Die Szene wirkte fast präsidial. Horst Köhler hatte zu einem "festlichen Abend" in das Schloss Neuhardenberg geladen. Es kamen, in Smoking und Abendrobe, die Familie, Freunde, berufliche Wegbegleiter – und seine Förderer. Helmut Kohl, der ihn erst zu seinem "Sherpa" für die Weltwirtschaftsgipfel gemacht hatte und später als Chef zur Osteuropabank beorderte, Theo Waigel, der ihn zum Staatssekretär im Bundesfinanzministerium befördert hatte, und auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel.

Das war vor gut einem Jahr. Der aufgeräumte Gastgeber feierte an diesem Tag seinen sechzigsten Geburtstag. Dass Köhler, damals Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), ein Jahr später Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten sein würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Horst Köhler, sechs Jahre im Ausland gewesen, erst in London, dann in Washington: Manchmal fallen ihm im Gespräch die englischen Begriffe vor den deutschen ein. Der Blick von außen hat natürlich auch Vorteile. Köhler ist in der Welt herumgekommen. Gerade war er von einer Reise nach Brasilien, Korea und Japan nach Washington zurückgekehrt, als ihn der Anruf der CDU-Vorsitzenden erreichte: Er sei der gemeinsame Kandidat von CDU, CSU und FDP für das Amt des Bundespräsidenten. Horst Köhler vergleicht Deutschland mit vielen anderen Ländern auf der Welt, sieht die Schwächen, vor allem natürlich in der Wirtschaft. Und weil er nicht Teil des Berliner Politikbetriebes ist, wirkt sein Urteil objektiver, durch parteipolitische Rücksichtnahmen nicht verzerrt.

Köhler hat auch aus Washington Kontakt zu CDU-Größen gehalten, auch zu Angela Merkel. Sie kennen sich, seit sie Kohls Umweltministerin war und er des Kanzlers "Junge". Jungenhaft ist Köhler nicht mehr, aber beim Wort vom Landesvater muss er lächeln, an den Gedanken muss er sich noch gewöhnen.

Dass ihn hierzulande kaum einer kennt, hat auch mit seiner Bescheidenheit zu tun. Dabei hätte ihm durchaus so einiges zu Kopf steigen können. Immerhin hatte er für Kohl nicht nur die Gipfelkonferenzen vorbereitet, er war auch ein wichtiger Unterhändler der Verträge für die deutsche Vereinigung, die Rückführung der sowjetischen Soldaten aus Deutschland und den Maastricht-Vertrag zur Europäischen Währungsunion. Köhler blieb stets im Hintergrund, die Schau überließ er seinen Chefs.

Bescheidenheit charakterisiert ihn auch im Privaten. Im Washingtoner Nordwesten wohnt er bisher in einem feinen, aber wahrlich nicht protzigen Einfamilienhaus. Dass die CDU ihm in Berlin jetzt eine großflächige Suite in einem Luxushotel gebucht hat, scheint ihm fast Pein zu bereiten. Wenn er zum Präsidenten gewählt wird, will er sich nicht in eine "Zimmerflucht irgendeines Schlosses" wegsperren. Vielmehr will er, wie er sagt, den Kontakt zu den Bürgern suchen, sie in Diskussionen einbinden. Wie das zu bewerkstelligen ist, weiß er noch nicht.

Das Interesse der Medien an seiner Person und seinem privaten Umfeld ist Köhler lästig. Ihn stört, wenn Fotoreporter abends in das Berliner Restaurant stürzen, in dem er gerade mit seiner Frau isst. Und es blieb der Bildzeitung vorbehalten, ein Foto seiner blinden Tochter zu veröffentlichen. Früher hielten sich die wenigen Journalisten, die davon wussten, an seine Bitte, nicht darüber zu schreiben.

Ein Bundespräsident, meint Horst Köhler, "muss nicht populär sein wie ein Popstar oder ein Sportler". Aber je mehr Bürger sich mit ihm identifizierten und glaubten, der habe ihnen "schon etwas zu sagen", desto besser sei es. Doch was wird der 61-Jährige, der sich sein Berufsleben lang ausschließlich um Wirtschaft gekümmert hat, dem deutschen Volk sagen, wenn er zum neuen Bundespräsidenten gewählt wird?