Am liebsten möchte sich Wladimir Putin im Gemälde von Peter dem Großen über seinem Kremlschreibtisch wiedererkennen. Dem selbst erkorenen Modernisierer Russlands, der am Sonntag voraussichtlich wiedergewählt wird, stehen die großen Herausforderungen allerdings erst noch bevor. Beim Gasmonopolisten Gasprom hat Putin zwar in den ersten vier Amtsjahren die Macht erobert. Aber die Reformen, die er ankündigte, stehen weiter aus. Das Unternehmen blieb düster und undurchsichtig wie die Korridore des Kremls. Nur in seiner Allgewalt zeigt sich Gasprom gern her.

Im Südwesten Moskaus hat Russlands staatskontrollierter Gasversorger eine Firmenzentrale errichtet, die wie ein modernes Harry Potter-Schloss Hogwart aus Basalt, Glas und Aluminium die Zauberformeln des Kapitalgewinns zu verbergen scheint. Als überdimensionale Rakete weist der 150 Meter hohe Hauptturm mit ungebrochenem Machtanspruch gen Himmel. Aus der Bar im 34. Stock schauen die Manager von fern auf den Kreml hinab, und in der Eingangshalle, wo der marmorne Prometheus seine Flamme hält, leuchten die Lampen wie Weltkugeln.

Gasprom macht es nicht unter Superlativen: Der weltgrößte Erdgaslieferant bestreitet 25 Prozent der globalen Förderung und besitzt ein Viertel aller Reserven. Ohne seine Pipelines, die sich wie ein 150000 Kilometer langes Aderngeflecht über Russland legen, erkalten die Stahlhütten und erfrieren die Menschen. Mit mehr als 300000 Mitarbeitern generiert der Konzern 8 Prozent der Industrieproduktion und 20 Prozent der Steuereinnahmen Russlands. Gasprom ist ein Beispiel für die Überlebenskraft der realsozialistisch geprägten Staatswirtschaft, verkörpert durch Rem Wjachirjew. Der listige Konzernchef führte das Unternehmen seit 1992 wie ein Sowjetministerium. Wjachirjews Leitspruch lautete: "Was gut ist für Gasprom, ist gut für Russland." Und für ihn.

Der Vorname Rem steht für die Anfangsbuchstaben von Revolution, Engels und Marx. Doch der mit revolutionären Insignien Geschmückte erwies sich als Zeitenkonservator. Der Sohn eines Schmiedes lernte Ende der sechziger Jahre den Gaskarrieristen Wiktor Tschernomyrdin kennen. Bei der Jagd auf Antilopen nahe Orenburg wurde zur Ziehharmonika gesungen. Eine professionelle Männerfreundschaft entstand. Zwar fehlte dem hellwachen und bauernschlauen Mann von kleiner Statur das Verständnis für modernes Management. Doch die sowjetische Kaderauslese hatte Wjachirjew Härte, Respekt gebietende Grobheit und Durchsetzungsfähigkeit gelehrt.

1989 bildeten das Gasministerium und alle dazugehörigen Staatsbetriebe unter Tschernomyrdins Regie den lebenswichtigen Konzern für das winterkalte Land, das zu 70 Prozent mit Gas beheizt wird. Ein Erlass des Präsidenten Boris Jelzin verlieh Gasprom 1992 quasi hoheitliche Funktion bei der Gasversorgung und das Exklusivrecht auf den Export. Der Konzern ist so reich, lautete damals ein Witz, dass er sich einen eigenen Premierminister leisten kann. Denn am 14. Dezember trat Tschernomyrdin an die Spitze der Regierung, und Wjachirjew übernahm zu dieser entscheidenden Phase seinen Chefsessel bei Gasprom.

Im Monat zuvor hatte Jelzin der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft mit 40 Prozent Staatsanteilen zugestimmt. Wjachirjew gelang es, die Anteilsauktionen hinter geschlossenen Türen unter seiner Kontrolle durchzuführen. Unabhängige Bieter ließ das Management zugunsten eigener Strohmänner ausschließen. Später drängten dubiose Fonds – auf wundersame Weise in den Besitz der Adressenlisten gekommen – Tausende von Kleinaktionären zum Verkauf. Wie viele Anteile letztlich in wessen Depots endeten, blieb unbekannt. Wjachirjew luchste zudem Jelzin für Jahre die Treuhänderschaft über die Staatsanteile ab. Seiner Wahl zum Vorstandsvorsitzenden konnte er sich sicher sein: "Meine Kameraden und ich managen diesen Prozess", sagte er. Manche Gasprom-Aktionärsversammlung ging in weniger als einer Stunde über die Bühne. Redebeiträge wurden zuvor streng zensiert.

Wjachirjew teilte sich das "Familiensilber Russlands" mit einem kleinen Mitarbeiterteam, das er mit wohldosiertem Herrschaftswissen ständig im Unklaren über seinen wirklichen Einfluss hielt. Jeder Auslandsreiseantrag landete auf seinem Schreibtisch. Er errichtete die Hierarchie, deren Abteilungen für die Außenwelt oft so geheimnisvoll blieben wie die Königinnenkammer in der Cheops-Pyramide. Während der Ölsektor Russlands auseinander brach, verschweißten sich die Gaswerktätigen sogar sprachlich zu einer Einheit. Jede Wodkaflasche führte zum Standardtoast: "Sa nas, sa was, sa gas!" – "Auf uns, auf euch, aufs Gas!"

Statt der Modernisierung hatten Wjachirjew und der Staat nur Machtwahrung und Besitzvermehrung im Sinn. Gasprom diente als langer Arm der russischen Außenpolitik, drehte mal den aufmüpfigen Georgiern, mal dem weißrussischen Präsidenten die Pipeline zu. Im Inland betrachtete der Präsident den Gaskonzern als persönliche Goldschatulle für schlechte Zeiten. Gasprom musste Defizite in der Rentenversicherung ausgleichen, Parlamentsabgeordneten überzeugende Argumente auf den Tisch blättern und Jelzins Wahlsieg 1996 durch den Einkauf beim Fernsehsender NTW propagandistisch absichern. Als der kritische Kanal Wladimir Putin im Jahr 2000 nervte, ließ ihn der Präsident durch seinen Erfüllungsgehilfen Wjachirjew ins Staatsjoch zwängen.