Film Keine GnadeSeite 2/2
Sohn des Teufels
Unfassbar lustlos ist auch die Schilderung der Nachgeschichte, das heißt der Auferstehung. In der Grabhöhle scheint Jesus, vom Leichentuch umhüllt, zu liegen; vielleicht aber auch nicht, denn das blütenweiße Paket ist offenbar hohl, es sackt in sich zusammen wie ein Schlauchboot, aus dem die Luft entweicht, und dann erscheint Jesus frisch und wohlgemut am linken Bildrand und schreitet von dannen.
Noch ärgerlicher und verräterischer als die Beiläufigkeit der Rahmenhandlung sind aber die Hinzuerfindungen Mel Gibsons. Er hält sich im Allgemeinen an die Evangelien, wobei er sich freilich für keines entscheiden, sondern das Beste aus allen vier haben will. So offenbart sich Jesus nicht nur selbst den Häschern (nach Johannes), sondern wird außerdem noch zur sicheren Identifizierung von Judas geküsst (nach Matthäus, Markus, Lukas). Aber bei der Kreuzigung überkommt Gibson dann doch die Lust auf ein zusätzlich saftiges Detail. Dem mitgekreuzigten Verbrecher (es ist nur einer statt der biblischen zwei) hackt ein Rabe das Auge aus, tief taucht er in die blutige Höhle ein, nachher ist das ganze Köpfchen feucht verschmiert.
Begeisternd dagegen (um einmal etwas Nettes über den Film zu sagen) ist eine andere Hinzudichtung. Es ist der Teufel, der gelegentlich zwischen anderen Passanten durchs Bild läuft. Er hat das androgyne Gesicht eines Transvestiten; einmal krabbelt ihm eine Made ins Nasenloch. Man kennt ihn aus der Szene in Gethsemane, wo er Jesus beim Gebet durch Einflüsterungen des Zweifels stört; eine Schlange schlüpft unter seinem Gewand hervor, man ahnt den Pferdefuß. Das alles ist von köstlicher Blödheit, aber die köstlichste Szene ist doch die, wo der Teufel ein Baby an der Brust trägt. Gibson verrät hier einen Sinn für Gerechtigkeit, den man nicht erwartet hätte. Wenn Gott ein Menschenkind haben darf, will Gibson es dem Teufel nicht verwehren. Natürlich sieht es recht garstig aus; aber auch der Teufel blickt mit Fortgang der Passion immer missmutiger. Dass Jesus so gar nicht aufgeben will, schlägt ihm auf die Laune.
Der unfreiwillige Humor, den Gibson hier ein zweites Mal beweist, könnte am Ende versöhnlich stimmen. Aber vielleicht hat der Regisseur keineswegs nur seinen privaten Besessenheiten nachgegeben (deren Zurschaustellung immer peinlich ist). Vielleicht hat er im Gegenteil kühl kalkuliert, dass die Gewalt, die in den letzten Jahren zum beherrschenden Motiv des zeitgenössischen Films aufrückte, auch das geeignete Medium für eine Aktualisierung der Passionsgeschichte abgeben könnte. Vielleicht meint er, dass Jesu Blut, das sein Film bis zum Exzess feiert, überhaupt das Einzige ist, mit dem sich das Evangelium filmisch attraktiv machen ließe. Das hieße freilich, dass sein Film weder dumm noch privatistisch wäre – sondern ein schreckliches Zeichen für die Verfassung unserer Gegenwart.
- Datum 04.03.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 04.03.2004 Nr.11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







