So hochfliegend und trotzig die deutschen Hauptstadtträume und Metropolensehnsüchte immer noch sein mögen, so unbeirrbar durchkreuzt der Berlin-Film seit Jahren die neumittigen Visionen und touristischen Panoramen. Nüchtern sondiert er die Stadt von ihren Rändern her. Er ist ein Film der Scheiternden. Fast ausnahmslos erzählt er von so genannten Losern, die sich durchwurschteln, fallen, wieder aufstehen, fallen und manchmal liegen bleiben. Oder weiterkrabbeln.

Man könnte sagen, dass die Würde, die er seinen Helden und ihren vermeintlich kleinen Problemen lässt, die Größe des Berlin-Films ausmacht. In Wolfgang Beckers Das Leben ist eine Baustelle tauchte 1997 plötzlich ein arbeitsloser Schlachtergehilfe auf, für den eine Geldstrafe von 1000 Mark durchaus existenzbedrohend war. Andreas Dresens Nachtgestalten widmete sich der armseligen Ökonomie der Outlaws und folgte einer Hand voll Verlierertypen durch die Eingeweide einer traurigen, hässlichen Stadt. Plus minus-null von Eoin Moore stellte nicht die hochschießenden Halbtürme des Potsdamer Platzes in den Mittelpunkt, sondern die Containersiedlungen, Bauarbeiter und Prostituierten in deren Schatten. Zwei Jahre später irrte Jörg Schüttauf in Berlin is in Germany als haftentlassener Oststräfling und Taxifahrer durch ein verwandeltes Berlin, das nun in Begriff war, mit den sozialistischen Straßennamen auch seine Vergangenheit zu entrümpeln.

Das Straucheln und Suchen dieser Filmhelden spiegelte auch die Zerhäckselung einer Metropole, die in immer weitere, neue Szenen, Milieus, Kieze und Subkulturen zerfällt. Der neuere Berlin-Film zeigt die Stadt als urbane Schrebergartenkolonie, in der die große Pleite nun auch die realen und eingebildeten Community-Gefühle zersetzt: In Wir von Martin Gypkens finden die Neuankömmlinge aus der Provinz nicht mehr die geschützte Spielwiese vor dem endgültigen Erwachsensein. Zwischen WG-Gefühlen, Sex und dem Job im Call-Center breiten sich Existenzangst und Beklemmung aus, als sei die große Party der neuen Szenebezirke immer schon Schimäre gewesen.

Mit deutlich verfrostetem Tonfall erzählen nun zwei weitere Filme vom Ende auch der letzten Illusionen, und zwar so radikal, dass einem angst und bange werden kann. In Identity Kills und Kroko schicken Sören Voigt und Sylke Enders ihre Heldinnen durch ein Stadtgebiet, das für den Einzelnen zur Kampfzone geworden ist. Karen aus Identity Kills stanzt tagsüber Gabeln in der Fabrik und erträgt abends die rücksichtslosen Partys ihres untreuen Freundes. Sachlich wie beiläufig filmt Sören Voigt die Edelplattenbauten an der Leipziger Straße. Er zeigt eine junge Frau, die einen von hundert winzigen Briefkästen aufschließt, um dann in eine Wohnung zu gehen, in der sie nicht erwartet wird. In seinem Film ist die Stadt nur in Gestalt von unpersönlichen Appartements, als Straßenanschnitt und Einkaufspassage präsent, als habe Berlin aufgehört, sich als großes Ganzes über die Schicksale seiner verstörten, genervten Bewohner zu legen. Doch der somnambul verlorene Blick, mit dem sich Karen durch Cafés und Boutiquen bewegt, vermag über ihre verzweifelte Zielstrebigkeit nicht hinwegzutäuschen. Das Outfit der erfolgreichen Geschäftsfrau ist schnell zusammengeklaut, die Ware des Arbeitsgebers wird heimlich verscherbelt. Geld, Reisen, die tolle Arbeitsstelle mögen für Karen in unerreichbarer Ferne liegen, nicht aber die Insignien und Gesten des sozialen Aufstiegs.

Identity Kill erzählt von der Schizophrenie in den Zeiten des Neoliberalismus und von einer Welt, in der sich jemand ganz einfach und brutal nimmt, was ihm tagein, tagaus von Auslagen und Werbeflächen entgegenflimmert: Karen wird einen Mord begehen, um in die Haut der erfolgreichen Anderen zu schlüpfen.

Die Besitz- und Karriereträume, für die in Identity Kills getötet wird, sind in Kroko von Sylke Enders einer Totalverweigerung gewichen. Für die Kiezkönigin Kroko (Franziska Jünger) ist jede Form von geordneter Zukunft "Ausbildungskacke". Im pinkfarbenen Outfit wirkt sie wie ein früh gealtertes Kind, eine Katastrophengöre im Guerillakrieg des Nordberliner Alltags. Auch hier nimmt sich eine auf straff organisierten Kaufhausstreifzügen, was ihr ansonsten verweigert wird. Ihre Clique im Wedding hat Kroko fest im Griff, es herrscht eine Mischung aus Alltagsschnauzerei und Kasernenton. Fast scheint es, als habe sich die ganze schlechte Laune, Schroffheit und Ungeduld Berlins zu einer einzigen Person verdichtet. Wenn Kroko ihr Gegenüber mit schweren Augenlidern fixiert, glaubt man sich einem menschlichen Granatwerfer gegenüber. In der Wohnung, in der sie mit alleinerziehender Mutter und Schwester haust, herrscht eine Stimmung, dass man eigentlich die UN rufen möchte. Dialoge sind da, um Terrain zu verteidigen, anzugreifen, ab- und auszuchecken: "Bleibste oder gehste? – "Is doch ejal!"

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Sylke Enders ihrer schrecklich-schönen Heldin zugleich das Schlimmste und das Beste antut, was ihr passieren kann. Nach einer nächtlichen Spritztour im geklauten Auto sieht sich Kroko zur gemeinnützigen Arbeit in einer Behinderten-WG verdonnert. Glücklicherweise wird Konfrontation mit den "Spastis" und "Behindis" keinen anderen, besseren Menschen hervorbringen, aber doch ein paar Annäherungen und unmerkliche Veränderungen. Dass Kroko zwar zu sich findet, ihrer unglaublichen Schroffheit aber trotzdem treu bleibt, ist die große Gratwanderung, die diesem wunderbaren kleinen Berlin-Film gelingt.

Vielleicht wirken Kroko und Identity Kills so radikal, weil beide von jungen Menschen handeln, die sich mit mal implodierender, mal extrovertierter Aggression durch die Stadt schlagen. Weil beide Filme die Sehnsüchte ihrer verhärteten Heldinnen miterzählen, die heimlichen Träume von interessanten Berufen, kleinen Karrieren, fröhlichem Konsum. In beiden Filmen fahren die Jugendlichen wie eh und je mit hämmernden Techno-Beats durch die Stadt, doch das Wummern der Bässe hat etwas Leeres, wirkt wie ein ferner Nachhall jener Zeiten, in denen Spaß und Unschuld noch möglich schienen. "Berlin hat viele Gesichter" hieß eine der vielen Image-Kampagnen der Stadt. So hart und fest und gnadenlos haben sie uns nie zuvor von der Leinwand herab ins Visier genommen.