UE-erweiterung Aufbruch im OstenSeite 3/3

Das kommt auch deutschen Unternehmen entgegen. Niedrige Löhne, gute Ausbildung und bescheidene Unternehmensteuern machen die Verlagerung nicht nur der arbeitsintensiven Produktionen attraktiv. Ein typisches Beispiel ist die Automobilindustrie. Audi lässt praktisch alle seine Motoren in Ungarn bauen; Porsche montiert zwar seinen Cayenne in Leipzig, die Karosserie kommt aber fertig lackiert aus der Slowakei; Volkswagen baut bei der tschechischen Tochter Skoda Modelle, die dem Golf in Preis und Qualität mindestens ebenbürtig sind. Dabei zeigt das neu eröffnete Tankstellennetz des polnischen Ölkonzerns PKN Orlen in Deutschland, dass derartige Investitionen keine Einbahnstraße sein müssen.

Angst vor Lohndumping

Anzeige

Zu offenen Grenzen gehört auch die Freizügigkeit von Arbeitskräften. Die unmittelbaren Nachbarn Deutschland und Österreich sehen bereits ein Heer von billigen Arbeitern ins Land strömen und fürchten sich vor Lohn- und Sozialdumping. „Solche Ängste werden sich nach dem 1. Mai als unbegründet erweisen“, ließ Kommissionspräsident Romano Prodi mitteilen. Nach der jüngsten Umfrage der EU-Kommission vom Februar werden in den kommenden fünf Jahren kaum mehr als eine Million Arbeitsuchende aus den zehn neuen in die 15 alten EU-Länder drängen. Da vor allem junge, gut ausgebildete Leute nach Westen ziehen wollen, sieht Brüssel das eigentliche Risiko im Aderlass für die Beitrittsländer.

Am Ende bleibt für unsere östlichen Nachbarn vor allem die Hoffnung auf Prosperität. In jedem Fall wird der Aufholprozess den Neulingen endlos lang vorkommen. Die Schweizer Großbank UBS rechnet vor: Wenn die Beitrittsländer ihren Abstand zur heutigen EU in zwanzig Jahren halbieren wollen, dann brauchen sie einen Wachstumsvorsprung von jährlich 3,5 Punkten. Keine realistische Perspektive. Jedoch ist die Chance, zu den anderen Europäern aufzuschließen, innerhalb der EU größer als außerhalb.

Ostdeutschland mit seiner schwachen Wirtschaftsstruktur und der horrenden Arbeitslosigkeit dürfte erst spät von der Erweiterung profitieren. Wenn die Grenzen fallen, werden Randzonen zu Brückenköpfen und Transitregionen. Erfahrungsgemäß profitieren diese beträchtlich vom Handel – allerdings nicht sofort. Klaus F. Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, ist sich sicher. „Langfristig ist die Öffnung nach Osteuropa ein Wachstumsprogramm“, sagt er. Auch für Deutschland, versichert Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. „Es wird Wachstumsgewinne geben“, sagte er jüngst dem Handelsblatt, „das kann ein richtiger Konjunkturschub werden.“

Damit das geschieht, müssen die Unwägbarkeiten als Chancen wahrgenommen werden. So wie der Zwang zur Modernisierung ein regelrechtes Doping für die osteuropäischen Volkswirtschaften war, so kann bald derselbe Zwang seine heilsame Wirkung in der alten EU entfalten, wenn sie sich der Konkurrenz aus dem jungen Europa aussetzt. Je stärker die Wirtschaftskraft des Ostens wird, desto drängender wird es für den Westen, sich einer Verjüngungskur zu unterziehen. Vieles spricht dafür, dass alte und neue EU-Länder davon profitieren. Eine Win-win-Situation nennen das die Ökonomen, beide Seiten gewinnen.

 
Service