Spanien steht vor einem Wechsel, aber weder ist das ein Grund zur Sorge für die einen noch zur Freude für die anderen: Das Ausmaß der Veränderung wird sich in Grenzen halten, eine Wende wird das nicht werden. Nach der Wahl vom Sonntag kann die Volkspartei – die Partido Popular (PP) des José María Aznar – allen Prognosen zufolge weiter regieren. Das Land bleibt ein schwieriger Partner in der EU.

Gut, Aznar, der im Kreis der EU-Chefs zwar als egomaner Quälgeist, nicht aber als Gesprächspartner über Zukunftsfragen angesehene Ministerpräsident, scheidet aus dem Amt. Aber erstens wird er, wenn das Wahlergebnis es erlaubt, großen politischen Einfluss behalten, dafür hat er vorgesorgt. Und zweitens wird sein mutmaßlicher Nachfolger, Mariano Rajoy, den Aznar selbst groß gezogen und in hoheitlichem Alleingang zum Thronfolger bestimmt hat, fürs Erste keinen Gedanken an eine Kurskorrektur riskieren.

Im Gegenteil, die Zeichen stehen auf Kontinuität. "Spanien geht es gut", so Aznars Dauerparole, alles Übel geht vom Sozialismus aus, und vor dem Terrorismus der Basken und der fanatischen Muslime bewahrt Spanien nur die Volkspartei. Das entspricht durchaus dem Stil, den Aznar in den vier Jahren seit Erringung der absoluten Mehrheit im März 2000 entwickelt hat. Es war, als seien dem Mann der Wahlsieg und seine Machtstellung in den eigenen Reihen zu Kopf gestiegen. Man spricht in Madrid vom Unterschied zwischen AznarI (1996 bis 2000) und AznarII: Die Differenz zwischen der ersten Aznar-Regierung und dem vorangegangenen letzten sozialistischen Kabinett unter Felipe González sei geringer gewesen. Die absolute Mehrheit – das bedeutete die Wende zur konservativen Restauration.

Von Rajoy, der freilich stets mit dabei war, redet man anders. Auch politische Gegner sagen von ihm, der Mann sei "ganz in Ordnung", nicht so herrisch, aggressiv und ideologisch verkrampft wie der politische Katholik Aznar. Der noch amtierende Ministerpräsident orientiere sich stilistisch und strategisch an dem machtpolitischen Paradigmendreieck "Er oder ich", "Alles oder nichts" und "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich". Dagegen gilt Rajoy als flexibel, dialogfähig, angenehm im Umgang. Gegenüber dem Spitzenkandidaten der sozialistischen Opposition (PSOE), dem gleichfalls eher leisen José Luis Rodríguez Zapatero, pflegte Rajoy bis zur frühen Wahlkampfphase einen vergleichsweise gemäßigten Stil. Es ist bezeichnend, dass beiden genau das von Parteifreunden auch zum Vorwurf gemacht wird. Ihnen fehle der Biss, maulen ihre Wahlkampfmanager. Besonders die Sozialisten klagen über ihren Kandidaten, der einfach nicht so brutal sein kann, wie sie ihn gern hätten. Dass er auf seinen Kundgebungen Rajoy vorwirft, nur den Leuten Angst vor den Sozialisten einzureden, aber keine einzige positive Botschaft zu haben, ist so ziemlich der härteste Vorwurf, der ihm über die Lippen kommt.

Da kann der PP-Kandidat Rajoy noch härter zuschlagen, bis an den Rand der Demagogie, vor allem, wenn es darum geht, vor Experimenten und Abenteuern mit einem Regierungswechsel zu warnen. Die Unzuverlässigkeit der Linken, das Thema ist Rajoy durchaus geläufig, es reicht weit zurück in die spanische Geschichte und ist auch der politischen Mitte geläufig. Aznars Erbe mag ja den hart gesottenen Kämpfern auf der Rechten nicht aggressiv genug sein, unerfahren ist er gewiss nicht. Dies ist schließlich nicht der erste Wahlkampf, den Mariano Rajoy führt, lediglich der erste, in dem er selbst vorn steht. Vor vier Jahren war er als Aznars rechte Hand in der Partei einer der Hauptverantwortlichen für den Wahlsieg, der die folgenreiche absolute Mehrheit brachte.

Nun soll er diese Machtstellung halten. Das aber ist offenbar nicht so einfach, wie es vor kurzem noch aussah. Nach wie vor bezweifelt niemand, dass die PP die meisten Stimmen erhalten und damit die stärkste Fraktion im Parlament wird. Doch der Vorsprung schmilzt. Letzte Umfragen Anfang dieser Woche sahen Rajoy und die PP bei knapp über 40Prozent, Zapatero und die PSOE bei Werten, von denen in Deutschland die SPD zurzeit nur träumen kann: zwischen 37 und 38 Prozent. Das reicht zwar nicht zum Machtwechsel. Aber der Verlust der absoluten Mehrheit der Volkspartei bedeutete das Ende einer Ära, die spanische Spötter "Aznarismo" genannt haben.

Es wäre das Ende des ideologischen Kreuzzuges gegen mehr Föderalismus, es würde die Bemühungen um eine Katholisierung des Bildungswesens bremsen, die enge, von Aznar sehr persönlich gestaltete politische Bindung Spaniens an die Bush-Administration infrage stellen, es würde allmählich wohl auch Spaniens Macho-Kurs in der EU abmildern. Ein Verlust der absoluten Mehrheit bedeutete die Notwendigkeit von Kompromissen im Parlament, wenn schon nicht mit den Sozialisten, so doch zumindest mit den Vertretern der Kanaren und der katalanischen CiU, die seit der Regionalwahl im Herbst – nach dem Abgang des legendären Jordi Pujol – in Barcelona in der Opposition ist. Das alles ist der Albtraum für Aznar und die Aznaristen und wäre auch für Rajoy eher bitter.

Natürlich ist Rajoy ein loyaler Aznar-Mann, er hat es oft genug bewiesen und wäre sonst nicht da, wo er jetzt ist. Er diente den Premier auf mehreren Posten in Partei und Regierung, war unter anderem Innenminister und Regierungssprecher und zuletzt sein Stellvertreter. Er hat Aznar in den zentralen Streitfragen voll unterstützt, bei den sozialpolitischen Reformen ebenso wie im Konfrontationskurs gegenüber jedwedem Vorschlag der Sozialisten für mehr Föderalismus, in der bedingungslosen Gefolgschaft gegenüber Amerika im Irak-Krieg und mit dem Versuch, die katastrophalen Folgen der Havarie des Tankers Prestige im Golf von Biscaya zu verharmlosen.