Winnemucca/Nevada

In Winnemucca kann ein junger Mann noch einen Claim auf ein Stück Land erwerben und das Goldschürfen beginnen. Er kann auch Weideland kaufen, sich Rinder, Schafe und ein Gewehr anschaffen, und man wird ihn in Ruhe lassen. Ein raues Volk hat sich hier zwischen den verschneiten Hängen im Norden von Nevada niedergelassen. In den Gasthäusern und Bordellen liefern sich Minenarbeiter und Goldschürfer, Rancher und Indianer an manchen Wochenenden zünftige Schlägereien. "Die Hälfte der Bevölkerung hat wegen solcher Dinge eine Nacht im Knast verbracht", erzählt eine Wirtin und zeigt auf ein paar Einschusslöcher hinter der Theke.

Doch aus Winnemucca kommt nun Amerikas Rettung. Es ist das letzte Bollwerk gegen einen Überwachungsstaat, der seit dem 11. September mit Krakenarmen um sich greift. So sieht es zumindest Dudley Hiibel, ausgesprochen "Heibel", der am Rand von Winnemucca seine Ranch betreibt. Ein paar hundert Rinder, grob zusammengezimmerte Scheunen und Pferche, eine gute Stube samt Bullerofen. Hiibel erzeugt seinen Strom mit einem Generator, eine heiße Schwefelquelle nebenan hat er zur Dusche umfunktioniert. Die Rancharbeit wird in den kommenden Wochen sicher etwas liegen bleiben. Denn Hiibel – 59 Jahre alt und stolzer Nachfahre eines preußischen Langen Kerls – zieht am 22. März vor das Verfassungsgericht in Washington. "Um die Freiheit all der anderen Leute in Amerika zu verteidigen", sagt er mit bitterem Ernst.

Die Tatsachen der Causa Hiibel bestreitet keiner. Denn was am Abend des 21. Mai 2000 an der Grass Valley Road passiert ist, wurde auf einem Video der Polizei festgehalten. Dudley stand am Straßenrand neben seinem Geländewagen, rauchte eine Zigarette und stritt sich mit seiner 17-jährigen Tochter Mimi. Ein Passant sah den Streit und rief die Polizei, der örtliche deputy sheriff eilte mit heulenden Sirenen zum Tatort und fragte nach dem Ausweis. "Warum?", fragte Dudley, elfmal, doch eine Antwort bekam er nicht. Also stellte er sich stur, obwohl er seinen Führerschein in der Tasche hatte. Die Nacht verbrachte er im Gefängnis, und das Gericht verhängte später eine Geldstrafe von 250 Dollar. Warum hat er sich so angestellt? "Der hat mich gedrängelt", sagt Hiibel knapp.

Wie es der Zufall will, ist der örtliche Strafverteidiger von Winnemucca kein gewöhnlicher Provinzanwalt. Robert Dolan wurde nach dem Jurastudium ein Strafverteidiger in der berüchtigten South Bronx, später Anwalt in Washington und Houston. Dolans Frau unterhält als Unternehmensjuristin beste Beziehungen zur republikanischen Partei, und bei Dolans zu Hause hängen Widmungen von Ronald Reagan und George Bush senior an der Wand. 1998 zog das Anwaltspaar 1998 nach Winnemucca. Provinz hin oder her, "ich habe den Ehrgeiz, meine Arbeit gut zu machen", sagt Dolan. "Manchmal tritt bei einem scheinbar unbedeutenden Fall ein Problem zutage, das grundlegende Rechtsfragen aufwirft."

Im Fall Hiibel besteht das Problem darin, dass der Rancher allein deshalb verhaftet und verurteilt wurde, weil er sich geweigert hatte, seine Papiere vorzuzeigen. Das aber rührt ans Mark des amerikanischen Freiheitsverständnisses. Romantische Vorstellungen vom Leben der Siedler und Cowboys spielen da eine Rolle. Es geht aber auch um die Grenzen staatlicher Hoheit gegenüber dem Einzelnen und um das Recht der Aussageverweigerung; in den USA kann man verhaftet, verurteilt und hingerichtet werden, ohne seinen Namen zu nennen. Den Satz "Die Papiere, bitte" assoziieren Amerikaner mit einem anderen Land und einer anderen Zeit – mit Nazideutschland, wie sie es aus Spielfilmen kennen.

Zeitgemäß ist das nicht. Seit dem 11. September ziehen die US-Behörden im Namen der "Sicherung des Heimatlandes" ein immer engeres Netz. Kreditkarten und Sozialversicherungsnummern, Passkontrollen und Mobiltelefone hinterlassen Datenspuren; Geheimdienste, Polizei und Einwanderungsämter legen ihre Datenbanken zusammen. Obwohl Hiibels Konfrontation mit der Staatsgewalt lang vor den Anschlägen auf das World Trade Center geschah, reklamieren die Behörden auch hier die "Veränderung der nationalen Sicherheitslage": mehr Rechte für die Polizei!

Den Anwalt Dolan, nicht minder dickköpfig als sein Klient, macht alles dies eher noch wütender. Eine Berufung nach der anderen hat er verloren; trotzdem hat er den Fall bis nach Washington getragen. Prominente Rechtswissenschaftler springen ihm nun zur Seite, "weil die freiheitliche Ordnung auf dem Spiel steht". Bürgerrechtsorganisationen wie die American Civil Liberties Union (ACLU) haben dem Verfassungsgericht Gutachten zukommen lassen, ebenso das libertäre Washingtoner Cato Institute und die Vereinigung der Obdachlosen. Der kalifornische Aktivist und Multimillionär John Gilmore hat sogar einen PR-Agenten nach Winnemucca entsandt, der nun eine Dudley-Webseite (www.papersplease.org) samt patriotischen Zuschriften betreibt.