Ältere Kollegen hatten ihn gewarnt. An der Bremer Universität eine Professur annehmen? Da habe er als Assistent in Tübingen und nach zwei Jahren Forschungserfahrung in Harvard wohl Besseres verdient. "Aus Bremen kommt man nie wieder weg", gaben die Mahner zu bedenken. Michael Zürn nahm die Stelle dennoch an. Mit 34 Jahren, ohne Habilitation, wurde er Professor an einer Hochschule, die in der Politologie in den Ranglisten stets auf einem der letzten Plätze landete.

Das ist zehn Jahre her. Heute gehört Zürn zu den profiliertesten Vertretern seines Faches in Deutschland. Bremen ist Standort des einzigen politikwissenschaftlich ausgerichteten Sonderforschungsbereiches der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Und Michael Zürn geht. Als Gründungsdirektor der ambitionierten Hertie School of Governance zieht er nach Berlin – mit vielen lobenden Worten für eine Universität, die ihn stets "aufs Beste unterstützt hat".

Die Bremer Blüte der Politologie ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten der Wissenschaft an der Weser. Fast unbemerkt hat sich die Universität mit dem einst schlechtesten Ruf im Land zu einem respektablen Forschungsstandort entwickelt. In einigen Bereichen gehört sie zu den besten in Deutschland, in zwei, drei Disziplinen genießt sie gar weltweites Renommee.

Als Kandidat im Wettbewerb um die deutsche Eliteuni wird sie (noch) nicht genannt. Dennoch zeigt sie exemplarisch, wie sich eine Hochschule unter schwierigen Bedingungen von ganz unten langsam in Richtung Spitze vorarbeiten kann. Starke und weitsichtige Persönlichkeiten in der Universitätsleitung sind dafür notwendig und eine strategisch steuernde Wissenschaftspolitik: nach innen hohe Identifikation mit der eigenen Hochschule; nach außen große Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Gesellschaft. Wie man diese Faktoren geschickt kombiniert – davon können andere Städte wie der gesamte Hochschulstandort Deutschland lernen.

Das kleinste und ärmste Bundesland beweist, dass es sich auszahlt, wenn eine Region seine Hochschulen pflegt. Heute verfügt Bremen neben der Universität über eine der lebendigsten Fachhochschulen. Die International University Bremen (IUB) ist einzigartig, und das Universum Science Center ist das erfolgreichste Wissenschaftsmuseum zum Anfassen in Deutschland. Das Universum zieht jedes Jahr 500000 Besucher an, die IUB lockt hochkarätige ausländische Studenten in die Hansestadt. Und beide sind ebenso wie der Technologiepark mit seinen über 300 Firmen mit Hilfe der Universität entstanden.

Bremen hat deshalb Chancen, sich bald mit dem Titel "Stadt der Wissenschaft" schmücken zu dürfen. Immerhin gelangte die Stadt beim gleichnamigen Wettbewerb des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft neben Göttingen, Tübingen und Dresden (siehe Kasten) unter die letzten vier Kandidaten. Verwundert hat es die Bremer nicht. "Ich sage meinen Kollegen aus den traditionellen Universitätsstädten immer: Wir sind besser als unser Ruf." Bei dem betonten Wir zeigt Jürgen Timm auf seine Brust. Eine automatische Geste. Bremen, die Universität, die florierenden Wissenschaften, Jürgen Timm. All das gehört zusammen wie die berühmten vier Stadt-Musikanten. 20 Jahre leitete Timm die Hochschule, ein Beispiel, wie wichtig (und hierzulande sträflich unterschätzt) die Person an der Spitze einer Universität ist.

Mit den Ideologen auf Talfahrt

Als er 1982 zum Rektor gewählt wird, befindet sich die Bremer Universität am Ende einer zehnjährigen Talfahrt. Schon bald nach ihrer Gründung hatte sich die Ideologie der Hochschule bemächtigt. DKPisten, Maoisten und "Mittwochssozialisten" stritten über den Weg ins kommunistische Paradies. Studenten verfassten Seminararbeiten zur "Kultur der Arbeiterklasse unter den Bedingungen des Sozialismus". Der Uni-Betrieb war durch Streiks gelähmt, man diskutierte über die Einheitsnote für alle.