Ein Fischstäbchen zu essen dauert ungefähr 43 Sekunden. Es ist nichts Besonderes – bloß ein paniertes, kleines, billiges Stück weißer Fisch aus der Kühltruhe eines Supermarkts. 1,19 Euro kostet die Zehnerpackung, und das ist schon eine von den besseren.

Für den billigen Sattmacher stehen Menschen Tag für Tag 16 Stunden am Fließband. Ohne Wochenende. Monatelang. Sie wissen nicht, ob es draußen Tag oder Nacht ist, ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint. Sie können es nicht wissen, weil sie ihre Zeit im stählernen Bauch eines Fabrikschiffes verbringen – in einer kalten und stürmischen Gegend, die viele Supermarktkunden nicht einmal auf einer Karte finden würden.

Willkommen im Beringmeer. Willkommen im Reich von Käpt’n Iglo.

Die Jagd auf den Fisch beginnt hier: in Dutch Harbor auf Unalaska Island, dem Zentrum der amerikanischen Fischereiwirtschaft. Nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten wird mehr Fisch angelandet. Die Insel gehört zu den Aleuten, der natürlichen Grenze zwischen Beringmeer und Pazifischem Ozean, wo Amerika fast schon wieder Russland heißt. Unalaska ist ein Felsen, dreimal so groß wie Rügen. Aber hier gibt es keinen Sandstrand – bloß Steine, Eis, Wind und nasse Wolken, die manchmal so tief in den Bergen hängen, dass man kaum 100 Meter weit sehen kann. Die meisten in Dutch Harbor leben vom Geschäft mit dem Lieblingsfisch der Deutschen: Alaska-Seelachs.

14 Kilo Seafood isst jeder Deutsche rechnerisch im Jahr, knapp ein Drittel davon ist Alaska-Seelachs. Seit den Achtzigern ist die Bedeutung dieses Fisches permanent gewachsen, weil er billig, in großen Mengen zu fangen und einfach zu verarbeiten ist. Wer heute Fischstäbchen, Tiefkühlfilets oder irgendeinen Fast-Food-Fisch kauft, hält fast immer Alaska-Seelachs in der Hand. Die Bundesrepublik importiert mehr davon als alle anderen Länder der Europäischen Union zusammen.

Noch bis Ende März läuft in Dutch Harbour die Hauptfangsaison. Mehr als 5000 Arbeiter sind hier, um mit dem Alaska-Seelachs ihr Glück zu machen. Sie kamen in kleinen Propellerflugzeugen, der einzigen Verbindung zur Außenwelt.

Julio ist 26 Stunden unterwegs gewesen. Wenn Ende März die Saison vorüber ist, fliegt er den gleichen Weg zurück – nach Chile, wie so oft in den vergangenen zehn Jahren. Zu Hause warten Maria Antoinetta und sein kleiner Sohn, Julio junior. Zu Hause in Quilpué, nordwestlich der Hauptstadt Santiago, wo es warm ist und grün und hell. Zwei Drittel des Jahres arbeitet Julio in Alaska. Seine Fabrik trägt den Namen Kodiak Enterprise – und sie schwimmt mitten auf dem Beringmeer.