Guido Westerwelle strahlte. Das hatte er doch fabelhaft hingekriegt mit der Bundespräsidenten-Nominierung, die er zum Testfall für die Unentbehrlichkeit der FDP in der politischen Landschaft der Bundesrepublik – und für seine Führungsqualität als Vorsitzender der Freien Demokraten erklärt hatte. Unerbittlich lehnte er den Kandidaten der Union ab und zwang die Unionsspitze, einen Anwärter zu finden, der den Liberalen genehm ist. Von Angela Merkel hat er damit Brief und Siegel: Wir können und wollen nicht ohne die FDP. Wenn sich Westerwelle mit dieser Einschätzung mal nicht gründlich getäuscht hat! Bei Lichte besehen, stellt sich die Lage nämlich ganz anders dar. Angela Merkel hat die FDP virtuos benutzt, um sich den ihr unliebsamen hauseigenen Kandidaten Schäuble vom Halse zu schaffen und die Störmanöver ihrer innerparteilichen Konkurrenten, die ihn durchdrücken wollten, um die Parteichefin zu schwächen, ins Leere laufen zu lassen. Horst Köhler wird in der Öffentlichkeit als "Merkels Kandidat" wahrgenommen, wie der Spiegel titelte. Die FDP dagegen wurde in dem ganzen Kandidatenhickhack nur insofern wahrgenommen, als sie alle ihre noch verbliebenen Kräfte dafür mobilisierte, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Solches Gernegroß-Gehabe ohne Ziel und Inhalt wirkt aber eher verächtlich als heroisch. In nüchternen Zahlen ausgedrückt liest sich das so: In der ersten Politbarometer-Umfrage nach dem vermeintlichen Verhandlungserfolg der FDP schnellte die Union auf sensationelle 50 Prozent, zur absoluten Mehrheit hoch. Die FDP stagniert bei 5 Prozent. Wäre heute Wahltag, niemand bräuchte die FDP mehr, egal was Angela Merkel ihr versprochen haben mag. Für alle Fälle hat sich Merkel den lebendigen Leichnam aber noch warm gehalten, will heißen: Mit der Operation Köhler hat Merkel die FDP auf Gedeih und Verderb an sich gebunden - und nicht umgekehrt.Wie so oft, wenn sich der Schwanz einbildet, er wackele mit dem Hund, wird das Erwachen aus der Selbsttäuschung grausam sein. Denn für den fidelen FDP-Chef und seine liberale Graumaustruppe kommt’s noch dicker. Unverzüglich, nachdem sich die Unionsspitze die verzweifelt nach Anschluss suchende FDP in die Westentasche gesteckt hatte, ließ sie ihre Absicht verbreiten, ein radikal neoliberales Reformprogramm auf dem Gebiet von Arbeitsrecht und Arbeitsmarkt verabschieden zu wollen.Einen Tag und einige flammende Proteste aus der CDU-Arbeitnehmerschaft später war dieses Programm dann zwar schon wieder kräftig verwässert. Hängen bleibt in der Öffentlichkeit aber: Neoliberale Radikalreformer haben wir ja in der CDU schon, was brauchen wir da noch die ständig nach noch radikaleren Maßnahmen krähende FDP. Aber auch die Neoliberalismus-Dämpfungsmechanik ist in der Union schon mit eingebaut. Hü und Hott in einer Partei vereint – so arbeitet man mustergültig an einer absoluten Mehrheit, bedient das viel beschworene "bürgerliche Lager" in toto – und stößt die liberale Resttruppe noch ein Stück tiefer in die Überflüssigkeit.Statt sich, wie von Westerwelle erhofft, durch das Bundespräsidenten- Nominierungstheater aus der Misere zu katapultieren, hat die FDP damit ihre ganze Misere noch einmal drastisch demonstriert. Sie hat in diesem Prozedere nämlich kein einziges Thema, keine irgendwie erinnerungswürdige Vision und auch keine Persönlichkeit, die mit ihr identifiziert wird, in die Öffentlichkeit transportiert. Sie hat nur unter Beweis gestellt, dass sie immerhin noch beharrlich intrigieren kann. Der FDP fehlt gegenwärtig alles, was zur Hoffnung auf ein dauerhaftes Überleben des organisierten politischen Liberalismus in Deutschland Anlass geben könnte.Es fehlt ihr ein lebensweltliches Milieu, durch das ihr liberaler Gesellschaftsentwurf – so sie denn einen hätte – in die Gesellschaft ausstrahlen und durch das sie mit der Gesellschaft kommunizieren könnte. Es fehlen ihr die intellektuellen Kapazitäten, um zu einem Anziehungspol für innovative Kräfte zu werden, die Zukunftsmodelle für die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft diskutieren wollen. Wie man zu so etwas wird, führen der FDP die Grünen vor, die inzwischen eine feste Basis im neuen urbanen Mittelstand erobert haben. Außer zur Frage der Vereinfachung des Steuersystems hört man aus der FDP zu aktuellen gesellschaftlichen Streitfragen so gut wie nichts – und auch dieses Thema hat ihr die CDU inzwischen ausgespannt.Wo zum Beispiel ist ihre Stimme in der Frage eines modernen Zuwanderungsgesetzes, das Deutschland im Sinne sowohl gesellschaftlicher als auch wirtschaftlicher Innovation so dringend braucht? Werden wir sie irgendwann noch vernehmen, die eigene, die unverwechselbare liberale Botschaft der FDP? Oder war er das etwa schon – der Rest, auf den das Schweigen folgt?