Wer zu früh jammert, bekommt erst recht einen übergebraten. So heißt offenbar die neue Devise der auswärtigen Kulturpolitik. Seit Mitte der neunziger Jahre haben die vom Außenministerium finanzierten so genannten Mittlerorganisationen, das Goethe-Institut, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und das Institut für Auslandsbeziehungen maulend immer neue Kürzungen ertragen. Sie haben Stellen gestrichen, zehn Jahre lang keine neuen Leute eingestellt, Institute geschlossen, immer mehr eigenes Geld herangeschafft, sich auf Geheiß von Unternehmensberatern immer neuer, immer flexibler strukturiert, ganze Organisationen wurden im Namen der hl. Synergie fusioniert. Jedes Mal beteuerten die zur Selbstamputation Gezwungenen glaubhaft, nun müsse aber wirklich Schluss sein, mit noch weniger Geld seien sie nicht mehr lebensfähig.

Doch in Wahrheit wetzt der Außenminister erst jetzt, da alle Tränen geweint, alle Protestnoten vergilbt sind, das Messer richtig. Mehr als ein Drittel der Zuwendungen soll bis 2007 wegfallen, jedes Jahr ein bisschen mehr, erst vier, dann acht, schließlich zweimal zwölf Prozent, Ende offen. Allein in den nächsten drei Jahren sind das 45 Millionen Euro – so viel kosten 10 Goethe-Institute oder 1000 ausländische Promotionsstipendiaten oder 300 Spitzenwissenschaftler, rechnen die Betroffenen vor. "Schmerzhafte Einschnitte" nennt das Joschka Fischer. In Wahrheit bedeutet es einen Frontalangriff auf die genannten Institutionen – und eine grundsätzliche Veränderung der deutschen Außenpolitik.

Bislang galt die auswärtige Kulturpolitik als "dritte Säule" (neben den diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen), als "integraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik". Ein Viertel von Fischers Etat war dafür bislang vorgesehen. Nach den Anschlägen vom 11. September sollte sie sogar eine Art Wunderwaffe im Kampf gegen den internationalen Terrorismus sein: Wer, so die idealistische Hoffnung, erst im Sprachkurs, mit Hilfe eines Stipendiums oder beim Besuch eines Theaterstücks von den Segnungen des demokratischen Westens erfährt, wird ihn danach schon nicht mehr in die Luft sprengen wollen. Doch weil es so einfach nie war und sich die Gleichung "1 Million für Kultur = 1 Terrorist weniger" nicht beweisen lässt, wird in diesen reform- und effizienzversessenen Zeiten gleich das ganze Prinzip infrage gestellt. Nach Jahrzehnten enger Zusammenarbeit will man nicht mehr den Dialog mit anderen Nationen und Kulturen, sondern nur das Geschäft. Dass das im Ausland als Vertrauensbruch empfunden wird – egal. Kultur ist eben keine Säule mehr, sondern nur noch "Subvention".

So kommt denn eines der wichtigsten Exportgüter der Bundesrepublik auf die ominöse Streichliste von Peer Steinbrück und Roland Koch. Es übersteigt offenbar den Horizont der Provinzfürsten, dass Geld auch dann eine Investition in das Ansehen und die Sicherheit des Landes sein kann, wenn man dafür keinen Truppentransportflieger bekommt. Eigentlich hat man schon gar keine Lust mehr, all den pfennigfuchsenden Ignoranten immer wieder erklären zu müssen, warum Kultur und Bildung ihr Geld wert sind. Aber weil wir nicht so sein wollen, hier noch einmal langsam und zum Nachlesen. Nehmen wir zum Beispiel ein Goethe-Institut. Es ist nicht bloß die Abspielstelle für deutsche Streichquartette. Es macht Kultur überhaupt erst möglich, eigene, fremde. Das mögen die Leute in Tallinn, Kabul, Kalkutta. Weil es sie selbstbewusst macht und ihrem Leben eine Perspektive gibt. Deshalb denken sie gut von Deutschland. Deshalb wollen sie vielleicht etwas von uns lernen. Toleranz zum Beispiel, Demokratie. Oder sie kaufen ein deutsches Produkt. Oder sie wollen nach Deutschland kommen, hier arbeiten, studieren, unser Bruttosozialprodukt erhöhen. Und uns vielleicht etwas beibringen, das wir noch nicht wissen. Sie wollen und werden uns bereichern.

Im Haushaltsausschuss wird demnächst über die Kürzungen noch einmal beraten. Kommen sie durch, sollte sich die Regierung gleich ein paar Richtlinien für ihre neue, arme, armselige Außenpolitik überlegen.