Die "Würde des Amtes" ist in den Machtspielen der Parteivorsitzenden um die Nachfolge von Johannes Rau überhaupt nicht verletzt worden. Denn selbst das höchste Amt im Lande ist nicht mit Würde ausgestattet, sondern mit Gehalt, Dienstwagen und Unterkunft. Würde wächst einem Bundespräsidenten nur in dem Maße zu, in dem er mit rhetorischen Interventionen das schönste Versprechen der Verfassung verteidigt: dass die Bürger vor machtpolitischem Zynismus geschützt werden müssen. Zu diesem zählte allerdings der Umgang Angela Merkels mit den Kandidaten ihrer eigenen Partei, zuvörderst mit Wolfgang Schäuble.

Die Hoffnung des CDU-Präsidiums, die sympathische Person Horst Köhler werde die tückische Art seiner Kür überstrahlen, setzt auf die Vergesslichkeit der Wähler. Doch jedes Mal, wenn sie den ehemaligen Parteichef Schäuble im Rollstuhl sehen, werden sie sich an die Worte seines Parlamentskollegen Michael Glos erinnern: "Dieser Mann ist im Dienst am Staat zum Krüppel geschossen worden." Es ist ja wahr – der empfindsame Politiker lehnt derlei Bekundungen ab. Verbergen sich dahinter nicht Herablassung und falsches Mitleid? Politik lehrt Misstrauen, doch hier wäre es nicht angebracht. Denn in Wirklichkeit steckt in dem krassen Satz Respekt vor der Lebensleistung eines Zoon politikon ohnegleichen in der Union.

Die Partei, die Schäuble in einer Flüsterkampagne nicht nur mit seinen politischen Fehlern konfrontierte, flüchtet sich nun vor ihrem schlechten Gewissen in die nächste Heldenverehrung: Hat Angela Merkel nicht wie Machiavellis Principe ihre Gegner Stoiber, Merz und Koch mit dem Außenseiter grausam überrascht, hat sie ihren Machtwillen nicht durchgesetzt wie einst Helmut Kohl? Das hat sie in der Tat – und darin liegt das Problem nicht nur ihrer eigenen Partei.

Das Reservoir an bekannten Politikern, die einer Merkel oder einem Schröder als Präsident im Notfall Paroli bieten könnten, ist geschrumpft auf eine Hand voll "präsidialer" Gestalten, die nicht wollten oder nicht durften. Das belegt die Kandidatur der Quereinsteiger Schwan und Köhler. Ihre Namen stehen – wenngleich ohne ihr Verschulden – für eine verbrauchte politische Elite.

Die Unfähigkeit der Parteien, herausragende Frauen und Männer an sich zu binden, die mit geistiger und beruflicher Selbstständigkeit, mit gesellschaftlichem Wissen und Welterfahrung aufwarten könnten, ohne sich auf dem Weg durch die Parlamente glatt schleifen zu lassen, diese Unfähigkeit ist die Folge von Gleichmacherei und Mittelmäßigkeit. Die grauen Postenjäger der Parteien halten zusammen. Ein Otto Schily stand 1998 eigentlich abgeschlagen auf Bayerns SPD-Landesliste, ein Heinrich von Pierer wurde von der CSU absichtsvoll aussichtslos platziert. Ein Blick auf die zweite und dritte Reihe der deutschen Parteien muss verdrießen. Da gibt es viele seriöse Experten, aber keinen Generalisten, viele Vertreter von Verbandsinteressen, aber keinen überzeugenden Repräsentanten des Gemeinwohls. Der Union fehlt ein junger Heiner Geißler, der SPD ein junger Helmut Schmidt. Der FDP fehlt inzwischen alles. Parteien wollen geführt werden, aber Führer wollen sie eigentlich nicht: Schon das Wort ist anrüchig geworden, für immer.

Die populistische Herablassung, die dem Beruf des Politikers derzeit entgegenschlägt, spiegelt aber nicht nur kleinbürgerlichen Hohn wider ("die da oben"), sondern auch einen erstaunlichen Mangel an gesellschaftlichem Elan der heute 30- bis 40-Jährigen. Vielleicht ist ihr politisches Desinteresse ein Kollateralschaden der langen Kohl-Ära, da der Kanzler die Unveränderlichkeit der Verhältnisse verkörperte. Die Volksparteien mit ihren eisernen Karriere-Regeln atmeten während seiner Amtszeit im Bundestag still ein und aus, während die Staatsschulden explodierten. Handzahme Jungpolitiker wie Ole von Beust oder Christian Wulff galten als "Wilde". Engagierte Idealisten trafen sich derweil in Menschenrechts- und Antiglobalisierungsgruppen.

Wie sollen nun die Verlegenheitskandidaten der großen Parteien deren personelle Schwächen überdecken, da sie doch zugleich ihr sichtbarster Ausdruck sind?

Nein, eine fröhliche Amtsführung wird Horst Köhler nicht beschieden sein; denn die schmähliche Intrige Angela Merkels auf Kosten von Schäuble kennzeichnet die moralische Qualität einer Parteipolitik, in die der ehrenhafte Mann geraten ist. Seine wichtigste Aufgabe sollte es nicht sein, den Bürgern sozialen Wandel in harten Zeiten schmackhaft zu machen, sondern sie zu ermahnen, die Politik insgesamt nicht noch mehr zu verachten. Nicht die Würde des Amtes, sondern die Würde der Politik ist in Gefahr geraten.