Eigentlich muss man schon wieder irgendwie dankbar sein, als Frau. Denn man hätte vermutlich gar nicht so genau mitbekommen, wie viele für höchste Aufgaben qualifizierte politische Führungsfiguren weiblichen Geschlechts wir in Deutschland haben und wie viel Wertschätzung die Damen inmitten ihrer Kollegen genießen, gäbe es nicht alle fünf Jahre die Kür des designierten Verlierers bei der Bundespräsidentenwahl.

Genauer: der designierten Verliererin. Rita Süssmuth, Cornelia Schmalz-Jacobsen, Jutta Limbach, Annette Schavan kamen, immerhin, in die engere Wahl; Annemarie Renger, Hildegard Hamm-Brücher, Uta Ranke-Heinemann, Luise Rinser, Dagmar Schipanski durften antreten – und nun Gesine Schwan. Wenn man nicht Feministin der ganz evangelikalen Sorte ist, wird man nicht umhin können, im Lauf der Jahrzehnte sogar Fortschrittstendenzen zu erkennen.

Doch, halt: Herr Schröder sagt, Frau Schwan sei gar keine Zählkandidatin. Herr Bütikofer beteuert, Frau Schwan sei das mitnichten, und auch die Professorin selbst ist absolut nicht dieser Ansicht. Meinen sie es also diesmal alle ernst mit dem Willen zur Frau – die Kandidatin eingeschlossen?

Gegen die rot-grünen Kurfürsten sprechen erstens: die Fakten (Union und FDP verfügen gemeinsam über 624 der 1206 Stimmen, 20 mehr als für die absolute Mehrheit erforderlich). Und zweitens: der Versprecher des designierten Parteivorsitzenden Franz Müntefering ("Sie hätte es verdient, äh, sie hat es verdient, gewählt zu werden"). Man muss im Übrigen keine Frau sein, um zu erkennen, dass Deutschland, was die tatsächliche Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft, ein Entwicklungsland ist. In Politik, Wirtschaft, Forschung, Medien gilt: Wo die Macht ist, sitzen Männer. Talentierten und selbstbewussten Nachwuchs gibt es, mehr als je zuvor; doch auch der braucht Rollenvorbilder und Förderer. Wenn SPD und Grüne das wollten, hätten sie Gelegenheit und Bewerberinnen genug – mit Posten und Ämtern, die sie wirklich zu vergeben haben. Das ganze "Frau nach Rau"-Theater aber ist eine einzige Frechheit.

Nun zur Gekürten. Gesine Schwan wäre nicht der erste Mensch weiblichen Geschlechts, der eine nicht restlos aufrichtig dargebotene Chance mit strahlendem Lächeln und stillem Grimm im Herzen angenommen hat (nach der Devise: Euch zeige ich’s noch, Jungs). Und die Methode soll ja auch schon funktioniert haben. Ein Nominierungsgewinn winkt auf jeden Fall; deshalb wäre es auch falsch gewesen, das Angebot mit Empörung von sich zu weisen.

Wie aber, wenn die Kandidatin Schwan sich entschlösse, wider alle Tradition das Spiel nicht mitzumachen und den Kandidaten Köhler zum Kampf herauszufordern? Das Zeug und das Temperament hat sie – und sie brauchte bloß 24 zusätzliche Stimmen aus Union und FDP. Ja, und wenn’s klappt, könnten Gerd, Franz und Reinhard sich sogar als Frauenförderer feiern lassen.