Berufspessimisten finden im Irak täglich satte Bestätigung. Terroranschläge gegen Schiiten, Bürgerkriegsrumoren von Kirkuk bis Kerbala. Kann es noch schlimmer kommen? Berufsoptimisten können seit Anfang dieser Woche auch auf den Irak zeigen. Der irakische Regierungsrat hat eine Übergangsverfassung unterschrieben, die das Land bis zum August 2005 tragen soll. Ein Erfolg, auch für die US-Verwalter im Land. Wer hat nun Recht, die Schwarzseher oder die Gesundbeter? Beide.

Zunächst der gnädige Blick: Diese Verfassung ist freiheitlicher als alle vor ihr. Sie entwirft einen föderativen, demokratischen Irak. Sie stärkt die Bürger mit einem beeindruckenden Rechtekatalog. Sie gebietet Gleichberechtigung der Geschlechter, ob in der Familie, im Wirtschaftsleben oder im Parlament. Nun die Bedenkenträger: Die ethnischen Bruchlinien des Iraks verschandeln auch die vorläufigen Gesetzestafeln des Landes. Die Verfassung klärt nicht befriedigend, wer den Irak nach der Machtübergabe der Amerikaner im Juni regieren soll. Die Kurden haben sich ein Vetorecht gegen die endgültige Verfassung reserviert. Schon hat der schiitische Großajatollah al-Sistani gegen das neue Gesetz gepoltert.

Deshalb kann alles ziemlich schief gehen ab Juli. Oder auch nicht. Denn der Verfassungserfolg zeigt einen überraschend anderen Irak. Man zetert, streitet, kämpft ums Überleben, bis ein Kompromiss herauskommt – am Konferenztisch. Das ist ein ganz neues Gefechtsfeld im Irak. Auf ihm darf getrost gekämpft werden.