Generationswechsel im Sachverständigenrat: Der Veteran Jürgen Kromphardt, gerade 70 geworden, räumt seinen Platz für den 49 Jahre alten Peter Bofinger. Als "Krompi", wie ihn seine Studenten an der Berliner TU liebevoll nennen, vor fünf Jahren zu den fünf Weisen stieß, galt er bereits als "Fossil der Siebziger" (Wirtschaftswoche) . Nicht wegen seines Alters, sondern weil mit ihm ein engagierter Keynesianer antrat und Altmeister Keynes – mit seinen konjunkturpolitischen Ideen zur Stimulierung der Nachfrage – als absolut passé galt. Nun kommt sein Nachfolger Bofinger aus dem gleichen Stall, auch er ist bekennender Keynes-Jünger. Kromphardt schmunzelnd: "Der wird jetzt als der allerletzte Keynesianer bezeichnet."

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist traditionell ein Club von mehr oder weniger konservativ denkenden Herren. Seit Jahren halten sie angebotspolitische Thesen hoch. Wer die Konjunktur über die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gestalten will, ist ein Außenseiter. Den Begriff lässt Kromphardt nicht für sich gelten, urteilt aber über seine Kollegen, sie hätten "schon einen festen Kanon von Vorstellungen". Immer wieder hat Kromphardt seinen Widerspruch ins Jahresgutachten eingebracht. Wie viele Sondervoten es waren, weiß er nicht mehr. Meist ging es um das Thema Arbeitsmarkt, da stand es oft: einer gegen alle. Während die Mehrheit Löhne primär als Kostenfaktor betrachtete, war dem Keynesianer die Wirkung auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage mindestens genauso wichtig.

Also fünf Jahre Grabenkämpfe? Keineswegs, versichert Kromphardt: "Die Debatten im Rat sind keine Lagerdebatten." Da werde von wissenschaftlich unterschiedlichen Positionen aus diskutiert, für parteipolitische Kämpfe sei kein Platz. Der Reiz liege vor allem in der Beschäftigung mit Themen, die nicht im eigenen Arbeitsbereich lägen; wenn der Experte seine Vorlage geliefert habe, folge dem immer eine breite Diskussion. Da lobt denn auch der Ratsvorsitzende Wolfgang Wiegardt seinen Berliner Kollegen als angenehmen, alles andere als sektiererischen Diskussionspartner.

Als Kromphardt 1999 zum Rat stieß, war er der Mann der Gewerkschaften. Die haben ein Vorschlagsrecht für "ihren" Weisen und hatten dem Mannheimer Ökonomieprofessor Wolfgang Franz ihr Vertrauen wegen Abweichlertums entzogen. Inzwischen ist Franz wieder im Rat, diesmal nicht auf dem Gewerkschaftsticket. Animositäten? Mitnichten, versichert Kromphardt und lacht: "Es gab sogar Fälle, wo wir uns einig waren; das haben wir dann besonders betont."

Nachfolger Bofinger von der Universität Würzburg, seit Anfang des Monats Ratsmitglied, gilt als nicht gerade pflegeleichter Mann mit Hang zur Selbstinszenierung. Aber auch als engagierter und vielseitiger Wissenschaftler. Er trat vehement für den Euro ein, forderte eine Reform des Stabilitätspakts; in jüngster Zeit plädierte er für eine Reformpause. Er bemüht sich um Verständlichkeit, trimmt seine Studenten aber auch auf mathematische Modelle. Und die keynesianischen Ideen? Die macht Bofinger am Arbeitsmarkt deutlich: "Arbeitslosigkeit kann durch zu hohe Löhne entstehen, aber auch durch zu geringe Nachfrage." Die "nachfrageseitige Analyse" kommt ihm zu kurz, auch im Rat.

Vorgänger Kromphardt geht noch nicht ganz aufs Altenteil. Er ist dabei, mit Kollegen und Freunden eine Keynes-Gesellschaft zu gründen. Da der Altmeister der Ökonomen hierzulande in der akademischen Lehre stiefmütterlich behandelt werde, wolle man seine Thesen im Internet präsentieren und damit ein Gegengewicht zum Mainstream bilden. Ein gutes Dutzend Wissenschaftler hat sich schon zusammengefunden, "nicht nur Emeriti", wie Kromphardt betont. Bofinger ist bisher nicht mit von der Partie.

Der trifft sich am 18. März zur ersten Arbeitsrunde mit den Kollegen vom Sachverständigenrat. Ein paar Tage davor darf er aber schon mal mit nach Paris, wo sich die Weisen mit ihren Kollegen vom Conseil d’Analyse Economique treffen, die den französischen Premierminister beraten.