Die berühmtesten schlechten Nächte der Musikgeschichte hatte der Graf von Keyserlingk, denn ihrer nahm sich der Therapeut Johann Sebastian Bach an. Für den schlaflosen Adeligen komponierte er ein einzigartiges Variationsbündel - Keyserlingks Schützling, der Cembalist Goldberg, fungierte als behandelnder Anästhesist vor Ort. In seinem Titel nannte Bach die Goldberg-Variationen ein tönendes Medikament "zur Gemüths-Ergetzung".

Stimulation statt Valium - daran denkt man jetzt wieder, wenn man die extrem beweglichen Finger von Martin Stadtfeld durch diese Goldberg-Variationen klettern hört (Sony 93101). Der 23-jährige Pianist ist da mit einer Abgebrühtheit unterwegs, als habe es die einschüchternden Aufnahmen Glenn Goulds und die frappierenden aktuellen Ableitungen von Murray Perahia und András Schiff nie gegeben. Stadtfeld ist ein Talent der Sonderklasse, und dieses Talent behauptet sich gerade in der Freiheit, mit der es sich dem Kanon der Vorgaben und Modelle entzieht. Gleichwohl bleibt Gould sein geheimer Lehrmeister: "Hat der uns nicht alle am meisten inspiriert und zum Nachdenken gebracht?"

Man konnte das alles kommen sehen. Niemand gewinnt grundlos so oft bei "Jugend musiziert" und zwingt bei angesehensten internationalen Wettbewerben alle Konkurrenz herkulisch in die Knie. Früh schon registrierten Fachleute bei Stadtfeld stilles, aber ungebärdiges Individualistentum. Und Sony (das wahrlich genug "Goldbergs" auf Lager hat) bat ihn nun gleich in der ersten Aufwärtsbewegung seiner Karriere mit Bach ins Aufnahmestudio.Was macht Martin Stadtfeld in den Goldberg-Variationen, das andere nicht machen? Er verwirrt den Hörer. Er spielt das Original unschuldig - und gleich in der Wiederholung eine tollkühne Variante: Er treibt dort die Hände bisweilen jeweils um eine Oktave nach außen, er tauscht die Lagen, indem er den Sopran nach unten dreht und den Bass nach oben. Die Horizontale dient ihm als Spiegelachse, die er immer mithöre, in der Zweistimmigkeit sei sie "seine dritte Dimension".

Spieltechnisch ist das alles ungemein souverän und gewinnend, aber es ist nie adrett: Aus den Ecken huschen beizeiten die ungezähmten Geister der Virtuosität heran. Stadtfelds Bach kann prasseln, brausen, funkeln, jovial kann er den brillanten Artisten spielen. Aber er kann auch dermaßen still sein, dass man erschrickt.Natürlich hat er Angst, dass alle ihn jetzt auf Bach festlegen. Der ist zwar das Alpha und Omega seines Denkens, doch mitnichten das ganze Alphabet. Der junge Deutsche kann noch viel mehr.