Im Leuchtturm der französischen Spitzenforschung geht dreimal in der Woche das Licht aus. "Stromsperre von 16 bis 18 Uhr" warnt ein Schild vor dem ramponierten Institutsgebäude im Pariser Universitätskrankenhaus Kremlin-Bicêtre. Zwischen Sperrmüllmöbeln hat Étienne-Émile Baulieu, 77, schon so manche Weltneuheit entdeckt. Der Erfinder der "Pille danach" (RU 486) entschuldigt sich bei Besuchern für den Zustand seiner Labors: "Wir können nicht einmal eine Putzfrau bezahlen." Als Präsident der französischen Akademie der Wissenschaften zieht Baulieu ein deprimierendes Resümee: "Frankreich hat einfach keine breite wissenschaftliche Kultur, am wenigsten in der Biologie, weil unser nationaler Ehrgeiz auf die Bereiche Atom, Automobil und Aeronautik beschränkt bleibt." Dass er trotzdem zu den führenden Biomedizinern weltweit zählt, erklärt er so: "Ich habe die meiste Zeit mit Betteln zugebracht, um meine Projekte zu finanzieren."

Seitdem kürzlich Biologen einen Massenprotest gegen die französische Forschungsmisere organisiert haben, steht Baulieu als Vermittler an vorderster Front. Mittlerweile haben sechzigtausend Wissenschaftler eine Petition unterzeichnet und mit Massenkündigung gedroht, falls die Regierung ihre Budgetkürzungen und Stellenstreichungen nicht zurücknimmt. Nach ersten Verhandlungen mit Premier Raffarin zeigt sich Baulieu nur halb zufrieden. "Die neue Zusage der Regierung, eine Milliarde pro Jahr zusätzlich in die Forschung zu investieren, ist beachtlich, aber die USA haben ihr medizinisches Forschungsbudget in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt."

Als vollen Erfolg jedoch verbucht er, dass er mit Regierung und Forschungsverbänden ein "Nationalkomitee für die Zukunft der Wissenschaft" bilden wird, das über Geldfragen hinaus der Naturforschung einen ähnlichen Stellenwert im öffentlichen Leben geben soll, wie ihn in Frankreich traditionell Kunst und Literatur haben.

Auch der Biologe Alain Trautmann, 55, ist kein professioneller Rädelsführer. Der Experte für Zellkommunikation am Pariser Institut Cochin hat den Massenprotest per Internet organisiert – "aus Notwehr", wie er sagt. "Ich konnte es einfach nicht mehr mit ansehen, dass ein Großteil meiner Doktoranden mangels Jobperspektive die Arbeit hinschmiss."

Bei der Großversammlung von über tausend Forschungsdirektoren und Institutsleitern am Dienstag dieser Woche im Festsaal des Pariser Rathauses – die Sorbonne hatte ihr Audimax verweigert – wächst der schmächtige Mann über sich hinaus: "Weil selbst die teilweise Rücknahme der Kürzungen nur eine Stagnation auf dem heutigen Niveau bedeutet, müssen wir weiterkämpfen." Um 13.30 Uhr ruft er zur ultimativen Abstimmung: Fast tausend Hände gehen hoch, die halbe französische Forscher-Elite hat ihre Leitungsfunktionen niedergelegt.

Die Konsequenzen sind zunächst eher symbolisch: Die meist verbeamteten Wissenschaftler müssen weder Jobverlust noch Gehaltskürzungen fürchten, ihre Labors können laufende Projekte eine Weile mit Ersatzpersonal weiterbetreiben – aber keine neuen mehr beantragen, falls der Ausstand andauert. Auf die schlechten Neuigkeiten reagierten Mitarbeiter von Premier Raffarin ungewohnt zynisch: "Die Kündigungen sind eine prima Gelegenheit, die ewigen Neinsager loszuwerden."

"Krieg gegen die Intelligenz"

Noch nie hat in Frankreich eine Forschergruppe so geschlossen zum Kampf aufgerufen wie die im staatlichen Verbund Inserm (Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale) organisierten Lebenswissenschaftler. Das Inserm ist eines von neun Forschungszentren, an dessen Spitze das CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) steht, der größte Forschungsverband der Welt. Dazu besitzt Frankreich zwölf industriell-kommerzielle Einrichtungen für Nuklear- und Luftfahrttechnik, dutzende Privatinstitute mit öffentlicher Finanzierung, außerdem 91 Universitäten, mehrere hundert Elite-Hochschulen (Grandes Écoles). 70000 Forscher arbeiten in Privatunternehmen. Trotzdem bringt es das Land gerade auf 6,1 Wissenschaftler je tausend Erwerbstätigen, weniger als Deutschland (6,4), die USA (8,1) oder Japan (9,7).