Liebesgeschichten, die in der Psychiatrie beginnen, sollte man eigentlich mit Vorsicht genießen. Aber dann sagt das Mädchen ganz unverblümt einen Satz wie: "Ich will ficken, und zwar nicht einen, sondern viele", und alles ist wieder offen. Fatih Akins Berlinale-Gewinner Gegen die Wand ist ein Liebesfilm ohne falsche Rührseligkeiten – dafür mit Mut zum aufrichtigen, manchmal auch überzogenen Pathos. Ein, um Feridun Zaimoglu zu zitieren, "Türkenfilm", der seine kulturelle Identität nicht an irgendeine Staatsbürgerschaft gekoppelt sehen will. Und dann ein hanseatischer Postpunkfilm voller Soul, der sich sein Milieu nicht erst kinotauglich zurechtschustern muss.

Lange nicht mehr hat ein deutscher Film so stilsicher und motivisch kohärent Musik eingesetzt, um die Lebenszusammenhänge und Gefühlsverwerfungen seiner Protagonisten zu schildern. 40 Songs bilden eine eigene Erzählstruktur, die immer wieder kommentierend auf die Bilder einwirkt. Wenn zum Beispiel Wendy Renés schmachtendes Soulstück After Laughter Comes Tears über einer wie kurz aus dem Schicksalsgefüge gerissenen Jahrmarktssequenz erklingt, ist das bereits ein dezenter Hinweis auf drohendes Unheil, das bald über die seltsame Liebesbeziehung von Cahit und Sibel hereinbrechen wird.

Die Tonspur ist das Herz von Gegen die Wand, und so hat Akin die Gesamtkomposition des Films ganz bewusst als musikalische angelegt. Sein der griechischen Tragödie entliehener Chor, das folkloristische Ensemble Selim Seslers, hübsch in Positur gebracht vor dem Postkarten-Panorama des Bosporus, schlägt eine Brücke von der Heimat der Eltern zu Cahits Hamburger Kiez. Gleichzeitig vertieft der Sound in den heruntergekommenen Endzeit-Kneipen und düsteren Punkclubs von Altona die kulturellen Gräben. Gothic Rock oder türkische Folklore?

In diesem Lebensdilemma stecken Cahit und Sibel, als sie sich nach ihren Selbstmordversuchen in einer psychiatrischen Klinik begegnen. Er war schon vorher tot, sie dagegen will gerade erst anfangen zu leben. Sibels Situation ist hochgradig paradox: Sie sucht einen türkischen Ehemann, um sich endlich von ihrem traditionellen Elternhaus abzunabeln, die ersehnte Freiheit zu erlangen. Ob er ihre Nase schön finde, möchte sie beim ersten Treffen von Cahit wissen. Gebrochen wurde sie von ihrem Bruder, nachdem er Sibel einmal beim Händchenhalten erwischt hatte.

Der Vorstellung von einem perfekten türkischen Schwiegersohn entspricht der ungepflegte Sonderling allerdings ganz und gar nicht. Als Sibel den Wahlgatten zum ersten Mal zu einem Männerabend bei ihrem Bruder schleift, macht er ihr unmissverständlich klar, dass er auf diesen "Kanakenscheiß keinen Bock" habe. So deutliche Worte hat man im so genannten deutschen Migrantenkino bislang nicht gehört. Cahits "Kanake" hat nichts mehr mit der Praxis einer offensiven Umdeutung wie noch bei Zaimoglus Kanak Sprak oder dem "Nigger" der afroamerikanischen Jugendlichen zu tun. In seiner Wortwahl steckt vielmehr der ganze Überdruss der zweiten Generation gegenüber dem Traditionalismus der Eltern. Dass Gegen die Wand mit seinem Helden ein Zuhause im stets mit der Apokalypse liebäugelnden Postpunk und Gothic Rock gefunden hat, verpasst dieser Wut ihr angemessenes Ventil. Auf permanentem Konfrontationskurs rockt, groovt und hämmert der Film gegen alle kulturellen Zuschreibungen an.

Fatih Akin hat seine Lektion vom großen Hollywood-Melodram mit seinen spektakulären dramatischen Bewegungen gelernt. Man könnte ihm vorwerfen, dass seine Bilder diesen Gestus ungebrochen und manchmal ein wenig holprig imitieren, ohne ihn zu durchschauen. Doch gelingt ihm dabei die Gratwanderung zwischen Realismus und Überhöhung, kulturellen Konflikten und hochemotionaler Auflösung. Zum Denken müssen diese Bilder ja glücklicherweise gar nicht kommen, weil Akins Erzählweise eine ganz eigene musikalische Dynamik entwickelt. Gegen die Wand ist wie der Punksong Das erste Mal, mit dem die Band Abwärts im Film ganz ungestüm und vorbehaltlos die Nöte und Ängste in der Liebe besingt.