Der Tabubruch auf der Bühne ist der letzte aller Theaterzwänge, und deshalb ist Schillers Don Karlos, inszeniert von Laurent Chétouane am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, eine Sensation. Die Prinzessin Eboli (Myriam Schröder) liebt Don Karlos und lässt nicht ihre Kleider fallen. Stattdessen legt sie die flache Hand auf ihre hochgeschlossene Brust. Wenn sie einmal - außer sich und wie versehentlich - die Hand davon entfernt, entblößt sie ihre weiße Haut, und es ist ein Fanal. Don Karlos (August Diehl) liebt die Stiefmutter, sie weist ihn zurück, und er windet sich nicht in Schreikrämpfen. Stattdessen steht er, ein verlorener Kämpfer, auf dem leeren Feld, erstarrt in einem System des Terrors und der Überwachung, das jeden Schritt gefährlich macht. Die Schauspieler sind voneinander entfernt wie Planeten, sie schicken Schillers kraftvolle Metaphern auf Flugbahnen durch den Raum, als wollten sie hinterherfliegen. Aber sie bleiben, wo sie sind, auf den Sicherheitsabstand bedacht. Nur im äußersten Fall, wenn Kopf und Herz zu explodieren drohen, wagen sie den Ausfallschritt oder fast gar die Umarmung. Wenn der Marquis von Posa (Devid Striesow) dem König (Hans Diehl) begegnet, umkreisen sie einander lauernd wie Spione, jedoch nur mit Sätzen, die aus steifen Leibern kommen, als wären sie festgezurrt. Dann aber reißt es den Marquis hinweg, und dem ungeheuerlichen Satz "Geben Sie Gedankenfreiheit!", jäh auf Knien vorgebracht, folgt schieres Entsetzen. Fast fünf Stunden Schiller im Originaltext - für die Zuschauer, die das Hören, und die Schauspieler, die das Sprechen verlernt haben, ein wunderbares Exerzitium. Der Franzose Chétouane zeigt uns Deutschen die Schönheit von Schillers Sprache, die Gewalt der Bilder, die kühne Ambivalenz des politischen Entwurfs. Der sorgfältige Minimalismus dieser Inszenierung ist das willkommene Gegengift gegen die herrschende Ästhetik der Eskalation und Brutalität.