Südafrika Das Wunder am Kap
Zehn Jahre danach: Bücher über das alte und neue Südafrika
Es hätte alles ganz anders kommen können. Die Kassandras prophezeiten nach dem Untergang der Apartheid Rassenunruhen und einen Bürgerkrieg, der in der Massenvertreibung der Weißen gipfeln würde. Sie sahen das Land im afrikanischen Chaos versinken. Die Geschichte hat sie widerlegt. Südafrika ist heute ein ganz normaler, friedlicher Staat mit einer modernen Demokratie, einer freiheitlichen Konstitution und einem Verfassungsgericht nach deutschem Leitbild, das die Grundrechte der Bürger aller Hautfarben schützt. Seine Volkswirtschaft war trotz der globalen Rezession im vergangenen Jahrzehnt die erfolgreichste emerging economy auf der Südhalbkugel. Das Leben vieler Menschen hat sich spürbar verbessert. Die unter Präsident Nelson Mandela eingerichtete Wahrheitskommission klärte die Verbrechen der Apartheid auf und wurde zu einem weltweiten Modell für die Versöhnung von Opfern und Tätern.
All diese Errungenschaften würdigt Allister Sparks in seinem neuen Buch Beyond the Miracle - Jenseits des Wunders. Der Nestor des südafrikanischen Journalismus blickt zurück auf das erste Jahrzehnt nach der Wende im April 1994, als das Ende des Rassenwahns besiegelt wurde, und er tut es mit patriotischem Stolz und skeptischer Zuversicht. Denn natürlich glänzt auch im neuen Südafrika nicht alles so schön wie sein Gold. Die Modernisierung und Reintegration der isolierten Ökonomie in die Weltwirtschaft kostete im vergangenen Jahrzehnt rund 500 000 Arbeitsplätze. In der "Regenbogen-Nation" klaffen tiefe Risse, das Wohlstandsgefälle zwischen Schwarzen und Weißen ist noch größer geworden, die Gewaltkriminalität hat zugenommen. Sparks analysiert schonungslos die Schwächen der neuen Regierung, ihr Versagen auf den Feldern der Bildungs- und Gesundheitspolitik (Aids!), die verdrängten Probleme der Zukunft. Er hält seinen Landsleuten einen Spiegel vor - und erinnert sie zugleich daran, was sie erreicht haben. "Wir sind gerade dem Armageddon entkommen, dies ist die falsche Zeit, um Pessimist zu werden."
Wenn Jubiläen gefeiert werden, gerät die finstere Vorgeschichte oftmals in Vergessenheit. Natürlich können sich die Profiteure des Unrechtssystem an nichts mehr erinnern. Das gilt ganz besonders für die wirtschaftliche Elite Südafrikas, aber auch für jene multinationalen Konzerne, die die Sanktionen gegen die weltweit geächtete Burenrepublik unterliefen. Birgit Morgenrath und Gottfried Wellmer haben unter dem Titel Deutsches Kapital am Kap die Kollaboration unserer Außenwirtschaft rekonstruiert. Ihr Fazit: Deutsche Unternehmen nutzten ohne Skrupel die Vorzüge eines rassischen Kastenwesens - niedrige Steuern, billige Lohnsklaven, keine Gewerkschaftsrechte, satte Profite.
Bei einem Ableger des Chemieriesen Bayer erlitten schwarze Arbeiter schwere Gesundheitsschäden, weil Sicherheitsstandards ignoriert werden konnten.
Rheinmetall schleuste eine Munitionsfüllanlage über Paraguay ans Kap und wurde, als der Schwindel aufflog, rechtskräftig verurteilt. Atlantis Diesel Engines, eine Firma, an der Daimler-Benz beteiligt war, lieferte Motoren für Polizeifahrzeuge und Truppentransporter, mit denen Aufstände in den Townships niedergeschlagen wurden. Unsere Vorzeigebanken avancierten zu den wichtigsten Geldgebern der Apartheid - ein Engagement mit Tradition. Schon im Jahre 1979 war Hermann Josef Abs, damals Chef der Deutschen Bank, mit dem Order of Good Hope dekoriert worden. Es war die höchste Auszeichnung, die das Buren-Regime zu vergeben hatte.
Unterdessen werden die Finanziers und Komplizen der Rassenpolitik von der Vergangenheit eingeholt - in Gestalt von Entschädigungsklagen. Im November 2002 reichte Khulumani, eine Gruppe von 32 000 Opfern der Apartheid, eine Sammelklage bei einem New Yorker Gericht ein. 22 Unternehmen und Banken stehen auf der Liste der Beklagten, darunter DaimlerChrysler, AEG, Rheinmetall, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank. Die Herren in den Vorstandsetagen werden im letzten Kapitel des Büchleins an das J'accuse von Erzbischof Desmond Tutu erinnert: "Sie sagten: Geschäft ist Geschäft ... Sie hätten wohl auch Geschäfte mit dem Teufel gemacht."
Der Teufel, das war in den Augen von Indres Naidoo ein Polizeistaat, der ihm zehn Jahre seines Lebens geraubt hat. Er gehörte zu den Widerstandskämpfern, die zusammen mit Nelson Mandela auf die Kerkerinsel Robben Island deportiert wurden. Die erste deutsche Ausgabe seines Gefängnistagebuches Island in Chains, erschienen 1984, ist seit Jahren vergriffen. Endlich publiziert der Lamuv Verlag eine neue Auflage. Es ist das bedrückende Diarium des Gefangenen 885/63, das noch einmal all die Brutalitäten des weißen Regimes vor Augen führt, die Folter, die systematische Entmenschlichung der Häftlinge, aber auch ihren unbeugsamen Freiheitswillen. Das Buch hätte allerdings ein gründlicheres Lektorat verdient gehabt - die Übersetzung ist stellenweise miserabel. Dennoch: Naidoos Aufzeichnungen haben nichts von ihrer Brisanz verloren - eine lehrreiche Lektüre zum zehnten Jahrestag des "Wunders am Kap".
Allister Sparks: Beyond the Miracle. Inside the New South Africa
Jonathan Ball Publishers, Johannesburg 2003 - 370 S., 24,30 €
Birgit Morgenrath/Gottfried Wellmer: Deutsches Kapital am Kap
Kollaboration mit dem Apartheidregime - Edition Nautilus, Hamburg 2003 - 158 S., 12,90 @
Indres Naidoo: Robben Island - Insel in Ketten
Lamuv Verlag, Göttingen 2003 - 302 S., 13,- €
- Datum 09.09.2009 - 11:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12/2004
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