Je näher der 1. Mai rückt, desto schlechter wird die Stimmung in Deutschland. Dann nämlich wird die Europäische Union an ihrer Ostgrenze erweitert. Die Grenzen verschwinden, doch die Zustimmung der Bundesbürger sinkt. Im vergangenen Herbst hielten noch 65 Prozent der Deutschen die Osterweiterung für eine gute Sache, im Februar waren es bloß noch 57 Prozent.

Das Datum macht vielen Angst. Werden die Polen in Scharen einwandern und zu Niedriglöhnen die raren Arbeitsplätze okkupieren? Muss der deutsche Steuerzahler jetzt auch noch für die Nachbarn im Osten bluten? Werden heimische Handwerker noch eine Chance haben gegen Billigkonkurrenz aus Ungarn oder Tschechien? Nach einer Umfrage des Münchner ifo-Instituts vom November erkennt nur jeder dritte deutsche Manager in der Osterweiterung eine Chance, für fast 40 Prozent von ihnen dominieren die negativen Auswirkungen; der Rest weiß nicht, was er davon halten soll. Sogar die Bundesregierung bleibt vorsichtig. Auf eine Anfrage der Unionsfraktion zu den Chancen und Risiken der Osterweiterung gipfelte die Antwort in dem vagen Satz: "Die Auswirkungen dürften insgesamt positiv sein."

Vor der Tür zur Europäischen Union stehen zehn Länder, von denen zumindest die acht im Osten im Vergleich zu den heutigen EU-Mitgliedern arm sind. In Lettland liegt das Durchschnittseinkommen bei gerade 35 Prozent des EU-Durchschnitts; Slowenien als "reichster" unter den Neulingen bringt es auch nur auf 73 Prozent (siehe Tabelle). Dass diese Länder allesamt Anspruch auf Solidarität haben, leugnet niemand. Aber gerade in Deutschland hört sich zumindest der ökonomische Teil der Beitrittsdebatte an, als ob die Erweiterung eine Gefahr für das Land und seine Wirtschaft wären.

Unbestreitbar ist, dass die zehn Neuen die Vorbereitung bereits zur Modernisierung ihrer Wirtschaft genutzt haben. Ohne den Zwang, auf europäisches Niveau zu kommen, hätten weder Polen noch Slowaken die Privatisierung ihrer Staatskonzerne zu Ende gebracht und schon gar nicht die mit Massenentlassungen schmerzlich erkaufte Modernisierung des verrotteten Produktionsapparats. Die Kandidaten haben gewaltige Anstrengungen unternommen, um sich fit zu machen. Jetzt hoffen sie, dass diese Anstrengungen Früchte tragen.

Dafür gibt es Vorbilder. Warum sollen Ungarn, Estland oder Slowenien nicht schaffen, was Jahre vor ihnen die Beitrittsländer Irland nach 1973 und Spanien und Portugal nach 1986 geschafft haben? Die Perspektive heißt, den Lebensstandard immer näher an den EU-Durchschnitt heranzuführen. Irland ist dabei das leuchtendste Exempel. Vor dem EU-Beitritt war es eines der Armenhäuser Europas, doch zwischen 1996 und 2000 lag das Wachstum in Irland um sechs Prozentpunkte über dem deutschen Wert. Heute wird Irland als kleiner Tiger gerühmt, sein Pro-Kopf-Einkommen liegt inzwischen über dem Durchschnitt der EU.

Mittelstand am Start

West gegen Ost – ist das die Linie, an der entlang in der EU künftig debattiert wird? Auf der einen Seite die Chancen für den Osten, der noch viel aufzuholen hat, aber für den die Dynamik spricht; auf der anderen die Risiken für den Westen, der die Zukunft seiner Nachbarn alimentiert? Die zehn neuen Mitglieder haben einen Anspruch auf Teilhabe an den europäischen Geldtöpfen. Das ist schließlich eine der großen Attraktionen einer EU-Mitgliedschaft. Agrarfonds, Strukturfonds, Sozialfonds – hier tobt sich die organisierte Solidarität der Europäer aus. Bis auf Zypern und Malta sind alle Aspiranten Kandidaten für erhebliche Zuschüsse.