Kirchen Von allen guten Geistern verlassenSeite 2/2
Also doch Abriss für St. Agnes? In der Kirchenleitung hofft man, dass sich noch ein Käufer findet, eine der vielen orthodoxen Gemeinden vielleicht. Auch der Vorschlag eines ökumenischen Kirchenmuseums wird diskutiert. Allerdings weiß man sehr genau, dass solche Umnutzungen sich nur selten bewähren. Ein paar Straßenecken von St. Agnes entfernt, in der evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche, ist es immerhin im Ansatz gelungen. Anfang der Neunziger hatte man dort beschlossen, die Kirche in einen Veranstaltungssaal umzuwandeln, der nun auch an Dritte vermietet wird. Zudem wurde in die Nischen der Backsteinhalle ein Glas- und Stahlgehäuse mit vielen Räumchen eingefügt, in denen die Pastoren, die Altentreffs und die Asylberatung unterkommen, alles, was vorher im Gemeindehaus war. Dieses konnte man dann verkaufen.
Auch andere Gemeinden würden gerne, wenn sie könnten. Doch für viele ist ein Umbau nach Heilig-Kreuz-Vorbild viel zu teuer. Zudem hat sich herumgesprochen, dass mit Kultur nur selten zahlendes Publikum anzulocken ist. Damit die Vermietung für Konzerte oder Kunstschauen überhaupt läuft, braucht es professionelle Manager. Und die rechnen sich erst ab 200 Veranstaltungen im Jahr. Diese Erfahrung musste man auch in St. Johannis in Hamburg-Altona machen, die an sechs Tagen in der Woche vermietet wird – zum Verdruss nicht weniger Christen. Sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer Kirche, seit dort Werbeleute ihre Weihnachtsfeier abhalten oder Modeschauen irgendein Tralala vorführen. „Als wir vor fünf Jahren anfingen“, erzählt Ilse-Marie Rüttgerodt-Riechmann vom Kirchenvorstand, „sind gleich zwei Ehrenamtliche ausgeschieden. Sie hatten das Gefühl, die Seele des Raums würde verletzt.“ Man könnte es auch Säkularisierung von innen nennen.
Die Heilig-Kreuz-Kirche holt sich wundersame „Klänge des Ayurveda“ ins Haus, ein „Shanty Festival“ oder eine „Diashow Australien“; es finden sich mehrere Gymnastik- und Handarbeitskurse, und zweimal die Woche trifft sich die Mieterberatung; hingegen gibt es nur einen Bibelkreis, und den auch nur alle zwei Wochen. Je mehr Kirchen zu reinen Freizeitstätten verkommen, umso größer wird die Gefahr der Verwechsel- und Verzichtbarkeit.
Die Chance auf Neubesinnung
Was aber bleibt den Gemeinden, wenn der Verkauf nicht gelingt und Umnutzungen fragwürdig sind? Manche Kirchenleitung sieht im Abriss den letzten Ausweg, doch auch der ist nicht selten versperrt. So wie in Frankfurt, wo die Matthäus-Kirche nahe der Messe niedergemacht werden soll, die Gemeinde sich aber mit allen medialen und rechtlichen Mitteln wehrt. Selbst eiserne Atheisten spüren plötzlich die drohende Leere und entdecken ihr Herz für das alte Gemäuer – eine Erfahrung, die fast überall gemacht wird, wo Abriss droht. Offenbar ist in den Kirchen mehr aufgehoben als nur Altar, Kanzel und Gesangbücher. Offenbar birgt die Bedrohung der Bauten auch eine Chance auf Neubesinnung.
Doch wie die Chance nutzen? Die meisten Landeskirchen klammern sich lieber an den weltlichen Besitzstand, statt über neue Formen der Gemeindearbeit nachzudenken. Sie kämpfen um Dachpfannen, rationalisieren Pastoren weg und stellen sich nicht der entscheidenden Frage im Verkaufs- und Abrisszwist: ob denn die symbolische Bedeutung der architektonischen Hüllen wichtiger ist als Verkündigung und Gemeindearbeit. Sie erkennen nicht, dass nicht mehr die Rede sein kann von Volks- und Erfolgskirche – und die Gemeinden lernen müssen, mit der verlorenen Größe umzugehen.
Eigentlich ist es hohe Zeit für Ketzer, für Leute wie Marcus Nitschke. „Es muss dringend ein paar Abrisse geben“, sagt er und meint es ernst. „Die Kirche darf nicht am Vertrauten kleben, sie muss auch Neues bauen, dort, wo die Menschen heute hinziehen.“ Nitschke ist Theologe und hat zusammen mit Architekten und Immobilienprofis das Büro D:4 gegründet, das Gemeinden bei Umbau oder Abriss berät. „Anfangs geht’s da nur um Architektonisches“, sagt Nitschke. „Aber bald ist man beim Eigentlichen: Was will die Gemeinde? Was ist ihr wichtig? Wofür braucht sie ihre Bauten?“ Sie sprechen über den Kern, über das, was einer christlichen Minderheit in der nichtchristlichen Mehrheitsgesellschaft noch bleibt. Und plötzlich sind die Hüllen nur noch Hüllen. Nicht mehr, nicht weniger.
- Datum 04.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.03.2004 Nr.11
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