Es gibt ein Land, das der EU-Erweiterung mit großer Hoffnung entgegenblickt, obwohl es aus heutiger Sicht keine Chance hat, je aufgenommen zu werden. Dieser Staat heißt Israel. Es fühlt sich von den europäischen Führungsmächten nicht mehr hinreichend unterstützt und sucht deswegen nach neuen strategischen Partnern in Osteuropa. Anlass mag auch die jüngste Studie des Eurobarometers gewesen sein: 59 Prozent der befragten Europäer nannten den jüdischen Staat eine Bedrohung für den Weltfrieden. Anschläge auf Synagogen, jüdische Friedhöfe und Rabbiner in Frankreich gelten in Israel unter anderem als Beweis dafür, dass in Europa ein Dämon wiederkehrt in Form des neuen Antisemitismus.

Da Israel sich von der EU nicht verstanden fühlt, blickt es hoffnungsvoll auf die neuen Mitglieder. Bei seinem Besuch in Israel vor einigen Wochen wurde der polnische Präsident Aleksander Kwa™niewski als einer der wichtigsten Befürworter des europäisch-israelischen Dialogs gefeiert. Spätestens seit seinem Engagement im Irak an der Seite Amerikas gilt Polen auch als möglicher Fürsprecher israelischer Interessen. Polen werde als neues EU-Land eine "sehr wichtige Rolle im Nahen Osten" spielen, schmeichelte der israelische Präsident Mosche Katzav dem polnischen Präsidenten. Auch Israels Botschafter in Warschau, David Peleg, sagt: "Wir hoffen, dass dieser Beitritt zu einem Wandel der Einstellungen innerhalb der EU gegenüber Israel beiträgt. Wenn die Beziehungen der EU zu uns so wären wie die polnischen Beziehungen zu Israel, wäre das sehr gut." Polen empfiehlt sich für Israel in erster Linie als nützlicher Fürsprecher.

Historisch jedoch könnten die Beziehungen gar nicht komplizierter sein. Etwa dreieinhalb Millionen Juden lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in Polen. Mit Zorn und Enttäuschung, aber auch Hassliebe und Zuneigung dachten viele Überlebende an ihre frühere Heimat. Nach dem Sechstagekrieg 1967 brach Polen in Abstimmung mit Moskau die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Eine antisemitisch-antizionistische Hetzkampagne zwang über 30000 Menschen jüdischer Herkunft, das Land zu verlassen. Erst das Wendejahr 1989 machte einen Neubeginn möglich.

Es gibt in Polen, wie in jedem europäischen Land, antisemitische Stimmen. Doch anders als in Westeuropa fehlt dort der "moderne" Antisemitismus, der auch antiglobalistisch und besonders amerikakritisch sein kann. Nicht unwichtig ist, dass es in den neuen EU-Ländern kaum nennenswerte arabische Minderheiten gibt. Vor allem aber findet Israel hier mehr Verständnis für sein Sicherheitsbedürfnis. Polen und Israelis sehen sich als enge Verbündete der Amerikaner – egal, ob die gen Bagdad ziehen oder nicht. Sicherheit gilt in Polen auch heute noch als ein sehr kostbares und gefährdetes Gut. Israel selbst betrachtet es als seine Existenzfrage.

Die Annäherung findet längst nicht mehr nur auf der diplomatischen Ebene statt. Immer mehr Israelis polnischer Herkunft beantragen einen polnischen Pass, der ihnen die Rückkehr in die alte Heimat erleichtert. Fast unbemerkt in Westeuropa, ist im polnisch-israelischen Verhältnis eine neue Epoche angebrochen. Polens Mitbringsel als neues Mitgliedsland in der Europäischen Union werden seine guten Beziehungen zu Israel sein.