G egen Velvet hilft kein Zappen. Ob auf Sat.1 ein Fächer zur Werbung überleitet, der CNN-Schriftzug ins Bild drängt, die Vox-Kugel durch Landschaften kullert oder Claus Theo Gärtner verkündet, dass man mit dem Zweiten besser sieht – Ideen von Velvet Mediendesign sind auf allen Kanälen präsent. Zu Hause ist die Agentur in München und in Fernseh-Programmen überall auf der Welt: in Singapur und Unterföhring, in Australien und Polen, in den USA und sogar in Qatar. Dort hat Velvet gerade dem Sender al-Dschasira ein neues Outfit maßgeschneidert – vom Schnörkel-Logo bis zur Studio-Deko.

Dafür, dass sich Velvet der Haute Couture des Medien-Designs verpflichtet fühlt, geht es auf den zwei Stockwerken im Schwabinger Lodenfrey-Park recht zwanglos zu. Junge Menschen in ungebügelten Hemden brüten vor Computern über Ideen und Animationen. Die Treppe zwischen Verwaltungs- und Design-Etage ist gerade eine Baustelle. Wer hoch zum Kreativ-Team will, sollte mutig und gelenkig sein.

Aber Angsthasen hätten in einem Job, in dem man vor extravaganten Ideen nicht zurückschrecken darf, sowieso nichts verloren, meint Medien-Designerin Gabi Madraãeviã. "Wenn wir keinen Mut haben müssen, wer dann?", fragt die 33Jährige, die bei Velvet als Creative Director arbeitet. Und Gelenkigkeit ist sowieso erste Medien-Designer-Pflicht. "Man muss flexibel sein, ein breites Spektrum draufhaben und dennoch einen eigenen Stil", sagt Andrea Bednarz. Die 45-Jährige hat zusammen mit Matthias Zentner Velvet gegründet. Dass Bednarz aus der Modebranche kommt, ist nur konsequent. Wie alle Medien-Designer verstehen sich die TV-Verpackungskünstler von Velvet als Experten für Maßanzüge: Was sie produzieren, muss passen und gut aussehen.

Wenn sich Sender Dinge wünschen wie: "Wir wollen eine jüngere Zielgruppe ansprechen", oder: "Wir möchten seriöser rüberkommen", übersetzen Medien-Designer das in bewegte Bilder, Farben und Töne. Teams entwickeln ein Konzept und setzen das in ein mit Fotos oder Zeichnungen angereichertes skizzenhaftes Layout um. Das dient als Grundlage für das endgültige Design. "Die Arbeit unterscheidet sich nicht so sehr von der eines Grafik-Designers", sagt Madraãeviã, "wenn wir ein Rechteck zeichnen, müssen wir allerdings gleich mitbedenken, wie es aussieht, wenn es sich bewegt." Mal setzen sie Ideen grafisch am Rechner mit Animationsprogrammen um, mal entstehen Filme an exotischen Drehorten.

Jeder Kunde bekommt eine Maßanfertigung. Vor drei Jahren wurden die Verantwortlichen von Sat.1 der bunten Bälle überdrüssig, wollten diese aber nicht als Sender-Merkmal aufgeben. Die Medien-Designer bei Velvet erfanden daraufhin den Regenbogen-Fächer als Programm-Trenner. "Das ist ein Beispiel für ein ruhiges, unspektakuläres Redesign", sagt Madraãeviã, "indem wir den Ball darin aufgriffen, sollte man das alte Design vergessen, ohne es zu vermissen."

Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira, der über Satellit 45 Millionen Zuschauer erreicht, fordert für seine Berichterstattung Werte wie Offenheit und Neutralität ein. Das, so der Auftrag an Velvet, sollte sich auch im neuen Design ausdrücken. Die Münchner haben es mit Dialektik versucht: Grafiken bewegen sich aufeinander zu, die für Gegensatzpaare wie "Tradition und Fortschritt", stehen. In der Bildmitte erscheint dann das Al-Dschasira-Logo, beide Seiten verbindend.

Ohne internationale Aufträge kann eine Agentur wie Velvet heute kaum überleben, da der deutsche Markt nicht genug hergibt. Vor zehn Jahren war das noch anders. Erst mit dem Aufkommen des Privatfernsehens hatte man bemerkt, dass so etwas wie Medien-Design existiert. "Bis dahin hatten die Sender nur zwei bis drei Leute pro Abteilung, die Grafiktafeln mit Text hin und her schoben, und es gab den klassischen Trailer-Schnitt. Das war es dann auch", sagt Madraãeviã. Als die Privaten kamen, zogen die Öffentlich-Rechtlichen nach. "Das war wie ein Goldrausch", erinnert sich Bednarz an die neunziger Jahre, in denen zig Medien-Design-Firmen aus dem Boden schossen. Darunter Velvet.

Mit der Erfindung der roten Vox-Kugel und dem damit verbundenen Redesign des vorher ziemlich farblosen Kölner TV-Senders gab Velvet 1995 seinen Einstand. Heute zählen fast alle deutschen Sender und viele internationale Fernsehkanäle zu den Kunden. Außer bei al-Dschasira haben die Münchner zuletzt beim DSF, bei Arte und Starhub-E City in Singapur Hand angelegt. Velvet hat inzwischen über hundert internationale Awards im Regal stehen und begnügt sich nicht mehr damit, nur Medien-Design zu entwickeln. Die Agentur produziert auch Werbespots und entwirft Installationen und Video-Kunst für Messen und Museen.