Sierra Leone Killer üben NächstenliebeSeite 8/8

Es ist nicht zu sagen, wer aus Sheku spricht. Manchmal bricht ein fratzenhaftes Lachen hervor, kurz darauf fällt er in sich zusammen. Tagesalbträume. Nächtliches Schwitzen. Irgendwelche Geister. Jeden Tag. Wenn es um ihre persönliche Verantwortung geht, reden Sheku und Saidu schnell vom Wahnsinnspulver, mit dem sie zu Kampftieren gemacht worden seien, obwohl gerade Saidu Zweiter Commander war und mit seinen 12, 13 Jahren 500 Leute so befehligt hat, dass die einfältigeren der Kameraden ihm – da kommt die Fratze! – Geschenke machten und er auf ihre Füße schoss, wenn er Geld oder Schmuck wollte. Wenn das alles wieder zu bedrängend wird, wenn sie sagen wollen, dass sie jetzt geläutert seien und sich für all die Entmenschlichungen schämten, dann reden sie von Vater Berton und von Gott. Sie hoffen, dass Gott ihnen endlich die Erinnerungen nimmt und dass Vater Berton ihnen dabei hilft.

Am Strand von Lakka Beach begegnet Sheku drei Mädchen, die sich prostituieren. Sie rufen ihn „fuckin’ Nigga“. Mindestens eine könnte er damals… „Fuckin’ Nigga!“, schreien sie wieder. Sheku ist zum ersten Mal verlegen. Ist es echte oder inszenierte Scham? Viele Frauen Freetowns kennen Shekus Gesicht. Er muss eine Vergewaltigungsmaschine gewesen sein. In die Stadt geht er nie. Seine Angst vor Menschen im Frieden ist zu groß. Und zu Hause, im Distrikt Kono, will ihn keiner haben.

Kono liegt an der Grenze zu Liberia und Guinea. Hier wütete der Bürgerkrieg besonders heftig, denn Kono sitzt auf Diamanten. Der Bürgerkrieg war nach Überzeugung vieler ein Diamantenkrieg. Die Rebellen gruben überall, selbst in den Kellern der Häuser der Provinzhauptstadt Koidu. Vor einem Jahr lag Koidu noch brach. Die Stadt war total zerstört. Kriegsvernarbt ist sie noch jetzt, und unverdrossen wird in den Straßen gemauert, gesägt, gehämmert. Schreiner wuchten neu geschnitzte Bettgestelle an den Rand der Kainkordu Road, deren roter Staub sich auf alles Erreichbare legt. Mit Palmwedeln wird der Boden gefegt, Gestalten kriechen aus Schlitzen und Löchern, Männer flanieren, das Transistorradio am Ohr, von hier nach dort, Frauen balancieren Schalen mit Riesenmakrelen auf dem Kopf, und immer dominieren die weißen Pick-ups, Landrover und Lkws der Vereinten Nationen das Bild einer Straße ohne Regelwerk.

Um Koidu herum ist die Erde aufgeworfen. Man spricht von 100 Diamantenminen. 1.500 Dollar kostet die Lizenz für ein Jahr, die das Minenministerium ausstellt. In Koidu sammeln sich die Exkombattanten und lassen sich von den meist libanesischen Lizenzbesitzern anwerben. Rebellen, Bürgerwehrkämpfer, ausgemusterte Kriegshelden, alle stehen verlumpt und knöcheltief im Schlamm des Eldorado und graben nach ihrem kleinen Glück, neben- und miteinander, für zwei Tassen Reis am Tag, zehn Stunden Bücken, Sieben, Ausschütten.

Und wenn die Moskitos kommen, gehen sie heim in ihre Lehmhütten, die Schaufel über der Schulter, das Sieb in der Hand, ohne dass der Tag einen Ertrag oder mindestens einen Sinn abgeworfen hätte, und im Dämmerdunst des Zwielichts beginnt in der Kainkordu Road, gegenüber dem verratzten Jackpot Palace, auf dem staubenden Platz vorm libanesischen Supermarkt Sky Kay Enterprises, sich plötzlich das Leben zu entäußern, und über der Stadt liegt ein wahnsinniger Friede. Unterm halben Mond schütteln, zucken, wackeln und drehen sich erst sechs, dann zehn, dann zwanzig Kinder und zaubern, zum stampfenden Beat des westafrikanischen Pop, mit ihren Körpern ein ekstatisches Wunderwerk hervor, und was als Kinderdisko begann, wächst sich Strophe für Strophe, Song für Song aus, erst kommen die Jugendlichen dazu und dann die Mittelalten und dann ein paar wippende Greise. Und dann tanzt die halbe Stadt, tanzen die einstigen Kontrahenten des brutalsten Bürgerkriegs moderner Zeiten, Freund und Feind vereint, singen und tanzen hinweg über die Abgründe ihrer traurigen Geschichte, versöhnt in der Magie des Moments.

 
Service