An einem Morgen, an dem der Glanz von Regen auf den Straßen schimmert, rollt ein schwarzer Mercedes durch die Stadt. Am Steuer sitzt ein Mann mit fleischigen Händen und dem Auftrag, letzte Dinge zu erledigen. "Manchmal fühle ich mich wie ein Totengräber", sagt Uwe Degen-Gellenbeck und stoppt vor einem staubgrauen Haus. An der Fassade hängt ein Schild, von dem der Name verschwunden ist. Ausradiert wie eine Rechnung, die nicht aufgegangen ist.

Degen-Gellenbeck geht durch die Hintertür. Tastet sich durch ein verdunkeltes Büro, zieht die Rollladen hoch und öffnet die Fenster, als wollte er den Geruch der Niederlage lüften. Dann setzt er sich an den verlassenen Schreibtisch, zündet sich eine Marlboro Lights an und betrachtet den Fall bei Tageslicht. Die Dinge erzählen hier sehr kurze Geschichten über das Zögern, das Hoffen, das Leugnen und die Tragik des Scheiterns. Das Schweigen der Telefone. Die Dunkelheit der Monitore. In der Stille des Vorstandsbüros lässt sich die Leere nach der Pleite gut betrachten. "Ein bisschen war das hier schon tot", sagt der Insolvenzverwalter und drückt die Zigarette aus. "Aber es war noch Leben drin."

An dem Tag, als das Leben, das noch drin war, nicht mehr reichte, kam Degen-Gellenbeck durch den Vordereingang. Der Vorstand saß damals noch in seinem Sessel und verkündete, dass es bald aufwärts gehen werde. "Jetzt hören Sie mal auf zu reden", sagte der Insolvenzverwalter und ging hinunter in den Keller. Dort standen, wie unbezahlte Ware, die Mitarbeiter, die seit Monaten auf ihre Gehälter warteten. Es war wie in der Dämmerung der DDR. Am Ende mussten die Hauptdarsteller von der Bühne gezerrt werden, während sie weiter vom Manuskript ablasen.

Als der Insolvenzverwalter das Unternehmen obduzierte, stieß er auf Akten von Genossen, die nicht nur in der Kartei längst Leichen waren. Er addierte Verbindlichkeiten, die eine Million mehr betrugen als das Vermögen. Im Tresor, in den die Goldreserven eines Kleinstaats passen würden, fand er tausend Euro. Eine hundert Jahre währende Geschichte war zu Ende. Die Konsumgenossenschaft Anklam, die zwei Kriege und zwei Diktaturen überstanden hatte, war nur noch eine Chiffre. Insolvenzverfahren 4 IN 777/03.

Auf seinem Schreibtisch ließ der Vorstand eine Ausgabe des Genossenschaftsgesetzes liegen, in der er Paragraf 99 markiert hatte. Er wollte offenbar genauer wissen, was Zahlungsunfähigkeit bedeutet. An seinem letzten Tag hat er noch einmal das Kästchen auf dem Wandkalender einen Tag nach vorn geschoben. Es war die letzte Bewegung in der Bilanz des Unternehmens.

Dreißig Menschen verloren ihre Arbeit. Es war keine große Nachricht in einer Stadt, in der Menschen ohne Arbeit in der Mehrheit sind. Die Geschichte ist schon fast vergessen, abgeheftet wie die Verluste des Unternehmens. Doch der Niedergang der Konsumgenossenschaft ist auch eine Chiffre für das Schicksal der Stadt. In ihrer Chronologie spiegelt sich ein Scheitern. Eine Kette von Verlusten, in der am Anfang ein Staat verschwindet. Dann die Arbeit. Dann die Hoffnung. Und am Ende die Bewohner.

Es ist in ihrem Kern eine Geschichte, die von der Arbeit als einem Leim der Gesellschaft erzählt. Sie spielt in Anklam, aber sie könnte auch von Demmin erzählen, von Grimmen oder Torgelow, von vielen anderen Orten in der Leere Mecklenburg-Vorpommerns. Es ist eine Geschichte, in der die Verlierer aus dem Osten kommen, aber die Niederlage eine des Westens ist. Manchmal erzählt diese Geschichte von Armut und Kälte und Hunger, und es ist dann schwer zu glauben, dass sie in Deutschland spielt. Und doch ist es eine sehr deutsche Geschichte, in der die Vergangenheit immer wieder wie Gift in die Gegenwart sickert.

Von Berlin fährt ein Zug nach Norden. Er fährt durch ein Land sanfter Hügel und schwarzer Erde, einsamer Moore und dichten Nebels, ein Land zerbrochener Scheiben und hohler Häuser, dunkler Wälder und langer Alleen, ein Land leerer Hallen und vergessener Versprechen, demontierter Maschinen und Träume, ein Land stiller Schönheit und tragischer Geduld, ein weites, wogendes Land, verwunschen am Tag, lichtlos in der Nacht. In diesem Land, zweihundert Kilometer entfernt von Berlin, liegt Anklam.