Am 10. September 1933, ein Dreivierteljahr nach der Machtübernahme Hitlers, übermittelte der Dichter Hanns Johst dem Reichsführer-SS einen "kulturpolitischen Vorschlag". Da man Klaus Mann, den Herausgeber des "unflätigsten Emigrantenblattes" Die Sammlung, nicht zu fassen bekomme, wolle er in dieser wichtigen Angelegenheit ein "Geiselverfahren" empfehlen: "Könnte man nicht vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein wenig inhaftieren? Seine geistige Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden." Neun Tage später bedankte sich Heinrich Himmler "für Ihren netten Brief […] mit der ausgezeichneten Anregung, der ich selbstverständlich nachkomme" – allerdings mit unbefriedigendem Erfolg, denn Thomas Mann hatte Deutschland bereits im Februar 1933 verlassen.

Kurz nach der "Machtergreifung" war der Dichter Johst mit Ämtern überhäuft worden: Chefdramaturg des Berliner Gendarmenmarkttheaters, Preußischer Staatsrat, Präsident der Deutschen Akademie der Dichtung, 1935 schließlich – von Propagandaminister Joseph Goebbels ernannt – Präsident der Reichsschrifttumskammer. Der 1890 im sächsischen Seerhausen bei Riesa geborene Johst hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg mit expressionistisch gestimmten Dramen (Der Einsame, 1917), Gedichten (Rolandsruf, 1919) und Romanen (Der Anfang, 1917) einen Namen gemacht, sodass er zu Beginn der zwanziger Jahre ein erfolgreicher Autor war. Seit 1918 lebte er mit Frau und Tochter in einer Villa am Starnberger See.

Aus dieser Zeit datiert seine Wendung zur deutschnational-völkischen Richtung, was vor allem seine Schauspiele, darunter Der König (1920), Propheten (1922) und Thomas Paine (1927), zeigen. In den letzten Jahren der Weimarer Republik galt er manchem als "der verheißungsvollste Dramatiker der Generation der Dreißigjährigen". 1933 dann, am Geburtstag des "Führers" und in dessen Anwesenheit, erlebte er den größten Triumph seiner Laufbahn: In Berlin am Gendarmenmarkttheater wurde sein Schauspiel Schlageter uraufgeführt, das er Hitler gewidmet hatte. Es geriet zu einem ungeheuren Erfolg. 115 Theater inszenierten das Stück um die französische Ruhrgebietsbesetzung, und Johst konnte innerhalb eines Jahres rund 50 000 Reichsmark Tantiemen einstreichen. Das Werk war rasch Schullektüre. Gleichwohl verschwand es seit April 1934 von den Bühnen. Das Regime wollte sich nach außen ein wenig moderater zeigen und zog das aggressiv antifranzösische Stück zurück. Allerdings gab es Ausnahmegenehmigungen für Aufführungen, und zu Kriegsbeginn wurde Schlageter wieder zugelassen.

Zwar erst Ende 1932 Parteimitglied geworden, hatte sich Johst doch schon seit 1928 für die Nazis engagiert, vor allem in deren Kampfbund für deutsche Kultur. Dort war er wohl dem zehn Jahre jüngeren Himmler begegnet, der in dem Dichter einen Seelenverwandten gefunden hatte. Beiden galt die Ratio nichts, der unbedingte Glaube alles. "Wer nicht glaubt […] hat nichts mehr zu sagen […]. Der Dichter ist wieder ein Fanatiker, der mehr sieht, als vorliegt, der mehr fordert, als er vorfindet, der mehr glaubt, als er einsieht", hatte Johst geschrieben.

In solchen Axiomen konnte sich auch der fanatische Politiker Himmler wiederfinden. Sehr bald entwickelte sich eine herzliche Freundschaft. In ihren zahlreichen, heute im Bundesarchiv Berlin verwahrten Briefen herrscht ein Ton, der aufseiten Himmlers von einer spröden Kordialität geprägt ist, in denen es jedoch aufseiten Johsts von pathetischem Schwulst und devoten Treueschwüren nur so wimmelt – aber auch von Wünschen, die ihm der andere erfüllen möge, den er seit 1934 meist mit "Freund Heini Himmler" anspricht. Himmler seinerseits bat ihn gelegentlich um ein Urteil in literarischen Fragen, schenkte ihm Bücher mit persönlicher Widmung und ließ auch mal ein Päckchen Himbeertee überreichen. Man besuchte einander zu Hause, unternahm Spaziergänge, spielte Federball und verbrachte so manchen Nachmittag beim Fischfang an bayerischen Seen.

Johst war stolz auf seinen Freund und wollte das auch vor aller Welt zeigen. In seinem Himmler gewidmeten Propagandabuch Maske und Gesicht (1935) fand er bewundernde Worte für die Schutzstaffel und vor allem für ihren Chef. Eine mitternächtliche Vereidigung der jungen SS durch Hitler mit dem "Treueid seiner Getreuesten" unter dem Kommando der soldatischen Stimme Himmlers sei "eine der schönsten Feiern und Symbole des Dritten Reiches".

Des Dichters innigste Verehrung für Himmler erreichte in ihrer schriftlichen Diktion nicht selten eine an jugendliche Liebesschwüre heranreichende Intensität. Die Nähe zum Reichsführer verschaffte dem Erfolg gewohnten Schriftsteller das unmittelbare Erlebnis nahezu unbeschränkter Macht, "heroischen" Kampfes und historischer "Größe". Die Brutalität, die Bestialität der Himmlerschen Herrschaft nahm er dabei nicht nur in Kauf, sondern drohte gelegentlich gar damit. So wies der Schriftumskammer-Präsident seinen Geschäftsführer im Jahre 1938 an, einen missliebigen Autor folgendermaßen zu disziplinieren: "Wenn der Schweinehund aber nur frech ist, bitte ich doch durch den SD zu veranlassen, daß der Mensch einmal 4 Wochen KZ genießt, denn derartige Frechheiten dürfen wir uns nicht bieten lassen."

Die unbedingte Loyalität dem geliebten Freund gegenüber zahlte sich aus. Sehr bald zog Himmler den Dichter näher zu sich heran, indem er ihn 1935 mit dem Rang eines Oberführers in die Allgemeine SS aufnahm. Johst konnte sich vor Glück kaum fassen: "Mein Reichsführer, lieber Heini Himmler! Sie wissen ja Bescheid um mich. Mir bleibt also natürlich vor Freude die Spucke weg, als Sie mir das Geschenk der Ernennung […] mitteilten." Und an anderer Stelle heißt es: "Ich bin glücklich SS Mann zu sein und daß mich das Leben obendrein mit unsrer Freundschaft beschenkt hat, mein Heini Himmler, das macht dieses fragwürdige Dasein lebenswert."