gott um das täglich Brot und ein langes Leben.“ Bislang hat Gott ihn erhört. Sein täglich Brot ist Bulgur, ein Getreide. Alpha, seine Frau, die drei verbliebenen Kinder und sein jüngerer, am grauen Star langsam erblindender Bruder kriegen pro Monat einen Sack Bulgur. Nicht von der Regierung. Von der amerikanischen NGO World Vision.

Im Eck der Küche, in der sonst nichts steht, steht der 50-Kilo-Sack mit dem Aufdruck „USA“. Mittags gibt es Bulgur. Abends gibt es Bulgur. Ein Hühnchen kostet zwei Euro. Zwei Euro sind ein Vermögen. In Motema gibt es keine Hühner. Alpha sitzt im Rollstuhl. Sein Rollstuhl ist defekt. „Ich habe nichts zu tun.“ Er hat jeden Tag nichts zu tun. Wenn er könnte, würde er wieder mit Kakao und Kaffee handeln wie vor dem Krieg. Zwei seiner Kinder sind raus zum Betteln. Sie gehen jeden Tag betteln. Wenn sie wiederkommen, essen sie Bulgur. Alpha kriegt keinen einzigen Leone von der Regierung. Keinen Leone von sonst wem. Er kriegt jeden Monat einen Sack Bulgur. „World Vision hat gerade beschlossen, die Bulgur-Lieferungen aufzugeben“, sagt Alpha. Den Grund kennt er nicht. Er ruft Gott weiter um sein täglich Brot an. Was soll der zerschossene Alpha Lansana im idyllischen Busch von Motema sonst tun, da nichts zu tun ist?

„Sehen Sie“, sagt Francis Kai-Kai im nüchternen Ton des Versöhnungstheoretikers, „die ersten Tage nach der Entwaffnung sind die schwierigsten für die Kämpfer und entscheidend für einen stabilen Friedensprozess. Wir gaben ihnen die Freiheit, alles zu tun, was sie wollten.“ Die Kämpfer mussten sich nur registrieren lassen und konnten sich dann eintragen für eine Schreiner-, Schuhmacher-, Hufschmied- oder Schneiderlehre. Es gab welche, die das Feld bestellen wollten, andere, die zurück in die Schulen gingen, und jene, die nichts wollten außer einem Job und keinen gefunden haben und nun betteln oder handeln, womit auch immer, was nicht ungefährlich ist. Denn wenn es nichts mehr zu handeln gibt, keinen Job, nur Frustration, handeln sie bald mit Waffen oder nennen abermals „Rebell!“ ihren Beruf, und dann sind sie wieder wer, kleine Terminatoren mit einer Lust an der Verführung der Macht, mit der Lust am Respekt, den man ihnen entgegenbringt, dann ist der Stolz groß und der labile soziale Friede dahin.

Das Reintegrationsprogramm lief für jeden der registrierten Exkombattanten ein halbes Jahr lang, zu 30 Dollar monatlich je für Essen, Unterrichtsbücher oder Schuluniformen. In diesen sechs Monaten sind viele Bürgerkrieger Teil der neuen Bürgerschaft, der Gemeinden, Teil der sich schöpfenden Gesellschaft geworden. Sie haben begonnen, sich selbst zu vergeben, zu verstehen und manchmal sich zu schämen für Dinge, die sie Frauen wie Salematu Thoronka angetan haben.

Dazwischen passt ein Beinpaar. Vierzig Betten stehen in der Krankenstation des umgerüsteten Kreuzfahrtschiffs Anastasis an Freetowns Deep Water Quay. Die Bettenauslastung ist total. Auf Deck B ist es so eng wie lebhaft: Kinder, Gatten, Eltern; Prediger in Aufruhr, Schwestern in Gebetsinnigkeit. Zu sehen: geschwollene Gesichter, aufgepumpte Hälse, genähte Lippen, gehobene Augen, sich beim Atmen sackartig aufblasende Gesichtshäute. In Bett 33 liegt eine 26-jährige, allem Anschein nach kleinwüchsige Frau. Über ihr hängt der Fernsehmonitor, in der Endlosschleife wird ein Zeichentrickfilm gespielt: Moses, durchaus martialisch. Salematu Thoronka hat sich auf die rechte Seite gedreht. Ihre Stimme ist leise. Oben brüllt der Moses sein Volk auf Amerikanisch an. Die Kinder blicken auf den Monitor, und aus dem Nichts fängt Salematu zu berichten an, von jenem Samstag im Jahr 1997, als die Rebellen in ihre Heimatstadt Makeni einfielen, als sie, ihre Eltern und ihre sieben Geschwister sich vor dem Haus aufstellen mussten.

Der Vater sollte alles Geld herausgeben. Er habe keines, so der Vater. Da steckte einer ihm einen Schein zu, ein anderer holte denselben sogleich heraus, und ohne zu zögern schoss ein Dritter dem Vater ins Herz. Wer weine, sagten die Rebellen, werde gleich dazu erschossen. Sie räumten das Haus aus, und während sie es anzündeten, begaben sich die vaterlosen Thoronkas auf den Weg ins nächste Dorf. Salematu lief vornweg. „Ich musste den ganzen Weg lang weinen.“ Kurz vorm Dorfeingang kamen aus dem Buschdickicht vierzig Rebellen, einige sieben, acht, andere dreißig oder vierzig Jahre alt. Ihr Commander war eine große, kräftige Frau. „Sie nannten sie Adama.“

Du sollst nicht weinen!, habe Adama sie angeherrscht, sagt Salematu, und sie sagt, dass zwei von Adamas Rebellen einen Streit inszeniert hätten: Beide Füße, nein, beide Arme, nein, lieber den Po oder die Hände oder Po und Füße? „Lass uns ziehen!“ Sie beschrifteten und zerknüllten sechs Zettel und warfen sie in einen Topf. Salematu musste einen Zettel ziehen. Einer faltete auf, las vor, und dann packte sie jemand von hinten, und Adama sagte: Okay. Zwei Rebellen schlugen Salematu mit der Machete beide Pobacken ab, schälten das Fleisch herunter wie Schlachter. Sie waren betrunken und jubelten. Dann legten sie Salematus rechtes Bein auf einen Holzstamm. Der Schlachter benötigte drei Hiebe, um den Fuß vom Schienbein zu trennen. Der Fuß fiel zu Boden. Die Zuschauer johlten und lachten. Für den linken Fuß brauchte der andere Schlachter ebenfalls drei Hiebe. Das machte die Schlachter zu Helden. Salematu wurde ohnmächtig.

An den Schmerz kann sie sich nicht erinnern. Sie weiß aus Erzählungen, dass ihr Bruder sie suchte, fand, die Wunden stopfte, die Stummel in Tücher hüllte, sie über die Schulter legte, in ein anderes Dorf rannte, wo er Überlebende fand, die Wein gaben, mit dem sie die Wunden behandelten. In Makeni übergab er Salematu den nigerianischen Ecomog-Truppen, die sie in ein Krankenhaus einwiesen, wo in jenen Tagen Hunderte Fuß, Bein-, Hand- und Armamputierte ihre Stummel pflegten.

Salematu Thoronka kam im Januar auf die Anastasis, weil sie einen Dekubitus am Ischiasnerv hat, ein Loch im wund gelegenen Fleisch. Vor kurzem haben die Ärzte Oberschenkelhaut transplantiert und das Loch überspannt. Den körperlichen Schmerz erträgt sie.

„Und die Erinnerungen?“

„Ich habe nichts weiter zu wollen, als zu vergeben.“

„Kann man sich das vornehmen?“

„Jesus hat gesagt: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Also soll ich das auch tun. Ich bete jeden Tag zu Gott.“

Oben führt Moses sein Volk aus Ägypten. Die Tochter schläft. Abie ist das vierte Kind. Salematus Mann starb vor sechs Monaten an Malaria. Zwei Tage fieberte er. Dann war er tot. Vor ein paar Monaten hat Salematu Adama gesehen. Sie ging an ihrem Haus vorbei. Hätte sie sie ansprechen sollen? Vielleicht? Nein, vermutlich hat Adama nicht gewusst, was sie tat…

Wer mit Hass im Herzen lebt, lebt nicht. Salematu lebt. 500.000 Menschenleben hat der Bürgerkrieg gekostet. Und Salematu Thoronka lebt. Ihr Leben geschieht im Liegen. Aber es geschieht. Sie spielt mit den pflaumenfarben lackierten Nägeln ihrer Finger, und oben flieht Moses fort ins Gelobte Land.

Wie konnte dieser Krieg möglich sein? Alle stellen sich diese Frage, immer und immer wieder, und niemand vermag zu sagen, was genau die Ursachen waren. Die meisten haben den Glauben an das Gute im Menschen verloren und glauben nur noch an Gott. Nie, sagt Pastor Mark Sesay nach der Feier des Geistes in Tintafore, zu der er, auch unter den Patienten auf der Anastasis für den Herrn werbend, allsonntäglich die Exkämpfer und ihre Opfer einlädt, habe es vorher, nie nachher ein solches Ausmaß an Rohheit, Raub, Mord und Gewalt gegeben. „Wir zeigen den Menschen, wie man zu vergeben lernt, wie sie die Verbitterung loswerden, wie sie Freude finden und lernen, Gott zu vertrauen, dass er ihre Umstände ändert.“

Im Krieg, sagt der Pastor, seien viele zu Christen geworden, weil die Christen den Opfern beigestanden hätten. Seit Kriegsende strömen die Menschen von den Straßen und aus dem Busch in die lagerhallenartigen Gotteshäuser, um sich von den Methodisten, den Baptisten, den Neuapostolikern oder den Assemblies of God, wie Mark es ausdrückt, „retten“ zu lassen. Die Sierra Leoner, sagt der lächelnd-zarte, seelenfangende Missionar, seien friedfertig und friedliebend, und freundlich sind sie in der Tat, sanft, hilfsbereit, gastfreundlich, aufgeschlossen, warmherzig, von britischer Zurückhaltung, fast lethargischer, jedenfalls anrührender Gelassenheit, das entgeht einem nicht. Valnora Edwin, Menschenrechtsbeauftragte der einheimischen NGO Campaign for Good Governance nun aber sagt, die Reizbarkeit habe zugenommen. Es gebe Spannungen, die Hemmschwelle sei generell gesunken, man wisse, dass Rebellen gejagt und geprügelt würden, dass Schüler Lehrer schlügen, Lehrer Schüler und dass der Drogenmissbrauch gestiegen sei, kurzum: „Der Krieg hat die Gesellschaft vergiftet.“ Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 30. Die Analphabetenrate liegt bei 80 Prozent. Die meisten Exkombattanten fahren Taxi, doch die Gallone Benzin kostet drei Dollar, und es gibt jetzt viele Taxis und noch mehr Privatautos und kaum jemanden, der sich eine Fahrt leisten kann. Keiner weiß, wer da am Steuer sitzt. Im Taxi schweigt man besser. Sheku Jalloh und Saidu Kargbo flüstern ohnehin meist. Man kennt sie. Man kennt ihre Gesichter. Manchmal wechseln sie die Straßenseite. Sie weichen den Frauen aus, die sie vergewaltigten, und den Kindern, deren Eltern sie töteten.

Die Rebellen öffneten die Gefängnisse von Freetown am jungen Mittwoch, dem 6. Januar 1999, und ließen Angehörige der vormaligen Militärjunta frei. Sie versorgten sie mit Waffen, und sie zogen zum State House. Sheku sagt, er sei damals 13 gewesen. Heute sei er 17. Sein Körper ist reifer. Vermutlich ist er 20. Vielleicht heißt er auch gar nicht Sheku. Vielleicht ist der scheue Sheku ein anderer im selben vernarbten Körper. Vielleicht hat er sich eine neue Identität geschaffen, vielleicht eine bekannte geborgt. Vielleicht glaubt er daran. Vielleicht spielt er damit. Wahrscheinlich ist, dass die meisten der 25000 Kindersoldaten in Sierra Leone nicht wissen, wann sie geboren wurden. Sicher ist, dass sie erst jetzt zu leben anfangen, als Christ, als wiedergeborenes Ich, das liebt und hofft und leidet.

Jetzt betet Sheku allabendlich mit Saidu. Saidu ist Shekus bester Freund. Wenn es Saidu als Saidu wirklich gibt. Am 6. Januar 1999 war Saidu Kargbo 12, wenn es stimmt, dass er heute 17 ist. Er war der Zweite Commander der Rebelleneinheit um einen Führer namens Superman. Der hat ihn im Alter von drei Jahren entführt und Saidu getauft. Dass Saidu Bepi Berton liebt, daran gibt es keinen Zweifel. Bepi Berton hat ihn den Rebellen entrissen, irgendwann nach dem 6. Januar 1999, als Saidu einen Checkpoint bewachte. Manches bleibt unklar. Wenn es passt, macht Saidu von seinem Recht auf Amnesie Gebrauch. Verbürgt ist, dass Bepi Berton, in weißer Robe und in Begleitung zweier Nonnen, den Rebellen zugerufen hat: „Lasst die Kinder gehen!“ Dann hat er Saidu gewunken, in seinen Jeep gepackt und ist, mit weißem Tuch am Rückspiegel, im Bomben- und Patronenhagel durch das infernalische Freetown gefahren. Warum es Saidu war, ist nicht zu erklären. Zu erklären ist nur, dass es missionarischer Eifer war, der Bepi Berton trieb.

Am Ende des mäandernden Pfades zum Meer, durch ein halb geöffnetes Eisentor, eröffnet sich in Lakka Beach die Welt von St. Michael’s, in deren Geheimnis eine Tafel einführt: „Christ gestern heute und ewiglich.“ Das Gebäude, ein altes 40Zimmer-Hotel, ist ein Haus der Bedürftigen, in dem 60 elternlose, von den Eltern verstoßene, gliedmaßenamputierte, rebellengeschwängerte Waisen-, Straßen- und Kriegskinder zusammen das Prinzip Hoffnung leben. Der Pfad zur gelebten Vergebung führt zu Vater Bepi Berton in St.Michael’s, dem Missionar der St. Francis Xavier Missionary Society, der, vor 72 Jahren im norditalienischen Vicenza geboren, seit 1964 in Sierra Leone lebt, das Land, die Menschen und ihre Kultur erfahren hat, die korrupten Präsidenten, den regierungsamtlichen Diamantenschmuggel, die Armut, den Verfall der Sitten, das Sterben Gottes. Lieber als jedes priesterliche Pathos praktiziert er einen unerschrockenen Stoizismus, mit dem er den seelenverkümmerten Kindern Liebe predigt.

Sheku und Saidu lümmeln sich auf dem Balkon. Lange können sie nicht an einer Stelle sitzen. Sie tippeln mit den Füßen, stehen auf, setzen sich wieder. Und dann erzählen sie den anderen beim gemeinsamen Essen in St. Michael’s Küche, wie es sich anhört, wenn ein Bein mit der Kettensäge gefällt wird. Shekus anderer Freund heißt Umar. Er war es, dem die Rebellen die Beine „geschält“, das Fleisch herabgeschnitten, den linken Fuß abgehackt haben. Zehnmal wurde er in den vergangenen zwei Jahren operiert. Sei’s drum. Umar klatscht Sheku in die Hand. Er klatscht einen Mörder ab. Er klatscht die Vergangenheit ab. Dann humpelt er an den Strand, um nichts zu tun und kurz darauf wieder zurückzuhumpeln, und Sheku zieht sein Hemd hoch und weist, „hier!“, auf Schnittnarben auf seiner Brust hin, dann auf die am Handgelenk: „Sie haben uns mit Rasierklingen die Haut aufgeschnitten und Kokain reingerieben.“

„Sie?“

„Die Commander. Alle zwei Tage. Marihuana und Kokain. Da fühlt man nichts mehr, kein Mitleid. In solchen Zuständen haben wir die Frauen aufgeschlitzt.“

Es ist nicht zu sagen, wer aus Sheku spricht. Manchmal bricht ein fratzenhaftes Lachen hervor, kurz darauf fällt er in sich zusammen. Tagesalbträume. Nächtliches Schwitzen. Irgendwelche Geister. Jeden Tag. Wenn es um ihre persönliche Verantwortung geht, reden Sheku und Saidu schnell vom Wahnsinnspulver, mit dem sie zu Kampftieren gemacht worden seien, obwohl gerade Saidu Zweiter Commander war und mit seinen 12, 13 Jahren 500 Leute so befehligt hat, dass die einfältigeren der Kameraden ihm – da kommt die Fratze! – Geschenke machten und er auf ihre Füße schoss, wenn er Geld oder Schmuck wollte. Wenn das alles wieder zu bedrängend wird, wenn sie sagen wollen, dass sie jetzt geläutert seien und sich für all die Entmenschlichungen schämten, dann reden sie von Vater Berton und von Gott. Sie hoffen, dass Gott ihnen endlich die Erinnerungen nimmt und dass Vater Berton ihnen dabei hilft.

Am Strand von Lakka Beach begegnet Sheku drei Mädchen, die sich prostituieren. Sie rufen ihn „fuckin’ Nigga“. Mindestens eine könnte er damals… „Fuckin’ Nigga!“, schreien sie wieder. Sheku ist zum ersten Mal verlegen. Ist es echte oder inszenierte Scham? Viele Frauen Freetowns kennen Shekus Gesicht. Er muss eine Vergewaltigungsmaschine gewesen sein. In die Stadt geht er nie. Seine Angst vor Menschen im Frieden ist zu groß. Und zu Hause, im Distrikt Kono, will ihn keiner haben.

Kono liegt an der Grenze zu Liberia und Guinea. Hier wütete der Bürgerkrieg besonders heftig, denn Kono sitzt auf Diamanten. Der Bürgerkrieg war nach Überzeugung vieler ein Diamantenkrieg. Die Rebellen gruben überall, selbst in den Kellern der Häuser der Provinzhauptstadt Koidu. Vor einem Jahr lag Koidu noch brach. Die Stadt war total zerstört. Kriegsvernarbt ist sie noch jetzt, und unverdrossen wird in den Straßen gemauert, gesägt, gehämmert. Schreiner wuchten neu geschnitzte Bettgestelle an den Rand der Kainkordu Road, deren roter Staub sich auf alles Erreichbare legt. Mit Palmwedeln wird der Boden gefegt, Gestalten kriechen aus Schlitzen und Löchern, Männer flanieren, das Transistorradio am Ohr, von hier nach dort, Frauen balancieren Schalen mit Riesenmakrelen auf dem Kopf, und immer dominieren die weißen Pick-ups, Landrover und Lkws der Vereinten Nationen das Bild einer Straße ohne Regelwerk.

Um Koidu herum ist die Erde aufgeworfen. Man spricht von 100 Diamantenminen. 1.500 Dollar kostet die Lizenz für ein Jahr, die das Minenministerium ausstellt. In Koidu sammeln sich die Exkombattanten und lassen sich von den meist libanesischen Lizenzbesitzern anwerben. Rebellen, Bürgerwehrkämpfer, ausgemusterte Kriegshelden, alle stehen verlumpt und knöcheltief im Schlamm des Eldorado und graben nach ihrem kleinen Glück, neben- und miteinander, für zwei Tassen Reis am Tag, zehn Stunden Bücken, Sieben, Ausschütten.

Und wenn die Moskitos kommen, gehen sie heim in ihre Lehmhütten, die Schaufel über der Schulter, das Sieb in der Hand, ohne dass der Tag einen Ertrag oder mindestens einen Sinn abgeworfen hätte, und im Dämmerdunst des Zwielichts beginnt in der Kainkordu Road, gegenüber dem verratzten Jackpot Palace, auf dem staubenden Platz vorm libanesischen Supermarkt Sky Kay Enterprises, sich plötzlich das Leben zu entäußern, und über der Stadt liegt ein wahnsinniger Friede. Unterm halben Mond schütteln, zucken, wackeln und drehen sich erst sechs, dann zehn, dann zwanzig Kinder und zaubern, zum stampfenden Beat des westafrikanischen Pop, mit ihren Körpern ein ekstatisches Wunderwerk hervor, und was als Kinderdisko begann, wächst sich Strophe für Strophe, Song für Song aus, erst kommen die Jugendlichen dazu und dann die Mittelalten und dann ein paar wippende Greise. Und dann tanzt die halbe Stadt, tanzen die einstigen Kontrahenten des brutalsten Bürgerkriegs moderner Zeiten, Freund und Feind vereint, singen und tanzen hinweg über die Abgründe ihrer traurigen Geschichte, versöhnt in der Magie des Moments.

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