dutroux-affäre Tod eines Staatsanwalts

Was ist faul im Staate Belgien? Kaum bringt die Dioxin-Krise eine neue Regierung an die Macht, schon wird der oberste Skandalermittler erschossen aufgefunden. Mord, Missbrauch und Korruption holen das Land wieder ein

Lüttich
Oh, bizarres Belgien! Was ist das für ein Land? Der jüngste Skandal (Europa wird mit dioxinhaltigem Tierfutter überschwemmt) ist noch nicht ausgestanden. Die Coke-Hysterie (belgische Schüler, von denen einige Coca-Cola getrunken haben, leiden an rätselhaften Symptomen) hat sich gerade wieder gelegt. Eine neue Regierung ist angetreten und will alles anders und viel besser machen als ihre Vorgänger.

Da erheben sich, wie Untote, zwei alte Affären aus ihren Gräbern. Es ist, als wolle die Geschichte die Freudsche These vom Verdrängten bestätigen, das unverarbeitet wiederkehrt. Mord und Korruption, Vergewaltigung und Vertuschung, Missbrauch von Mädchen und Missbrauch von Macht holen das kleine Land wieder ein.

Dabei ist diesmal wahrscheinlich niemand bedroht, gequält oder ermordet worden. Hubert Massa, der stellvertretende Generalstaatsanwalt von Lüttich, hat sich, soweit man weiß, selbst erschossen - ohne eine Erklärung, auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Am 14. Juli, nur wenige Stunden nach einer ersten Besprechung mit dem neuen Justizminister Marc Verwilghen.

Massa war nicht irgendein Staatsanwalt. Als oberster Ankläger sollte er Licht in zwei der finstersten Kapitel der jüngeren belgischen Geschichte bringen: den Auftragsmord an dem korrupten wallonischen Sozialistenchef André Cools im Juli 1991, einem Mann, der höchstwahrscheinlich sterben musste, weil er zu viel über zu viele belgische Bestechungsaffären wusste.
Womöglich noch brisanter war Massas zweiter Fall: Er bereitete den Prozess gegen den Kinderschänder Dutroux vor, der in Belgien offiziell nun wieder als Einzeltäter gilt, nachdem lange von Verstrickungen bis in höchste Kreise der Macht die Rede war. Mehrere Zeugen haben seither unter rätselhaften Umständen das Zeitliche gesegnet. Nun, da auch der Ankläger tot ist, werden bis zum Prozess sicher noch zwei Jahre vergehen, Zeit, um manches zu vertuschen.

Was für ein Land! Belgien hat zwei Kulturen, drei Sprachen und sechs Regierungen. Es hat rund neun Millionen Einwohner, eine Staatsverschuldung von 8000 Milliarden belgischen Franc, 840 000 Beamte und, gemessen an der Zahl der Einwohner, den größten Polizeidienst in ganz Europa. "Belgien ist ein Bastard, im Jahre 1830 von Gott mit Europa gezeugt", sagt ein literarischer Spottvogel.

"Belgien ist krank bis auf die Knochen, ein Spektakel-Staat, ein politisches Theater, ein Kabarett", notierte 1991 ein junger liberaler Politiker. Guy Verhofstadt, Jurist aus Gent und intellektueller Kopf der liberal-demokratischen Partei Flanderns (VLD), versucht seit acht Jahren, sich selbst und die Bürger seines Landes aus dem Sumpf zu ziehen.

Belgiens Problem, das schrieb er vor zwei Jahren, sei die "Politisierung des gesamten Beamtenapparats". Kein Beamter, der einfach nur Beamter wäre - und nicht etwa Christdemokrat oder Sozialist, Flame oder Wallone, Mitglied eines christlichen oder eines sozialistischen Arbeitnehmervereins, einer christlichen oder einer sozialistischen Kranken- und Rentenversicherung. Und nicht nur sein Dienstherr, sondern auch die Seilschaften in den Parteien, den Volksgruppen und den sogenannten Säulen der christlichen oder sozialistischen Interessengruppen und Sozialversicherungen erwarten seine Loyalität.

Im Justizministerium, sagen Spötter, bekomme man ohne Parteibuch oder Empfehlung noch nicht einmal einen Putzjob. "Wer eine Sozialwohnung braucht, einen Prozess verschleppen will, einen Job möchte, geht in die Sprechstunde seines Politikers", schreibt der Journalist Claude Moniquet. "Klientelismus und Korporatismus unterhöhlen den Rechtsstaat", heißt es bei Verhofstadt. Belgien sei ein Staat ohne Gewaltenteilung; stattdessen gebe es "eine Hierarchie der Mächte. An der Spitze der Hierarchie steht die gesetzgebende Macht, darunter die Exekutive und ganz, ganz untendran die Judikative, die richterliche Macht."

Inzwischen steht Verhofstadt als neuer Ministerpräsident einer liberal-rot-grünen Dreiparteienregierung selbst an der Spitze dieser Hierarchie. Doch damit allein ist noch nicht viel gewonnen. Wird das Land, zum Beispiel, je imstande sein, die Dutroux-Affäre aufzuklären? Verhofstadts Justizminister Marc Verwilghen hat den Untersuchungsausschuss des Parlamentes geleitet. Damals versicherte er, beweisen zu können, dass der mutmaßliche Mörder und Vergewaltiger von An Marchal und Eefje Lambreks, von Julie Lejeune und Melissa Russo Teil eines weit verzweigten pädophilen Netzwerkes mit guten politischen Verbindungen sei. Doch der Ausschuss kam zu dem Ergebnis, Dutroux sei ein Einzeltäter.

Verfügten die Parlamentarier über neue Erkenntnisse? Oder trifft auch für sie die Analyse des neuen Regierungschefs zu, in Belgien seien die Kontrollorgane "nicht in der Lage, die Wahrheit ans Licht zu bringen"?

Mittlerweile soll Dutroux nicht einmal mehr des Mordes und des sexuellen Missbrauchs angeklagt werden, sondern lediglich dafür, dass er die entführten Mädchen gefangen hielt - "wenn Beeinflussung und vor allem politische Beeinflussung nicht ausgeschlossen sind, dann wird das Recht ein dehnbarer und vor allem käuflicher Begriff", schreibt Guy Verhofstadt.

Bis zum 14. Juli ruhten alle Hoffnungen, die Hintergründe der Affäre doch noch aufzuklären, auf den Schultern Hubert Massas. Man brauche, so hieß es, den 54-jährigen starken Mann in diesem hochsensiblen und politisch geladenen Prozess, nicht zuletzt, um das ramponierte Ansehen Belgiens wiederherzustellen. Zwei seiner Vorgänger waren in den letzten Jahren aus ihren Ämtern geschieden.
Der Staatsanwalt Fritz-Joseph Schmitz landete im März 1996 im Gefängnis, weil er sich die Regelung gerichtlicher Fälle bezahlen ließ (und das auch zugab, allerdings mit der herzerweichenden Erklärung, er habe das Geld nicht für sich selbst gebraucht, sondern armen Familien gespendet). Der Staatsanwalt Marc De La Brassine wurde im Dezember 1996 entlassen; auch er kam ins Gefängnis: wegen Fälschung, Betrugs und illegalen Besitzes von Kriegswaffen.

Inzwischen befinden sich die beiden Staatsanwälte wieder auf freiem Fuß - und ihr Nachfolger ist tot. Belgische Verhältnisse.
Wurde Massa bedroht? Hatte er deswegen eine Pistole im Haus? Einen Vorrat von Kugeln in der Schreibtischschublade? Hatte er überhaupt einen Waffenschein? Der zuständige Gerichtssprecher weiß keine Antwort.

Kurz vor seinem Tod, so berichtet die Tageszeitung De Morgen , traf sich Staatsanwalt Massa mit einem Brüsseler Italiener. Der habe den Mord an André Cools in die Nähe der sogenannten Venus-Club-Affäre aus den achtziger Jahren gerückt. Auch damals ging es um Mord und Korruption. Eine junge Frau starb, die als Sekretärin von einem illegalen Waffengeschäft erfahren haben soll. Ein Amerikaner, der später ebenfalls ermordet wurde, wollte eine "Superkanone" für den Irak entwickeln, deren Munition die belgische Firma PRB liefern sollte. Insgeheim, selbstverständlich, weil offiziell - ebenso selbstverständlich - das Waffenembargo für den Irak eingehalten wurde.

Hatte der Ankläger herausbekommen, warum ein Politiker sterben musste?

In der Woche vor seinem Tod habe Cools dazu Beweise in der Hand gehabt und gewusst, dass auch belgische Politiker in die Affäre verwickelt waren: Das soll Staatsanwalt Massa in der Woche vor seinem eigenen Tod erfahren haben. Georges Simenon hätte ein derartiges Szenario für einen Kriminalroman wahrscheinlich aus Gründen der Glaubwürdigkeit abgelehnt.

Die Belgier aber haben sich daran gewöhnt, Unglaubliches zu glauben. Beispiel Dutroux: Vor wenigen Wochen, mehr als ein Jahr nach den Untersuchungen der Kommission, kam heraus, dass einem Beamten der Reichswacht eines der wichtigsten Beweisstücke gegen den Kindermörder schon im Dezember 1995 vorlag - doch er ließ es in der Schublade verstauben. Es handelt sich um ein Videoband, das bei einer Haussuchung beschlagnahmt worden war. Das Video zeigt eine Vergewaltigung - der Täter: Dutroux. Ebenso wurde ersichtlich, dass er in seinem Keller an einem Umbau arbeitete. In ebendiesem Keller wurden im Dezember 1995 noch die beiden Mädchen Julie und Melissa festgehalten, während Polizisten der Reichswacht durch das Haus polterten, ohne das verborgene Verlies zu finden. Das Beweisstück blieb drei Jahre lang unangerührt beim Gericht von Charleroi liegen.

Weniger grausig, aber kaum weniger unglaublich ist die Schlamperei, die Belgien jetzt die Dioxin-Krise eingetragen hat. Der Tierarzt André Destrickere war es, der als Erster im Februar dieses Jahres beim Viehfutterbetrieb De Brabander im westflämischen Roselaere die blutenden, taumelnden Küken sah, die nach wenigen Schritten tot umfielen. Als Fachmann hätte der Tierarzt in der Lage sein müssen, die Symptome (die auch bei dem Dioxin-Unglück in Seveso bei Tieren beobachtet wurden) zu deuten und umgehend Alarm zu schlagen. Aber Destrickere hatte noch einen zweiten Job: Er war Berater des Viehfutterfabrikanten De Brabander. In dieser Eigenschaft riet er seinem Klienten, den Küken erst mal ein paar Wochen frische Luft zu gönnen. Erst im März unterrichtete er das Landwirtschaftsministerium - ein hübsches Beispiel für den Klientelismus, den der neue Ministerpräsident beklagt.

Vielleicht war der Tierarzt wirklich nur unfähig, vielleicht war er auch pflichtvergessen. Vielleicht wollte er auch so genau nicht wissen, was den kranken Hühnern fehlte - wer sich in der Geschichte der belgischen Skandale auskennt, der weiß, wie gefährlich es sein kann, die Methoden der belgischen Fleischproduktion aufklären zu wollen. Vier Jahre ist es jetzt her, dass in Flandern der Tierarzt Karel Van Noppen erschossen wurde, weil er nicht bereit war, sich mit der sogenannten Hormonmafia in der Fleischproduktion zu arrangieren. Zuvor war er bedroht, Kollegen waren zusammengeschlagen worden. Van Noppens Mörder wurde schließlich gefasst; die Hintermänner blieben, wie im Fall Cools, im Dunkeln.

Tierarzt Destrickere war nicht der Einzige, der im aktuellen Dioxin-Skandal eine schnelle Reaktion verhinderte. In einem Dossier, das am 14. April dem Gericht von Gent zugestellt wurde, steht wörtlich, die Ursache der Vergiftung sei vermutlich eine Ladung Fett mit hohem toxischem Gehalt. Das Genter Gericht leitete das Dossier weiter an den Staatsanwalt von Kortrijk, der es weiterschickte an den Polizeikommissar von Roselaere; da blieb es liegen. Erst am 31. Mai informierte das Genter Gericht die Öffentlichkeit. Da waren die verseuchten toten Tiere vom Februar längst zu Viehfutter verarbeitet und verkauft worden. Der Verbleib von weiteren 52 Tonnen unsauberen Fetts ist nicht geklärt; offenbar wurden sie ins In- und Ausland verkauft.

Hätten die Verantwortlichen schnell und korrekt gehandelt, hielte sich der Schaden vermutlich in Grenzen. Jetzt sind nicht nur belgische Hühnerfarmen betroffen, die ihr Futter bei De Brabander kauften. Fast tausend belgischen Zucht- und Mastbetrieben, berichtet De Morgen, erlegten die Behörden einen Produktionsstopp auf; etwa hundert seien schwer verseucht. Allein in Belgien müsse mit einem Schaden von 161 Milliarden belgischen Franc gerechnet werden. Derweil haben amerikanische Reisebüros Belgien aus ihren Programmen gestrichen; in Deutschland bemüht sich die Bild-Zeitung unter dem Motto "So erkennt man belgische Produkte" um den Verbraucherschutz. In Thailand wurde sogar ein belgisches Mückenspray aus den Regalen geholt.

Nun will die neue Regierung den Ruf der Produkte made in Belgium retten. Ein Imageberater wurde schon eingestellt. Nicht die Empörung über ungeklärte Morde mit politischem Hintergrund, nicht das Entsetzen über die Verbrechen eines Dutroux, weder der schweigende "weiße Marsch" vom Oktober 1996 noch der politisch ohnmächtige Protest der "weißen Bewegung" brachten die Wende. Erst als zwei Wochen vor den belgischen Wahlen im Juni auch noch die Dioxin-Krise explodierte, dachten die Belgier daran, sich von denen, die sie "die alten Krokodile" nennen, zu verabschieden.

"Glasnost" versprach der Kandidat - als gelte es, ein Sowjetregime zu stürzen

"Glasnost statt Korruption und Parteienwirtschaft" hatte Guy Verhofstadt, damals noch Oppositionspolitiker, bei einem Gespräch im Frühjahr 1998 versprochen - als wolle er nicht die bürgerliche Regierung einer mitteleuropäischen Demokratie ablösen, sondern ein Regime vom Schlage der Sowjetdiktatur Breschnews. Mit der Dioxin-Krise im Nacken und mit einer Vision von der verändernden Kraft einer offenen Demokratie vor Augen stellte er in der letzten Woche als neuer belgischer Premierminister seine blau-rotgrüne "Regenbogenkoalition" vor.

Was Verhofstadt anstrebt, ist eine Kur für die belgische Krankheit: "ein fundamentaler Bruch mit der Vergangenheit, und zwar in Bezug auf Wirtschaft, Demokratie, soziale Sicherheit und Volksgesundheit". Wie das konkret aussehen wird, bleibt abzuwarten; von Perestrojka war bislang nicht die Rede. Ob Zufall, Vergesslichkeit oder böses Omen: Der belgische König Albert II. versäumte es diesmal, nach der Vereidigung das traditionelle Glas Champagner auf den Erfolg der neuen Koalition zu trinken.

Mieke Vogels von den Grünen, die neue Ministerin für Soziales, Gesundheit und Chancengleichheit in Flandern, blieb trotzdem optimistisch. "Wir werden zusammen mit den Liberalen den belgischen Modder aufräumen, die Wirtschaft ökologisieren, die Dioxin-Krise bewältigen." Als sie nichts ahnend hinzufügte, dass man sicherlich auch noch "ein paar Leichen aus dem Schrank holen müsse", konnte sie noch nicht wissen, dass - makaber, aber wahr - im Raum Lüttich zu diesem Zeitpunkt schon ein toter Staatsanwalt an seinem Schreibtisch saß.

 
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