Wer einen flüchtigen Blick auf den Aktienkurs des Sportartikelherstellers Puma wirft, dem kann schwindelig werden. Steil nach oben zeigt die Kursentwicklung der vergangenen Jahre, allein 2003 verzeichnete der Aktienkurs ein Plus von rund 100 Prozent. Die Übertreibung kopfloser Anleger? Ein weiterer Exzess nach der Blase am Neuen Markt Ende der neunziger Jahre?

Nur auf den ersten Blick. Bei näherem Hinschauen präsentiert sich Puma als grundsolides Unternehmen. Der Aktienkurs folgt den atemberaubenden Zahlen, die Vorstandschef Jochen Zeitz regelmäßig den Anlegern präsentiert. Der Umsatz kletterte allein im vergangenen Jahr um rund 40 Prozent. Pumas Strategie, Sportschuhe zu einem Lifestyle-Produkt zu machen, scheint auf ganzer Linie aufgegangen zu sein. Der Erfolg schlägt sich auch in den Gewinnen nieder – zuletzt war Puma profitabler als sein großer Konkurrent adidas. Die Erfolgsgeschichte hat nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch den lange Zeit unbeachtet gebliebenen Nebenwerte-Index MDax, dem die Puma-Aktie angehört, ins Rampenlicht gerückt.

Selbstverständlich ist das nicht. In der Regel richtet sich das Interesse der Öffentlichkeit auf die erste Börsen-Liga, auf den Dax mit seinen 30 großen, von der Allianz bis Volkswagen allseits bekannten Standardwerten. Auch der Technologie-Index TecDax mit Internet- und Biotechnologiefirmen wie Freenet und Qiagen scheint den Analysten zukunftsträchtig und aufregend. Für die 50Mitglieder des MDax indes, überwiegend bodenständige Industrieunternehmen, hatten Anleger lange nur ein müdes Lächeln übrig. Selbst nach dem ernüchternden Ende der New Economy erschienen die Aktien des MDax vielen Investoren noch leicht angestaubt. "Völlig zu Unrecht", urteilt Frank Hansen, Fondsmanager beim Deutschen Investment-Trust (DIT).

Heute ist das Dasein als Mauerblümchen vorbei. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der MDax still und leise zum neuen deutschen Börsenstar entwickelt. Zwar hatte auch er nach seinem Höchststand im November 2000 zunächst kräftig bluten müssen, doch seit dem Frühjahr vergangenen Jahres steigt der Index unaufhaltsam. Inzwischen notiert er sogar nahe seines Allzeithochs von 5079,88 Punkten. Den Dax, der von seinem ebenfalls aus dem Jahr 2000 datierenden Allzeithoch von 8136,16 Punkten nach wie vor nur träumen kann, hat er weit überrundet: Während der Index der Standardwerte im vergangenen Jahr um mehr als 35 Prozent zulegte, schnellte der MDax um knapp 50 Prozent in die Höhe. Auch 2004 liegt der MDax vorn: Er stieg seit dem Jahreswechsel um 11 Prozent, der Dax dagegen kann lediglich ein Plus von 4 Prozent vorweisen. Offenkundig machen Nebenwerte den Anlegern derzeit weitaus mehr Freude.

Genährt wurde das Kursfeuerwerk von einer Reihe guter Nachrichten. Viele Unternehmen des MDax präsentierten den Investoren gute Zahlen. Zum Beispiel der Maschinenbauer Vossloh aus dem sauerländischen Örtchen Werdohl, der sich zum Weltmarktführer für Schienenbefestigungen und Europas größtem Diesellokbauer gemausert hat. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr um 20Prozent, und auch beim Gewinn konnte Vorstandschef Burkhard Schuchmann ein Plus vorweisen. Die Anleger waren zufrieden – sie ließen den Kurs der Vossloh-Aktie in nur zwölf Monaten um mehr als 80 Prozent in die Höhe schnellen. Angetan waren die Investoren auch von Krones, dem weltweit größten Hersteller von Anlagen zum Abfüllen und Verpacken von Getränken. Im abgelaufenen Geschäftsjahr stieg der Umsatz um rund zehn Prozent, und Unternehmenschef Volker Kronseder versprach den Aktionären, die Dividende erneut zu erhöhen. Die Aktie legte seit Anfang 2003 um fast 70 Prozent zu, das Bankhaus Lampe stufte sie auf "Kaufen" hoch. Insgesamt korrigierten die Analysten ihre Einschätzung seit Jahresbeginn bei zehn Firmen des MDax nach oben und nur bei drei nach unten.

Professionelle Marktbeobachter feiern angesichts der rasant steigenden Aktienkurse schon die neu entflammte Liebe der Investoren zu den Unternehmen aus der zweiten Reihe. "Die Anleger haben die Nebenwerte wieder entdeckt, sie wollen ihr Kapital jetzt breit streuen und nicht mehr nur in Standardwerte investieren", freut sich DIT-Fondsmanager Hansen. Von diesem Trend profitierte auch sein eigener Fonds "Nebenwerte Deutschland", der in den vergangenen zwei Jahren zusammengenommen 80 Millionen Euro an Nettozuflüssen verbuchen konnte – in den Jahren 2000 und 2001 hingegen hatten die Anleger unter dem Strich gar kein neues Kapital in den Fonds investiert.

Auch andere Fondsgesellschaften wollen am Boom der Nebenwerte verdienen. So bringt die Deutsche-Bank-Tochter DWS mit dem Fonds "Top 50 Smaller Stars" ein neues Produkt auf den Markt, das in diesen Tagen zum ersten Mal verkauft wird. Der Fonds soll weltweit in mittelgroße Firmen investieren, darunter auch etwa fünf deutsche. Manager Raik Hoffmann schwärmt von den Vorteilen deutscher MDax-Aktien: "Viele der Unternehmen haben eine hervorragende Marktposition, sind innovativ und wachstumsstark." Allen voran stellten die MDax-Schwergewichte Puma, Depfa Bank und EADS den Großteil der Dax-Konzerne mit der Aussicht weiter steigender Gewinne in den Schatten, urteilt der Fondsmanager.

Doch bei aller Euphorie für die Unternehmen des MDax – die Investoren stellen sich natürlich auch die Frage, ob die Nebenwerte die in sie gelegten Hoffnungen auch künftig noch erfüllen werden. Die entscheidende Frage lautet: Wird der MDax weiter besser abschneiden als der Dax?