Anfang der siebziger Jahre ging eine Erschütterung durch das schwarze Amerika, als Soulsänger wie Marvin Gaye oder Stevie Wonder sich mit Konzeptalben in bisher für tabu erklärte musikalische, aber auch politische und spirituelle Gefilde wagten.

30 Jahre später krankt der HipHop an ähnlich gelagerten Stereotypen: Rolls-Royce fahrende Hedonisten hier, Politparolen sprayende Untergrund-Rapper dort. Ein junger Produzent aus Chicago glaubt nun, einen Weg aus der Sackgasse gefunden zu haben. Bisher hat sich Kanye West vor allem durch Hitproduktionen für Jay-Z oder Alicia Keys einen Namen gemacht. Mit The College Dropout (Roc-A-Fella/Universal 986173-9), einer ebenso eingängigen wie politisch befrachteten HipHop-Oper, nimmt er das Mikrofon zum ersten Mal selbst in die Hand. Leitthema: das Scheitern eines tagträumenden Modejüngers an der High School. Wests autobiografischer Plot dient dabei lediglich als Parabel für die enttäuschten Lebenslügen der schwarzen Mittelschicht: "Drug dealing just to get by / stack your money 'til it gets sky high", schmettert schon im Eröffnungsstück ein unwiderstehlicher Kinderchor. Drogenhandel als Alternative zur Schulbank. Eine Modeverkäuferin träumt gar vom spaceship, das sie aus dem täglichen Rassismus entführt.

Nur ironisch gemeint ist das nicht. Kanye West, Sohn eines ehemaligen Black-Panther-Aktivisten und christlichen Eheberaters und einer Englischprofessorin, wechselt in seinem Libretto ständig die Perspektiven: Zwei Seelen wohnen in der Brust des selbst proklamierten "first nigga with a Benz and a backpack". West kann sich in der Aufzählung von Luxusgütern ergehen, um im nächsten Song den eigenen Materialismus zu geißeln: "buying clothes just to cover up what's missing inside". Orchestriert wird dieses Drama von Versatzstücken der schwarzen Musikgeschichte: Neben die Soulstimmen von Syleena Johnson oder Luther Vandross treten zickige Geigen und ein zur Mickymausstimme hochgepitchtes Chaka-Khan-Sample. Noch experimenteller tönt das Spiritual Jesus Walks: Über rollende Trommeldonnern taumeln Harfen- und Gitarrenklänge, liefern die frenetischen Klagechöre des Harlem Boy Choir den perfekten Hintergrund für die Selbstbefragung des Rappers: Was kostet ein erhörtes Gebet? Wie viel Juwelen heilen eine verletzte Seele? Und welchen Rassisten beeindruckt schon ein College Degree? Der Schulabbrecher liefert keine Antworten. Aber er formuliert einige der dringendsten Konflikte Afroamerikas. Niemand zuvor hat es gewagt, so viele Widersprüche auf ein und dieselbe HipHop-Platte zu pressen.