die zeit: Was bedeutet engagierte Literatur – littérature engagée – heute?

Robert Menasse: Es bedeutet für mich etwas anderes, als es für diejenigen bedeutet hat, die den Begriff entwickelt und an uns weitergegeben haben, wie etwa Jean-Paul Sartre. Der Grund ist einfach: Die Voraussetzungen – die gesellschaftlichen Voraussetzungen genauso wie die Voraussetzungen des literarischen Arbeitens – haben sich grundlegend geändert, auf eine Weise, die Autoren wie Erich Fried oder eben Sartre nicht vorhersehen konnten. Alle engagierten Intellektuellen sind einmal davon ausgegangen, dass es eine Vernunft in der Geschichte gibt. Diese Vernunft, die hinführen soll auf ein Geschichtsziel oder auf eine vernünftige Gesellschaftsordnung, erleidet zwar immer wieder Rückschläge, aber letztendlich gibt es eine historische Vernunft, und man muss sie mittragen, sie unterstützen, sie anschieben. Dieser Glaube ist vollkommen verloren gegangen. Es gibt meines Wissens niemanden mehr, der seriös davon ausgeht, dass es so was wie Vernunft in der Geschichte und ein Geschichtsziel gibt. Es gibt das Ziel nicht, und es gibt den Träger der historischen Vernunft nicht mehr.

zeit: Heißt das: Wir sind verdammt zum Status quo bis in alle Ewigkeit?

Menasse: 1989 ist die große historische Alternative zum Kapitalismus weggefallen. Auch wenn das eine degenerierte, verrottete Alternative war, es war ein Regulativ zum westlichen System. Es war eine Aufteilung der Welt, in der keiner mit der Welt und auf der Welt machen konnte, was er wollte, denn es hat immer ein Gegengewicht gegeben. Aber 1989 und dann die Globalisierung haben noch einmal die Voraussetzungen für engagierte Auseinandersetzung, für Engagement in diesem philosophischen und künstlerischen Sinn radikal geändert.

zeit: Ist das der Grund dafür, dass die Literatur in den letzten fünfzehn Jahren so sanftmütig, so unverbindlich geworden ist?

Menasse: Die Tatsache, dass es keine systematische Gegenbewegung zu geben scheint, hat enorme Konsequenzen für die künstlerische Arbeit. Zumindest dann, wenn man den Anspruch aufrechterhält, die Welt nicht einfach abzubilden, wie sie ist. Wenn sich ein Künstler nicht mehr als Teil einer Weltbewegung der Vernunft sehen kann, dann fällt er auf einen Punkt zurück, der historisch nur bekannt ist aus der Zeit vor der Aufklärung. Er befindet sich in einer nicht ausdifferenzierten Welt, in einer Welt, in der es keine Widersprüche und Alternativen gibt. In gewisser Weise ist er wieder im Mittelalter angekommen.

zeit: Aber es muss doch irgendeinen Ausweg aus dieser Käseglocke geben…