An einem kalten Samstag im Februar schwärmen fünf, sechs in dicke Anoraks und Armeeparkas gehüllte Gestalten über den Parkplatz des Riverside Hotel in der mittelenglischen Kleinstadt Burton-upon-Trent und klemmen Flugblätter hinter Scheibenwischer. Auf den Flugblättern sind drei Männer abgebildet, die Farmer John, David und Christopher Hall. Unter den Fotos steht: "Diese Leute züchten Meerschweinchen für Labore, in denen die Tiere bei qualvollen Experimenten umgebracht werden. Das Riverside Hotel nimmt bedenkenlos ihr mit Folter und Missbrauch verdientes Geld. Wir fordern Hausverbot für die widerliche Familie."

"Kampagne zur Rettung der Meerschweinchen von Newchurch" nennt sich die Gruppe. Newchurch ist die Gemeinde, in der die Halls wohnen. Dort produziert die "widerliche Familie" auf ihren Höfen neben Agrarprodukten eine begehrte Zuchtlinie der Nagetiere, die bei Tierversuchen im National Institute for Medical Research, im Institute of Neurology des University College London und an den Universitäten Cardiff und Sheffield Verwendung findet.

Minuten nachdem die Meerschweinchen-Retter ihre Zettel auf dem Parkplatz verteilt haben, kommt der Geschäftsführer des Riverside Hotel aus seiner mit einer Stinkbombe verpesteten Rezeption. Er fleht die Demonstranten an, sie möchten sein Etablissement doch bitte in Ruhe lassen. "Ich kann Ihnen versichern", sagt er, "dass ich die Halls nie wissentlich bedient habe. Ich habe meine Bücher geprüft. Unter ihrem Namen wurde nie ein Tisch reserviert."

Das hilft ihm nichts. Erst dann werde er in Ruhe gelassen, macht ihm der Anführer des Trupps klar – ein hochgeschossener, bebrillter, immer zum Lachen aufgelegter Charakterkopf namens Johnny–, wenn er sich in einer E-Mail an die Organisation von den Halls distanziere. Bis dahin bleibe das Hotel auf einer im Internet veröffentlichten schwarzen Liste, neben über 20 Zulieferern und indirekt mit den Halls assoziierten Unternehmen und Personen.

Zwei Molkereien sind dort nicht mehr aufgeführt, seit sie den Farmern die Verträge zur Abnahme ihrer Milch gekündigt haben. Den Hall-Brüdern blieb nichts anderes übrig, als ihre Kuhherde zu verkaufen. Auch die Firma, die den Halls Öl zustellte, gab dem Druck der ALF nach und stellte ihre Lieferungen ein. Der örtliche Golfclub wurde als Hort der Kollaboration verunglimpft, bis er öffentlich versicherte, dass die Halls nicht mehr im Mitgliedsregister stünden.

Großbritanniens Ruf als idealer Forschungsstandort ist in Gefahr

Die Adresse der Tierschützer-Kampagne ist ein Postfach im 120 Kilometer entfernten Evesham. Sie deckt sich mit der einer anderen Organisation, die gegen angebliche Tierquälerei agitiert. Beide Gruppen gehören zu einem weit verzweigten Netzwerk, das von der schattenhaften Animal Liberation Front (ALF) gesteuert wird, der radikalsten und militantesten Tierrechtsbewegung der Welt. Ende Januar errang die ALF ihren bislang größten Erfolg. Die Universität Cambridge stornierte Pläne zum Bau eines Instituts für Alzheimer- und Parkinsonforschung an Primaten. Fast 32 Millionen Pfund sollte der Bau kosten. Die Pläne waren von höchster Regierungsstelle abgesegnet. Ein Kostenfaktor geriet jedoch immer mehr außer Kontrolle: der Aufwand für Sicherheits- und Schutzmaßnahmen gegen Extremisten.

Ein Schock für britische Bioforscher. Generell haben sie weniger Akzeptanzprobleme als Kollegen anderswo. Die Regierung steht hinter ihnen, die Bevölkerung ebenso. Bei einer Umfrage erklärten sich 90 Prozent der Befragten mit Tierversuchen einverstanden, solange diese unumgänglich seien und kein unnötiges Leiden verursachten. 70 Prozent aller Berichte über medizinische Forschung in Radio und Fernsehen, in Massenblättern und Qualitätszeitungen betonen die positiven Ergebnisse von Tierversuchen; der Rest stellt das Pro und Contra meist gleichgewichtig dar.