zeitgeschichteFrankreichs Stalingrad

Vor 50 Jahren begann die letzte Phase im Befreiungskrieg der Vietnamesen gegen die französischen Kolonialherren – die Schlacht um die Festung Dien Bien Phu. Was kaum bekannt ist: Auf beiden Seiten kämpften viele Deutsche von Sebastian Fellmeth

An einem Tag früh im Januar 1954 küsste Chien Si, Oberstleutnant der vietnamesischen Armee, vor seinem Aufbruch aus dem Luftschutzbunker seine jüngste Tochter noch einmal besonders innig. Diesmal habe er Angst, nicht zurückzukommen, gestand er seiner Frau. Die Kleine solle deshalb von nun an einen Namen tragen, der sie immer an ihn, ihren Vater, erinnern möge: Viet-Duc, also: Deutschland-Vietnam. Denn Chien Si hieß eigentlich Erwin Borchers und war 1906 im damals deutschen Straßburg als Sohn eines preußischen Offiziers und einer elsässischen Weingutstochter geboren worden. Den Namen Chien Si – der Kämpfer – hatte ihm Ho Chi Minh verliehen, zusammen mit einem Orden, als Anerkennung für seine Dienste beim Viet Minh, der vietnamesischen Befreiungsbewegung.

Borchers hatte seine vietnamesische Frau und seine drei Kinder schon oft in Viet Bac, dem nördlichen Rückzugsgebiet des Viet Minh, zurückgelassen, aber diesmal war es etwas anderes – diesmal stand eine große Schlacht bevor, die entscheidende.

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Wie Erwin Borchers verließen in diesem Winter Tausende Viet-Minh-Soldaten ihre Erdbunker, Felshöhlen und andere Verstecke und machten sich auf in den äußersten Nordwesten des Landes. Ihr Ziel war das Tal von Dien Bien Phu, einer bis dahin bedeutungslosen Durchgangsstation zwischen den nordvietnamesischen Bergen und dem laotischen Tiefland.

Dien Bien Phu heißt übersetzt "Große Kreisstadt an der Landesgrenze", war aber weniger eine Stadt als vielmehr eine Ansammlung kleiner Siedlungen in einem geräumigen Tal, an drei Seiten von schroffen, mit Gras und Bambus bewachsenen Bergen umschlossen und nur in Richtung Laos geöffnet. Diesen verlassenen Flecken hatten die französischen Militärs im Sommer 1953 ausgewählt, um dem Krieg gegen den Viet Minh die Wende zu geben.

Seit fast acht Jahren schleppte sich dieser Krieg (die Franzosen sprachen nur von groß angelegten "Polizeioperationen") schon hin, und es sah nicht gut aus für die Kolonialherren. Mit 70.000 Mann war das französische Expeditionskorps 1945 gelandet, nachdem Ho Chi Minh im September desselben Jahres – die japanische Besatzungsmacht war abgezogen – die unabhängige Republik Vietnam ausgerufen hatte. Vor den Japanern hatte, seit 1862, Frankreich in Indochina geherrscht, und General Charles de Gaulle wollte die koloniale gloire mit Klauen und Zähnen verteidigen, nicht zuletzt, um der Nation nach der militärischen Niederlage gegen Nazideutschland wieder neues Selbstbewusstsein einzuflößen. Jetzt, acht Jahre später, drohte ein Debakel.

Während der Süden, das spätere Süd-Vietnam, noch zu weiten Teilen unter der Kontrolle der Franzosen stand, herrschten über die meisten Gebiete des bergigen Nordens und des zentralen Hochlandes bereits Ho Chi Minhs Truppen. Nur die Städte Hanoi und Haiphong wurden von den Franzosen gehalten, waren aber fast täglich Angriffen der Guerilla ausgesetzt. Es gab keine einheitliche Frontlinie, an der die Kolonialtruppen ihre technische Überlegenheit hätten ausspielen können, stattdessen war jedes Gebüsch, jede Straße, jede Hotelterrasse Front. Nun drohte noch das gesamte nördliche Laos an den Viet Minh und die mit ihm verbündeten laotischen Kommunisten zu fallen.

Über 45.000 Franzosen und Fremdenlegionäre waren bereits tot, und täglich verschlang der Krieg ungeheure Summen. Nur durch massive Hilfe der USA konnte Paris den Kampf weiterführen, mittlerweile deckten die Amerikaner zwei Drittel der Kosten. Gleichzeitig demonstrierten in Frankreich Zigtausende gegen den Krieg; beinahe wöchentlich kam es zu Streiks.

General Giap soll gelächelt haben, als die Franzosen in die Falle gingen

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