Achtung, hier lauert ein großer Markt: 46 Prozent aller Mobilfunknutzer in Deutschland würden Geld für "strahlungsreduzierendes Zubehör" ausgeben, fand der Marktforscher Soreon in einer Umfrage heraus. Strahlung aus dem Mobiltelefon soll üble Folgen haben. Und zutiefst menschlich ist die Angst vor unsichtbaren Kräften – gleich, ob es sich dabei um Kernkraft, Killerviren, Freitag, den 13. oder eben "Handystrahlen" handelt. Findige Abzocker machen gute Geschäfte mit wundersamen Produkten, die nicht die Strahlung, allenfalls die Furcht davor reduzieren können.

Ein "biologisches Schutzfeld" will etwa der so genannte Gabriel-Chip um jeden Mobiltelefonierer aufbauen, der den Chip – einen Folienaufkleber in der Größe einer Zwei-Euro-Münze – auf den Akku seines Handys pappt. Durch "Strukturmodifikation" bleibe man vor den "gesundheitlichen Risiken des Mobiltelefonierens" geschützt, da "Mobilfunkwellen" per Chip "harmonisiert" würden. Das Ganze sei "wissenschaftlich nachgewiesen", trage ein TÜV-Siegel, sei EMV- und CE-verträglich und außerdem patentiert.

Zieht man dieses Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit beiseite, so erscheint die Gabriel-Technologie so nackt wie der sprichwörtliche Kaiser mit den neuen Kleidern: Das TÜV-Siegel etwa bescheinigt dem Aufkleber nur, dass er keine anderen Endgeräte stört. "Eine Prüfung der Produktleistung wurde von uns nicht durchgeführt. Ebenso wenig fand eine Zertifizierung für dieses Produkt statt", erläutert Kristina Wegner vom TÜV Süddeutschland. "Es ist nicht unser Anliegen, über Bauernfängerei oder nicht zu urteilen." Der TÜV habe lediglich die elektromagnetische Unverträglichkeit überprüft. Kunststück, amüsiert sich der Strahlen-Experte Jiri Silny von der Technischen Hochschule Aachen: Bei einem Chip, der nichts bewirke, sei es kein Wunder, dass er keine anderen Geräte störe.

Silny hat für die ZEIT die vermeintliche Schutzvorrichtung näher untersucht. "Den können sie ruhig aufs Handy aufkleben, der bringt gar nichts", bestätigt er. Ein Blick in die österreichische Patentschrift (Nr. AT 409 930 B) des Schutz-Papperls offenbart die eingesetzte Technologie: Von "rechtsdrehendem Wasser" ist da die Rede, von "Wünschelrutengängern", "Wasseradern" und "Erdstrahlen". Für so genannte "sensitive Personen" soll Gabriels Chip "Störstrahlen" minimieren, die "physikalisch nicht einwandfrei messbar" seien.

Veröffentlicht würden die Forschungsergebnisse auf der eigenen Website, sagen die Gabriel-Verantwortlichen, und darüber hinaus in Co’med, dem Fachmagazin für Complementär-Medizin, einer Postille, in der auch Schwitzen in Farbe, Ganzheitliche Zahnheilkunde und Das Phänomen der Fernheilung ihren Platz finden.

Durchaus fragwürdige Quellen also. In seriösen wissenschaftlichen Journalen dagegen ist die Beweislage dünner. "Gemessen an den Kriterien der modernen Naturwissenschaft, gibt es bisher keine deutlichen Hinweise für eine schädigende Wirkung von Hochfrequenz-Feldern mit Feldstärken unterhalb der Grenzwerte", fasst Rainer Meyer vom Physiologischen Institut der Universität Bonn den Stand der Forschung zusammen. Der Elektrophysiologe, der auch Mitglied der Strahlenschutzkommission von Umweltminister Trittin ist, betont: Eine nachweisbare Gefährdung gibt es nicht.

Dass der Unfug von Gabriel-Chip und anderen Hilfsmittelchen auf fruchtbaren Boden fällt, liegt an der Unmöglichkeit des Umkehrschlusses. "Natürlich kann die Nullhypothese, nämlich der Nachweis der Unbedenklichkeit, naturwissenschaftlich niemals belegt werden", beschreibt der Münchner Arbeits- und Umweltmediziner Dennis Nowak das Grundproblem der Risikoabschätzung neuer Technologien. So sehr man auch forscht, die garantierte Unbedenklichkeit einer Technik lässt sich schlicht nicht beweisen – auch nicht im Fall der Handystrahlung.

Für die Abzocker der Ängstlichen bedeutet das auch in Zukunft Profit. 30 Euro kostet der Gabriel-Chip fürs Handy. Für stolze 220 Euro verspricht die "Bipyramide" aus "keramischen und organischen Feinpulvern" Abhilfe gegen schädliche Mobilfunkstrahlen. Direkt günstig erscheint dagegen der Handystrahlen-Entstörer "Rayminator" aus echten Edelsteinen für knapp acht Euro im Doppelpack. Freche 500 Euro soll ein 18-teiliges Aufkleber-Set kosten, das nach demselben obskuren Prinzip angeblich die komplette Wohnung elektrosensibler abschirmen kann.