G elassenheit gehört nicht zu Wolfgang Clements besonderen Tugenden. Er gilt als aufbrausend und dünnhäutig, als "Eskalierer", wie mancher Sozialdemokrat sagt. Dieser Tage wird die Geduld des Wirtschaftsministers, der Deutschland zum ersehnten Aufschwung verhelfen soll, besonders strapaziert. Nicht nur die Grünen setzen ihm zu. Angegangen wird er auch von Widersachern aus den eigenen, sozialdemokratischen Reihen – so heftig, dass manchen Genossen schon die Sorge umtreibt, Clement könne "von der Fahne gehen".

Tatsächlich muss Clement seit einiger Zeit viel einstecken. Wenig feinfühlig, hielt es Bundeskanzler Gerhard Schröder für unnötig, den Superminister und Parteivize vorab in sein Vorhaben einzuweihen, den SPD-Vorsitz aufzugeben. Clements Verhältnis zu Franz Müntefering, dem designierten SPD-Chef, gilt als gespannt. Und neuerdings muss er sogar den Vorwurf ertragen, er sei ein sozialdemokratischer "Abweichler". Grund dafür ist Clements hartnäckiger Widerstand gegen die von der SPD beschlossene und von Müntefering beworbene Ausbildungsabgabe.

Dabei ist der Streit um die richtige Strategie gegen den Lehrstellennotstand nicht einmal die größte Baustelle des rot-grünen Bündnisses. Öffentlich bisher kaum bemerkt, knarzt es noch mehr in der Energiepolitik, für die neben Clement auch der grüne Umweltminister Jürgen Trittin zuständig ist. Beide, Clement und Trittin, und dazu die selbstbewussten Umwelt- und Energie-Fachleute der Regierungsfraktionen streiten erbittert über ein halbes Dutzend hoch sensibler Projekte: über den Emissionshandel, nach dem sich die Wirtschaft nicht sehnt. Über die Zukunft der leidigen Kohlesubventionen, die schon lange das rot-grüne Verhältnis belasten. Über neue Förderparagrafen für grüne Energien, die sich in den Stromrechnungen der Wähler niederschlagen. Über eine Regulierungsbehörde für den Strom- und Gasmarkt, die Brüssel der Bundesregierung abverlangt. Über die Sicherung von Kernkraftwerken vor Terrorattacken. Und über das amtliche Ja oder Nein zum Export der Hanauer Atomfabrik nach China.

Das Gemisch der Probleme, die sich vor Rot-Grün aufgetürmt haben, ist explosiv. Es geht um viel Geld. Um die Zukunft Clements. Und damit auch um Schröders Kanzlerschaft. "Da ballt sich was zusammen", sagt Hermann Scheer, SPD-Abgeordneter und langjähriges Mitglied im Parteivorstand.

Den Kanzler, der schon manchen koalitionsinternen Zwist zwischen Ökonomie und Ökologie beizulegen verstand, stellt der Konfliktstau vor eine fast unlösbare Aufgabe: Schlägt Schröder sich auf die Seite seines genervten Wirtschaftsministers, steht ihm Krach mit den Grünen und den grün gewirkten Sozis ins Haus; hat er ein Einsehen mit den Umweltbeseelten, verliert sein Superminister die Lust am Job. Im Regierungslager grassiert bereits die Furcht vor "dem großen Kladderadatsch", dem Ende des rot-grünen Projekts.

Welchen politischen Sprengstoff die Energiefragen bergen, beweist eine Parole, die in vielen grünen Kreisverbänden kursiert: "Wenn Hanau geht, geht Schröder mit." Will heißen: Gelingt es dem grünen Außenminister Joschka Fischer nicht, den von Clement befürworteten und von Schröder gegenüber Siemens-Chef Heinrich von Pierer bereits abgenickten Export der Hanauer Brennelementefabrik nach China zu stoppen, sind die grünen Anti-AKW-Fundis zum Letzten entschlossen: zum Koalitionsbruch.

Ebenfalls heftig umstritten sind zwischen Clement und Trittin die Regeln zum Emissionshandel. Clement macht keinen Hehl daraus, dass er von dieser Art der Klimaschutzpolitik nichts hält. Deutschland habe sich danach "nicht gedrängt", gibt er gern zu Protokoll – während sein Kontrahent Trittin den Emissionshandel allerorten als "Innovationsmotor" für den Standort Deutschland preist.

Bisher ist Clement im Streit mit dem Grünen nur zweiter Sieger geblieben. Laut Direktive aus Brüssel dürfen hierzulande wie in den anderen EU-Mitgliedsstaaten Kraftwerke und Industriebetriebe von kommendem Jahr an nur noch dann klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) in die Luft blasen, wenn sie über eine Lizenz dafür verfügen. Die können sie entweder selbst nutzen oder gewinnbringend verkaufen – und zwar an jene, deren Fabriken die Umweltverschmutzung nur besonders teuer abzugewöhnen wäre. Unterm Strich soll der Klimaschutz so billiger werden.