Nach außen hin bemüht sich Downing Street um Fassung. Tony Blair habe mit dem künftigen spanischen Premier ein sehr freundschaftliches Telefonat geführt. In Wahrheit ist London ziemlich entsetzt über José Zapatero.Die Irak-Koalition bröckelt. Der wichtige spanische Alliierte schlägt sich auf die Seite des "alten Europa" und wird womöglich seine Truppen aus dem Irak abziehen. Auch wenn der neue Mann in Madrid noch ein Hintertürchen offen hielt. Beinah schlimmer war die verbale Breitseite, mit der Zapatero, völlig unnötig, unter Verzicht auf irgendwelche diplomatischen Floskeln, die Regierungschefs in London und Washington attackierte, den Irakkrieg als "Desaster" bezeichnete und verkündete, man dürfe einen Krieg nicht auf "Lügen" aufbauen. Solche Worte, derer sich nicht einmal erklärte Kriegsgegner in der Labourparty bedienen, verheißen für die Zukunft nichts Gutes.London steht in Europa isolierter da als zuvor. Den Sozialisten Spaniens wird New Labour sicherlich nicht als Vorbild dienen. Der künftige Vizepremier in Madrid hatte Blair vor einigen Monaten erst öffentlich als "Idioten" gescholten.Zugleich legt der Wahlausgang in Spanien nahe, dass Blair politisch verwundbarer sein könnte, als alle bisherigen Prognosen über den Ausgang der britischen Unterhauswahlen im nächsten Jahr bislang signalisiert haben. Allerdings ist auf der Insel eine andere politische Symmetrie gegeben als in Spanien. Die konservative Opposition unterstützte den Waffengang gegen Saddam Hussein. Auch ist die britische Öffentlichkeit, anders als die spanische, nicht mehrheitlich gegen den Irakkrieg. Sie bleibt gespalten.Laut zweier neuer Umfragen der BBC und des Guardian, halten 48 Prozent beziehungsweise 46 Prozent der Briten heute den Irakkrieg für gerechtfertigt, 42 Prozent verneinen dies.Bedenklicher ist, dass bei der Wahl in Spanien ein "Appeasement Syndrom" erkennbar wurde, nach dem Motto: Hätten wir uns nur rausgehalten, wäre uns das Blutbad von Madrid erspart geblieben. Eine verständliche, gleichwohl erschreckend naive Reaktion, die auch anderswo auf dem europäischen Kontinent anzutreffen ist. Sie verrät, wie wenig sich die Öffentlichkeit in den westlichen Demokratien des Ausmaßes der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus bewusst ist. In Europa werden islamistische Terrorakte nach wie vor oftmals durch einen verengten Blickwinkel betrachtet und, entgegen der zeitliche Abfolge der blutigen Terrorakte, als Reaktion auf aktuelle Konflikte in Afghanistan, Palästina und Irak gewertet. In Wahrheit zielt der Terrorismus, eigentlich durch seine Worte wie Taten für jedermann klar erkennbar, auf den Sieg über die westliche Zivilisation. Er will weltweit das Kalifat errichten, ein islamisches Imperium, basierend auf gnadenloser, fundamentalistischer Interpretation des Koran. 1998 hatte Bin Ladens Al Kaida in einer Art programmatischer Grundsatzerklärung die Ziele des Jihad dargelegt: Von Palästina war darin nicht die Rede, wohl aber von der Vergeltung für die "spanische Schmach", womit das Ende der moslemischen Herrschaft auf spanischem Territorium im Jahr 1492 gemeint war. Der Irak spielt als Motiv für den Terror von Madrid nur insoweit eine Rolle, als es Al Kaida darum geht, mit allen Mitteln die Etablierung eines stabilen, repräsentativen Systems in dem Land zwischen Euphrat und Tigris zu verhindern. Erstaunlicherweise zeichnet eine Umfrage im Irak, in Auftrag gegeben von der BBC, der ARD und zwei anderen internationalen Medienorganisationen, eine bemerkenswert optimistische Einschätzung der heutigen Lage im Lande, die sehr viel besser empfunden wird als vor einem Jahr ( Umfrage im Irak ). Weshalb der Wille der westlichen Regierungen, dort auszuharren, systematisch unterminiert werden soll. Auf einer norwegischen Website militanter Islamisten wurde im Herbst vergangenen Jahres in einer kühlen Analyse dargelegt, wie man Spanien aus der Irakkoalition herausbrechen werde. Zwei oder drei Anschläge sollten ausreichen, hieß es da. (Norwegens Geheimdienst hat die Information nicht nach Madrid weitergeleitet, weil man glaubte, die angedrohten Anschläge bezögen sich allein auf den Irak.)Eine Woche vor dem Massaker in Madrid hatte der britische Premier in einer – medial allerdings kaum beachteten - Rede von der "tödlichen Bedrohung durch teuflische Fanatiker" gesprochen, die danach trachteten, "Armageddon" zu verwirklichen. Ihr Kampf gelte "unserer Demokratie, Lebensweise und Freiheit". Blair scheint dazu verdammt, vielen tauben Ohren zu predigen. Nicht nur zu Hause, sondern auch in Europa. Der britische Historiker Timothy Garton Ash, der das Gemetzel von Madrid als Europas 11.9. bezeichnet, sprach aus, was Blair aus diplomatischen Gründen öffentlich nicht sagen kann. Statt angesichts der tödlichen Herausforderung Einheit zu demonstrieren, falle Europa auseinander und verstricke sich in unfruchtbaren Streit über den Irakkrieg.Al Kaida darf sich als der eigentliche Sieger der spanischen Wahlen fühlen. Den Drahtziehern der Anschläge von Madrid gelang ein strategischer Meisterstreich. Ihre Rechnung ging auf. Die Islamisten haben die Reflexe der Wählerschaft richtig kalkuliert. Selbst in Spanien mit seiner massiven Antikriegsstimmung wäre die Partei José Aznars offenbar wiedergewählt worden, wie Meinungsforscher und spanische Sozialisten bis zuletzt vorausgesagt hatten. Zehn Bomben führten zum abrupten Sinneswandel vieler Wähler, wobei die konservative Regierung durch ihre törichte Informationspolitik den Trend noch verstärkte. Furcht, gemischt mit der Hoffnung, man möge verschont bleiben von weiteren Gräueltaten, wenn man die islamischen Fundamentalisten beschwichtige, verhalfen den Sozialisten letztlich zum unerwarteten Sieg. Ein Berater Tony Blairs erinnerte vielsagend an einen Ausspruch Winston Churchills, der einen "Appeaser" als jemanden definierte, der "das Krokodil füttert in der Hoffnung, es werde ihn zuletzt fressen".Al Kaida dürfte sich nun ermuntert fühlen, auch an anderer Stelle den demokratischen Prozess durch Terror zu beeinflussen. Mehr noch als zuvor muss Tony Blair das Schlimmste auch für sein Land fürchten. Für Geheimdienste, Polizei und Regierung ist es seit dem 11.9.2001 lediglich eine Frage des "wann, nicht des ob", bis Terroristen auch in Großbritannien zuschlagen. Eliza Manningford Buller, Chefin des MI 5, hat mehrfach in den vergangenen Jahren darauf hingewiesen, dass ein Anschlag unvermeidlich sei. Ein Schutz gegen den fundamentalistischen Terrorismus mit seiner hohen Vernichtungsenergie ist nur sehr bedingt möglich. Selbst wenn alle strategischen Ziele, Energie-, Wasserversorgung und Infrastruktur, zu sichern wären – es gibt in offenen, mobilen Gesellschaften des Westens beliebig viele "weiche" Ziele.Die Bedrohung kommt dabei nicht nur von außen. Terroristisches Potential existiert im Land selbst. Ein Video, kürzlich veröffentlicht von der palästinensischen Terrorgruppe Hamas, ließ britische Sicherheitsexperten frösteln. Darin brüsteten sich zwei junge britische Moslems, martialisch gekleidet, bewaffnet mit Schnellfeuerwaffen, vor laufender Kamera des Gemetzels, das sie mit ihrem Selbstmordanschlag in einer israelischen Bar anrichten würden.