Der Weltuntergangshimmel über der verkommenen Menschheit brennt an diesem Abend besonders schön. Rot in der Mitte, blau an den Rändern, darunter das steinerne Meer der Großstadt – es ist das Lieblingspanorama des Expressionismus, nur dass es sich diesmal über der Plattenbausiedlung Neuberesinchen auftut. Neuberesinchen ist kein würdiger Name für die Apokalypse, aber gerade dort zeigt sich, dass es um die Menschheit nicht schade wäre. Vielleicht hat Aelrun Goette deshalb diesen dramatischen Himmel in ihren sonst so auf Nüchternheit bedachten neuen Dokumentarfilm montiert: weil sie insgeheim zu dem Schluss kam, dass der Mensch ein abscheuliches Subjekt ist. Selbstgerecht, verlogen und von tiefer Erbarmungslosigkeit.

Die junge Regisseurin und Drehbuchautorin Aelrun Goette wollte die Geschichte einer Frau ergründen, die ihre beiden kleinen Söhne in ein Zimmer schloss und verdursten ließ. Im Jahr 2000 war sie von einem Gericht als Kindsmörderin zu lebenslanger Haft verurteilt worden, man wies ihr das Unerhörte nach, aber wie es geschehen konnte, war damit nicht geklärt. Die Kinder sind tot heißt nun ein Film, der belegt, dass die Katastrophe sehr viel größer ist als die Wohnung, in der sie sich ereignete. Aelrun Goette fuhr in jenen Vorort von Frankfurt/Oder, wo die spätere Mörderin Daniela Jesse ihr Leben lang gewohnt hatte, wo ihre Eltern noch heute wohnen und auch die Nachbarn, die, als die allein gelassenen Kinder um ihr Leben schrien, als sie verzweifelt an die Tür hämmerten, als sie mit Löffeln gegen die Fenster schlugen, nichts anderes dachten, als dass es eben der übliche Radau sei, um den man sich nicht weiter kümmern müsse.

14 Tage dauerte das Sterben der Kinder, 14 Tage lang stellten die Erwachsenen sich tot. Ihre Taubheit ist das Symptom einer selbst gewählten Unmündigkeit: Wenn Aelrun Goette Cindys Bierstube betritt, um ein paar erste harmlose Fragen zu stellen, bekommt man augenblicklich den deprimierenden Eindruck, in eine Gemeinschaft von Autisten geraten zu sein. "Meine Gedanken behalte ich für mich", sagt der Mann am Fenster. "Jeder ist sich selbst der Nächste", bestätigt der Mann an der Bar. In einem Kriminalfilm würde man sie als Schurken verdächtigen, die sich hinter einer Mauer des Schweigens verschanzen. In der Wirklichkeit des Dokumentarfilms ist es weit schlimmer. Hier ist niemand schuldig, weil sich niemand für irgendetwas verantwortlich fühlt, deshalb hat auch keiner ein schlechtes Gewissen. Das Bewusstsein, dass all unser Tun und Lassen von unserem Willen abhängt, das Bewusstsein unserer (wie auch immer eingeschränkten) Freiheit, existiert nicht mehr.

Neuberesinchen wird von Aelrun Goette als ein Gefängnis gezeigt. Man sieht auch gleich, wo die Insassen ihren Fatalismus gelernt haben, nämlich in einer Situation der gesellschaftlich sanktionierten Fahrlässigkeit. Quälend lange verweilt der Kamerablick auf den zerrütteten Arbeitslosengesichtern, schweift langsam über das Sozialhilfeszenario, aus der verräucherten Kneipe hinaus auf den dreckigen Rasen, über die deformierten Gestalten mit ihren Elendsbierbäuchen, hinauf zu den schrundigen Fassaden. Von Daniela Jesses vier Kindern lebte eins bei der Großmutter, eins hatte sie zur Adoption freigegeben, den beiden übrigen war sie nicht gewachsen. Ihr Vater, sagt sie, habe sie missbraucht. Ihre Mutter leugnet das. Als Daniela Jesse ihre Söhne allein in der verwahrlosten Wohnung zurückließ, wusste sie, dass die Räumungsklage bereits auf dem Weg war. Es ist die Stärke dieses Films, dass er das alltägliche Elend neben dem ungeheuren Leiden der Kinder ernst nimmt, dass er die Not als mögliche Erklärung für die offenbare Verrohung anführt, ohne sie als Entschuldigung gelten zu lassen. Da ist Aelrun Goette mutiger als Bertolt Brecht, der in seiner Moritat Von der Kindsmörderin Marie Farrar hauptsächlich den Verhältnissen die Schuld gab, als sei das Grausame prinzipiell erklärlich ("denn alle Kreatur braucht Hilf von allen") und daher verhinderbar. Der Film – ähnlich wie Michael Kumpfmüllers Roman Durst, der auf demselben Fall beruht – beschreibt den schleichenden Übergang von der Normalität zur Barbarei. Man erschaudert vorm fürchterlichen Los der Kinder, aber erst recht vor der Unerbittlichkeit von Daniela Jesses einstigen Freundinnen und der kalten Wut ihrer Mutter. Liebe existiert in diesem Milieu höchstens als Behauptung oder Sehnsucht, die sympathischste Figur ist der Bestatter, und geweint wird nur ein einziges Mal.

Die Depravierten sind auch deshalb so herzlos, weil sie sprachlos sind, die Erklärungsnot aber, in die sie uns stürzen, wird von der Regie nicht abgemildert. Sie lässt die Figuren für sich sprechen, Kameraführung und Schnitt sind so wenig suggestiv wie möglich. Indem Aelrun Goette sich weigert, den Skandal in eine kohärente Erzählung zu verwandeln, entkleidet sie ihn seines makabren Reizes. Nur die Angstlust, die die Filmerin angesichts der Plattenbauten empfindet, vermag sie nicht ganz zu verbergen. Immer wieder starrt sie schaudernd auf die monotonen Häuserfronten. Klug wäre es gewesen, die Perspektive noch ein wenig weiter aufzuziehen und den Mord nicht einfach inmitten der Betonwüste zu verorten, sondern die Trabantenstadt in der Stadt, die Stadt im Land und so weiter, bis man schließlich erkennen könnte: Neuberesinchen ist bloß ein anderes Wort für Welt.