Ich habe einen Traum "Wie wär's mit einem Film ohne Film?"

Anthony Minghella, Regisseur von "Der Englische Patient" und "Unterwegs nach Cold Mountain", ist im Alter von 54 Jahren gestorben. Vor vier Jahren erzählte er der ZEIT seinen Traum

In den letzten drei Monaten habe ich ein Interview nach dem anderen zu gegeben. Die PR-Arbeit für diesen Film erinnert mich an das Verspeisen von Herzmuscheln. Wie man da das Fleisch mit einer Nadel aus der Schale holt, so fühlt es sich auch für mich an – als ob ich mit einer Nadel gestochen werde und jeden Tag eine Unze von mir abgeben muss. Ich träume davon, von diesem täglichen Ritual befreit zu sein, diesem allmählichen Verkümmern der Seele zu entkommen.

An diesem Februartag sind meine Tagträume erfüllt mit der Vorstellung eines ganz anderen Lebens. All diese Träume haben mit Zurückgezogenheit zu tun. Ich träume davon, nicht sprechen zu müssen. Zugang zu einem Klavier zu haben. Zu meinem zivilen Leben zurückzukehren, als Vater, Ehemann, Freund – all diese Dinge, die ich völlig vernachlässigt habe, während ich mit einer so aufreibenden Filmproduktion wie Cold Mountain beschäftigt war.

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Es ist der prosaische Traum von der Heimkehr. Der Traum eines Menschen, der in zu vielen Hotelzimmern geschlafen hat.

Vor kurzem träumte ich davon, in meinem eigenen Bett zu liegen. In meinem Schlaf klingelte ein Wecker, der erinnerte mich an den Wecker meiner Frau. Dann war da dieses Kratzen an der Tür – genau das Geräusch, das unsere Katze macht, wenn sie ins Schlafzimmer gelassen werden will. Es war so ein beglückender Traum! Dann wachte ich auf und stellte fest, dass ich tatsächlich in meinem eigenen Bett lag. Ich war für eine Nacht nach London gekommen, am nächsten Tag war ich schon wieder unterwegs.

Ich träume von einem Tag, an dem mir nicht morgens ein Terminplan unter der Zimmertür durchgeschoben wird. Es sind dabei vor allem zwei Dinge, nach denen ich mich sehne: nach dem Glück eines unstrukturierten Tages. Und danach, Zeit zu haben für andere Arten des Träumens – das Leben des Geistes, das Schreiben.

Für mich ist Schreiben eine Art kontrollierter Traumzustand. David Bleimann, ein Freund von mir in San Francisco, macht Langzeitbelichtungen von schlafenden Paaren. Sie sind ganz erstaunlich, denn sie zeigen uns, wie aktiv wir sind, wenn wir schlafen, dauernd ändern wir unsere Position im Laufe einer Nacht. Ich habe mich oft gefragt, wie wohl eine Langzeitbelichtung von mir aussehen würde – nicht in der Nacht, sondern tagsüber, wenn ich schreibe.

Wie die meisten Autoren versuche ich, mein Bewusstsein umzulenken, abzulenken. Während ich versuche, in diesen Traumzustand zu gelangen, muss ich viel herumwandern. Ich finde es amüsant, wie zufällig meine Bewegungen sind; manchmal schreibe ich übers Klavier gebeugt, manchmal auf dem Boden liegend, manchmal im Stehen. Überall im Haus sind die Überreste eines Schreibtages zu finden, jeder Tag hat eine bestimmte Topografie.

Es ist, als ob alles, was ich schreibe, schon in irgendeiner Schublade existiert, die sich zufällig öffnet oder schließt. Manchmal für eine Sekunde, manchmal eine Stunde lang, manchmal für einen ganzen Tag – es ist unvorhersehbar, aber wenn es passiert, muss man bereit sein, alles aufzuschreiben. Damit die Schublade sich öffnet, muss ich in einem bestimmten Zustand sein – in einer Art Wachtraum. In diesem Zustand gibt es keinen Platz für Analyse oder für die Überprüfung einzelner Fakten. Es ist ein Ort des Fühlens und des Sehens.

Sicherlich kennen die meisten Schriftsteller diesen seltsamen Zustand. Ich fühle mich immer beschämt und verwirrt von bestimmten Autoren, die nach der Stechuhr schreiben können – morgens von sieben bis elf zum Beispiel. Die müssen einen fantastischen Sinn für Strukturen haben. Für mich ist Schreiben eine chaotische Angelegenheit. Ein großer Teil des Vergnügens liegt in diesem Chaos.

Weil mein Leben zurzeit so reglementiert ist, sehne ich mich nach einem Tag ohne Zeitplan, ohne die Tyrannei von Terminen und Aufgaben. Es gab solche Zeiten schon, in denen ich nur geschrieben habe – und damals habe ich mir natürlich, wir sind alle pervers, eine Struktur gewünscht, feste Regeln, ein Ziel. Der tägliche Gang zum selben Coffeeshop wurde sehr wichtig, ich versuchte, mit irgendwelchen Aufgaben die Leere eines Tages zu füllen, bloß um so etwas wie ein Leben zu haben. Jetzt möchte ich alle Verpflichtungen hinter mir lassen und zum Ort der Inspiration zurückkehren.

Um ganz ehrlich zu sein: Alles, was ich in meiner freien Zeit mache, ist, einen Film zu träumen – einen Film, der nie ein Film sein wird. Ich träume davon, wie Bilder wirken könnten, wenn sie nicht von einer Erzählung eingeengt würden oder von dem Bedürfnis nach Klarheit. Ich könnte eine ganze Jukebox voller Filmträume abspielen: einen Film ohne Studio, einen Film ohne PR-Tour, einen Film ohne Budget, einen Film ohne Kritiker; vielleicht sogar einen Film ohne Zuschauer; wie wär’s mit einem Film ohne Film? Doch am meisten träume ich von einem Film ohne Uhr.

Wenn ich eine Sache gern los wäre, dann wäre es meine Armbanduhr. Nicht nur die an meinem Handgelenk, sondern vor allem die, die ständig in mir tickt, wenn ich einen Film mache. Diese Uhr wird in deinem Kopf immer größer und größer. Sie tyrannisiert dich. Es fängt an mit der Uhr des Drehplans. Wenn man filmt, tickt dieser riesige Zeiger den ganzen Tag. Im Schneideraum versucht man dann, alles, was man hat, in eine bestimmte Länge zu bringen. Die Dringlichkeit der Uhr ist immer dabei. Dann ist da die Paradoxie der verschiedenen Zeitebenen: Ich habe über vier Jahre lang an Cold Mountain gearbeitet. Die Zuschauer sehen den Film in zweieinhalb Stunden.

Ich stelle mir eine Uhr vor, wie sie Salvador Dalí gemalt hat. In meinem Filmtraum ist Zeit irrelevant, und alles ist elastisch.

Der Zwang zur Klarheit, der mit einem großen Film mit großem Budget einhergeht, löst bei mir einen gewissen Trotz aus. Vermutlich sind die meisten Träume ein Gegenmittel, eine Argumentation gegen das eigene Ich. Ich bin zum Beispiel fasziniert von einer Art des Schreibens, die niemandem gefallen will. Ich bin fasziniert von der Vorstellung, diesem Trotzimpuls nachzugeben und jegliches anständige Verhalten abzuschütteln, in jeder Hinsicht.

Es ist allerdings bezeichnend für meine Persönlichkeit, dass meine Träume oft sehr vernünftig sind. Einen Film mit besonders ehrgeizigen Ideen und Strukturen würde ich mit sehr wenig Geld machen, sodass es nicht so viel ausmacht, wenn ich das Ding in den Sand setze. So ein Projekt könnte auch meinen Stoffwechsel etwas beschleunigen. Jeder meiner Filme dauert noch länger als der vorangegangene. Ich würde gern einen ganz anderen Film nach einer ganz anderen Uhr machen. Die flüssige Uhr von Dalí wäre immer noch der Maßstab, aber sie würde sehr viel schneller ticken.

Ich habe einen wiederkehrenden Traum, der von Zeit und Verantwortungslosigkeit handelt. Als Student lebte ich in Yorkshire in einem winzigen Haus. Ich träume manchmal, dass ich immer noch für dieses Haus zuständig bin und es im Stich gelassen habe. In den Jahren seit meiner Studentenzeit ist dieses Haus verfallen. Der Garten ist verwahrlost, an den Decken und Wänden wächst der Schimmel. Es ist in einem erbärmlichen Zustand, die Nachbarn sind wütend, und ich selbst bin außer mir, weil ich dieses Haus völlig vergessen habe und weil ich mich kein bisschen darum gekümmert habe. Wie konnte ich das nur geschehen lassen? Es ist einfach furchtbar.

Diesen Traum habe ich immer häufiger zum Ende eines großen Projekts hin, wenn mir klar wird, wie viele Häuser verwahrlost sind, weil ich so lange weg war. Man verschiebt sehr viel Verantwortung, wenn man einen Film macht. Man kann sich nicht um alles kümmern, und so opfert man am ehesten die wichtigsten Dinge im Leben, Freundschaften zum Beispiel – einfach, weil sie nicht so laut protestieren.

Das bin ich: ein gefallener Katholik. Schuld. Schuld. Schuld. Schuld.

Aufgezeichnet von Miranda Robbins


 
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