Samuel Beckett hat einmal geschrieben, die Tränen dieser Welt flössen in immer gleicher Menge. Doch in Wahrheit gibt es Zeiten, in denen die meisten Menschen glücklich leben, und solche, zu denen sie in einer Flut von Tränen baden. Wie entsteht so ein Unterschied? Für den einzelnen Menschen mag das Glück von den Genen oder vom Charakter, von Beziehungen oder vom Zufall abhängen. Das Glück ganzer Gesellschaften ist indessen von übergreifenden Faktoren bedingt. Einer davon ist die Qualität der jeweiligen Regierung.

Von dem amerikanischen Philosophen Robert Nozick stammt die Einsicht, es könne keinen Begriff vom guten Leben geben, der für so unterschiedliche Menschen wie Marilyn Monroe, Albert Einstein, Ludwig Wittgenstein oder Louis Armstrong zutreffe. Das stimmt natürlich. Aber nach allem, was wir aus der Geschichte, aus der Anthropologie und der Psychologie wissen, erstreckt sich die Bandbreite menschlicher Hoffnungen und Wünsche keineswegs ins Unendliche. Gesundheit, eine hilfsbereite Familie, eine stabile und solidarische Gemeinschaft, materielles Wohlergehen, eine nützliche und angesehene Arbeit, zuträgliche Umweltbedingungen und ein erfülltes Seelenleben: In jeder Kultur setzt sich die Architektur menschlicher Wünsche aus diesen Elementen zusammen.

Die meisten Politiker wissen das auch. Und ihnen ist zugleich bewusst, dass staatliches Handeln diese Faktoren des Glücklichseins sehr wohl beeinflussen kann. Zumal es mitnichten eine neue Erkenntnis ist, dass gutes Leben und gutes Regieren in einer engen Beziehung zueinander stehen. Schon im frühen 14. Jahrhundert hat Ambrogio Lorenzetti dies in seinen beiden großen Fresken am Eingang des Palazzo Pubblico von Siena allegorisch dargestellt. Seine Sinnbilder guten Regierens zeigen zwei Fäden, die aus den Händen eines von klassischen Tugenden beseelten Herrschers durch die Hände der Bürger bis zu einer Figur verlaufen, in der die Urteilskraft verkörpert ist: eine Vision der guten Ordnung auf der Grundlage von Gegenseitigkeit zwischen Herrschern und Beherrschten. Wir sehen eine florierende Stadt mit Bürgern, die freudig ihren Geschäften nachgehen, während außerhalb der Mauern eine gepflegte Landschaft erblüht. An den anderen Wänden das Gleichnis schlechten Regierens: Eine teuflische Figur übt die Macht aus; die Gerechtigkeit ist beiseite gedrängt; Pest, Gewalt und Hunger beherrschen das Land.

Die Schriften antiker politischer Philosophen wie Konfuzius, Mencius, Kautilya und Aristoteles setzen ebenfalls eine Verbindung zwischen gutem Leben und guter Regierung voraus. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten verschrieben ihre Nation dem Leben, der Freiheit und der pursuit of happiness, dem Streben nach dem Glück. Die gegenwärtige Regierung von Bhutan geht einen Schritt weiter und hat sich darauf verpflichtet, das nationale "Bruttoglücksprodukt" des Landes zu maximieren.

Nun können Regierungen eigentlich niemanden glücklich machen. Aber sie können sehr wohl die Bedingungen beeinflussen, die aufs Ganze gesehen die subjektive Wohlfahrt der Bürger erhöhen. Keine dieser Bedingungen wird alleine hinreichend sein für das Wohlbefinden eines Individuums. Aber es könnte sich eben doch um notwendige Bedingungen handeln, die im Vergleich ganzer Gesellschaften dramatische Unterschiede zu bewirken imstande sind. Die Sozialwissenschaften belegen die Relevanz solcher Faktoren inzwischen einigermaßen gut; etliche ihrer Erkenntnisse sind in einem Bericht zusammengefasst, den die Strategieabteilung der britischen Regierung vorgelegt hat (www.strategy.gov.uk). Es folgen einige der Ergebnisse.

Erstens : Politische Stabilität und Ordnung, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit sind entscheidend. Die niedrigste jemals festgestellte gesellschaftliche Zufriedenheit wurde in den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Dominikanischen Republik gemessen – in einer Zeit chronischer Unordnung nach der Ermordung von Trujillo Molina. Das höchste Glücksniveau hingegen wird in stabilen Demokratien wie Norwegen, der Schweiz oder Dänemark ermittelt. Man kann den Wert starker, stabiler und legitimer Regierungstätigkeit nicht hoch genug schätzen. Deshalb ist es so wichtig, eine derartige Staatlichkeit in jenen Teilen der Welt zu stärken, wo sie heute noch schwach ist.

Zweitens : Wachsender Wohlstand hat einen beträchtlichen Einfluss auf den Anstieg der Lebenszufriedenheit – allerdings nur bis zu einem relativ bescheidenen Niveau, nämlich einem Einkommen von etwa 10000 US-Dollar pro Jahr. Oberhalb dieses Niveaus wird der Effekt geringer. Mit anderen Worten: Steigende Einkommen führen nicht linear zu größeren Glücksgefühlen (wohingegen allerdings fallende Einkommen sehr negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Menschen haben können).

Drittens : Glück und Gleichheit stehen in einem engen Zusammenhang. Eine Steigerung des Einkommens mag zu größerer Wohlfahrt beitragen. Sie kann aber zugleich Neid erwecken und dadurch die Zufriedenheit der Mitmenschen beeinträchtigen, da sich das Glück nicht in absoluten, sondern in relativen Kategorien bemisst. Es finden sich ausreichend Belege dafür, dass Gesellschaften mit höherem Gleichheitsgrad ein deutlich höheres Glücksniveau aufweisen als solche mit ausgeprägter Ungleichheit – ein Argument für die progressive Ausgestaltung von Steuersystemen.