Religion Heilige Wende

Iran verliert seine Macht über die Schiiten. Das Heiligtum Nadschaf im Irak wird wieder zum Zentrum der Gläubigen

Die tödlichen Anschläge in der vergangenen Woche im Irak, bei denen eine große Zahl schiitischer Gläubiger ums Leben kam, während sie das Ashura-Ritual durchführten, schwächen nicht die schiitische Bewegung, sondern festigen die Autorität ihrer religiösen Führer. Das Ashura-Ritual ist für die Schiiten seit mehr als einem Jahrtausend Ausdruck für die Rechtmäßigkeit ihres Bekenntnisses und für ihre Bereitschaft zum Märtyrertum, die durch das Blutbad nur gestärkt wurde. Fünf schiitische Mitglieder des provisorischen Regierungsrats haben prompt gefordert, das Präsidentenamt solle künftig abwechselnd von sunnitischer und schiitischer Seite ausgeübt werden. Denn obwohl die Schiiten die Mehrheit stellen, wurden in der irakischen Geschichte alle Führungspositionen von Sunniten besetzt. Jetzt werden die schiitischen Großajatollahs zu Autoritäten. Ohne sie wird kein Staat zu machen sein.

Doch ihr Machtzuwachs wird nicht nur die Zukunft des Iraks bestimmen, sondern auch das politisch-religiöse Schicksal Irans. Denn mit dem Sturz Saddam Husseins wurde auch die iranische Stadt Qom ihrer 24-jährigen Vorherrschaft über 200 Millionen Schiiten beraubt. Das Zentrum der Schia könnte in das irakische Nadschaf zurückkehren, was für das Schicksal Irans, des Iraks, Libanons und Bahrains von erheblicher Bedeutung wäre.

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Bekanntlich gehörten die Mausoleen des ersten schiitischen Imams Ali und des dritten Imams Hussein in Nadschaf und Kerbela im Irak zu den wichtigsten heiligen Stätten der Schiiten. Die Bedeutung Nadschafs verdankt sich vor allem dem Einfluss der religiösen Hochschule, die vor der Herrschaft Saddam Husseins fast ein Jahrtausend lang das religiöse und politische Herz der schiitischen Welt bildete.

Die Abspaltung der Schiiten von den Sunniten beruht auf der Auseinandersetzung über die Nachfolge des Propheten. Die Schiiten glauben, dass der Prophet, der keinen Sohn hatte, seinen Schwiegersohn und Vetter Ali auf Befehl Gottes als seinen Nachfolger einsetzte und ihm und seinen männlichen Nachkommen die religiöse und politische Führung der Muslime übertrug. Solange der so genannte zwölfte Imam, der heiß erwartete Erlöser, nicht gekommen ist, haben die hohen Geistlichen, die Mojtaheds, das Monopol auf die Erstellung von religiösen Rechtsgutachten und bestimmen damit das Leben ihrer Anhänger in allen religiösen, politischen und wirtschaftlichen Fragen.

Die Fatwas der Mojtaheds sind im privaten wie im öffentlichen Bereich bindend. Jeder Gläubige muss einen von ihnen wählen, seinen Erlassen folgen und an ihn seine Steuern zahlen. Um den Rang eines Mojtaheds oder Großajatollahs zu erreichen, muss ein Geistlicher die höchste religiöse Gelehrsamkeit besitzen und bekannt für seine Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Weisheit sein. Die Großajatollahs werden nicht von Geistlichen benannt, sondern von den Gläubigen selbst. Diese freie und individuelle Wahl bestimmt den Einfluss des jeweiligen Mojtaheds. Die Mojtaheds befinden über die Verwendung der Einnahmen aus den heiligen Stätten und erhalten jährlich Millionenbeträge aus religiösen Abgaben. Entscheidend ist aber der Ruf von Frömmigkeit und Weisheit, den sie genießen.

Seit die safawidischen Könige im 16. Jahrhundert in Konkurrenz zu den sunnitischen Kalifen des Osmanischen Reiches die Schia zur Staatsreligion erhoben, erlangten die schiitischen Hochschulen, insbesondere jene in Nadschaf, großen Einfluss. Tausende Gläubige pilgerten zum Grabmal Alis in Nadschaf, und viele angesehene Mojtaheds ließen sich dort nieder. So entwickelte sich die Stadt zum wichtigsten Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit. Die theologische Hochschule in Nadschaf war stets der Unterdrückung durch die sunnitischen Herrscher ausgesetzt. Schiitische Geistliche in Iran versuchten deshalb mehrmals, das Zentrum von Nadschaf nach Qom zu verlagern.

Qom, die heilige Konkurrenz

Qom entwickelte sich erst in den letzten 70 Jahren zu einem wichtigen schiitischen Zentrum. Nach dem Tod von Großajatollah Borujerdi 1962 galt der in Nadschaf ansässige Großajatollah Mohsen Hakim als sein würdigster Nachfolger. Doch unter den iranischen Gläubigen stieg Chomeini wegen seines Widerstands gegen den Schah zum populärsten Mojtahed auf. Als der von ihm entfesselte Aufruhr 1963 niedergeschlagen wurde, ging er ins irakische Exil, und der Großajatollah Hakim verlor an ihn viele seiner Anhänger.

Nach Hakims Tod 1970 wurde Großajatollah Qasem Khoi in Nadschaf zum höchsten Geistlichen in der schiitischen Welt. Er war iranischer Herkunft und lehnte, der Tradition der Hochschule in Nadschaf folgend, eine Regierung der Geistlichkeit ab. Khoi war überzeugt, dass Glaube, Vernunft und die Einhaltung der religiösen Vorschriften dem Menschen helfe, den Einflüsterungen des Teufels zu widerstehen. Chomeini hingegen vertrat die Ansicht, das Böse sei nur dann zu besiegen, wenn die Menschen zur Einhaltung islamischer Gesetze gezwungen würden. Nach seiner Machtübernahme in Iran setzte Chomeini seine Idee mit der Gründung einer islamischen Miliz und öffentlichen Hinrichtungen, Steinigungen und Auspeitschungen in die Tat um. Er glaubte, in Abwesenheit des zwölften Imams sei es das Recht der Geistlichkeit, die Regierung zu stellen. Die Schule in Nadschaf dagegen vertrat die Auffassung, erst mit der Wiederkehr des zwölften Imams breche die Zeit islamischer Herrschaft an. Bis dahin müsse jede Regierung die islamischen Gesetze achten.

Mit der Schaffung der Islamischen Republik wurden Chomeinis Ideen in Iran realisiert. Ein beträchtlicher Teil der Erdöleinnahmen floss nun an die religiösen Hochschulen in Qom. Die Zahl der Geistlichen wuchs auf zirka 50000 an. Gleichzeitig ließ die Unterdrückung durch Saddam Hussein die Zahl der Geistlichen in Nadschaf auf ca. 2000 sinken. Rund 5000 irakische Geistliche suchten Zuflucht in Iran, während die Seminare in Nadschaf nahezu erloschen. Da es Iranern nicht gestattet war, in den Irak zu reisen, fehlten Nadschaf die Einnahmen durch die Pilger. Ajatollah Sadr wurde getötet, Großajatollah Khoi starb, und sein Nachfolger Großajatollah Sistani wurde unter Hausarrest gestellt.

Die in Iran herrschenden Geistlichen förderten Qom, doch die Würde des Amtes eines Großajatollahs wurde nicht durch Saddam Hussein, sondern durch die Islamische Republik entweiht. In der Geschichte der Schia wagte es keine Regierung, einen Großajatollah offiziell zu inhaftieren oder gar hinzurichten. Selbst Saddam Hussein verleugnete Morde an Großajatollahs und schob diese iranischen Agenten in die Schuhe. Zum ersten Mal brach Chomeini dieses Tabu. 1982 ließ er seinen Rivalen Großajatollah Shariatmadari unter dem dubiosen Vorwurf, einen Putsch unterstützt zu haben, foltern und stellte ihn bis zu seinem Tod unter Hausarrest.

Der zweite Schlag gegen das Ansehen der hohen Geistlichkeit war im Jahre 1989 die Erhebung Chameneis, des derzeitigen religiösen Führers (rahbar) in Iran, in den Rang eines Großajatollahs. Laut iranischer Verfassung muss der Expertenrat den rahbar unter den höchsten Geistlichen wählen. Chamenei hatte noch nicht einmal alle nötigen Unterrichtsklassen besucht. Trotzdem ernannte ihn der Expertenrat in einem politischen Komplott zum Großajatollah. Niemand, nicht einmal die ausführenden Staatsorgane, nahm diese Ernennung ernst. In Iran kursierten unzählige gleichnishafte Witze über einen Gefreiten, der über Nacht zum General avanciert.

Der dritte Schlag war der Überfall von Revolutionswächtern auf das Haus des Großajatollahs Montazeri. Montazeri wurde ebenso wie weitere kritische Ajatollahs unter Hausarrest gestellt. Mit einem Wort: In den letzten 24 Jahren verloren die religiösen Hochschulen in Qom durch Korruption und ihre Verflechtungen mit dem Staat an Ansehen und Unabhängigkeit. Deshalb erlebt Nadschaf eine Renaissance, während Qom sein Prestige verloren hat.

Nach der Befreiung von Saddam Hussein unternahmen angesehene Persönlichkeiten, insbesondere Großajatollah Sistani, erste Schritte, um der religiösen Hochschule in Nadschaf wieder zu neuem Leben zu verhelfen. Sistani gehört zu den wenigen hohen Geistlichen, denen die westliche Kultur vertraut ist, und er greift Teile davon, etwa legislative Debatten, in seinen Fatwas auf. Nach dem Tod von Großajatollah Khoi wurde er zum populärsten schiitischen Mojtahed im Irak, in Libanon und in Bahrain. Trotz seiner iranischen Abstammung ist er bei den arabischen Stämmen beliebt; auch für iranische Gläubige ist er von großer Anziehungskraft.

Die Fatwas von Sistani und zwei weiteren Großajatollahs in Nadschaf, des aus Afghanistan stammenden Mohammad Ashaq Fayaz und des Irakers Mohammad Said al-Hakim, offenbarten die vielfältigen Unterschiede zwischen den Schulen von Qom und Nadschaf. Der Heilige Krieg gegen den „großen Satan“ Amerika gehört zu den Grundlagen der Schule von Qom. Ajatollah Sistani dagegen hat in einer Fatwa die 15 Millionen irakischen Schiiten angewiesen, sich von Auseinandersetzungen mit den amerikanischen Soldaten zurückzuhalten; die Zusammenarbeit mit Amerika sei nicht verboten. Während Geistliche in Qom Übergriffe gegen amerikanische Streitkräfte als muslimischen Widerstand gegen die nichtmuslimischen Besetzer bezeichneten, erklärte Sistani sie zu terroristischen Handlungen.

Der zweite große Unterschied zwischen Qom und Nadschaf trat deutlicher hervor, als Sistani, anstatt seine Anhänger zur Verwirklichung einer religiösen Regierung im Irak aufzurufen, von freien Wahlen sprach, in denen jeder mit einer Stimme vertreten sein müsse. Selbst die radikalsten Reformer in Iran akzeptieren Wahlen nur im Rahmen der islamischen Verfassung, die eine Regierung der Geistlichkeit und Loyalität zum religiösen Führer vorschreibt. Das heißt, die Reformer unterscheiden sich von den Konservativen nicht durch eine Ablehnung der religiösen Herrschaft, sondern in der Auslegung der religiösen Quellen. Bei Wahlen im Irak würden die Anhänger Sistanis einen großen Stimmenanteil gewinnen. Doch Sistanis Haltung resultiert weniger aus diesem Kalkül als aus der traditionellen Haltung der Schule von Nadschaf, die eine direkte Regierung der Geistlichkeit ablehnt.

Die irakischen Geistlichen im iranischen Exil erlebten das politische und wirtschaftliche Scheitern der Islamischen Republik, die Abwendung der Iraner von Gott und Klerus. Dies war ihnen eine Lektion, die sie im Irak nicht wiederholt sehen wollen. Auch ist die Etablierung einer religiösen Regierung dort kaum möglich, weil Kurden, Turkmenen, Sunniten, Laizisten und liberale Kräfte sich widersetzen würden. Die Unterdrückung von kritischen Geistlichen in Iran bestärkte Sistani in seiner Ablehnung einer direkten Regierung durch die Geistlichkeit. Aus diesem Grund verwandelt sich für die iranischen Mullahs die Freude über die bevorstehende Geburt einer zweiten Islamischen Republik im Irak in Sorge über einen Konkurrenzkampf, dessen Ausgang schon jetzt feststeht.

Amerika gilt hier nicht als Satan

Schon jetzt haben sich große Teile der iranischen Bevölkerung von den herrschenden Geistlichen abgewandt, ihren Glauben jedoch bewahrt. Sie hoffen auf einen regierungsunabhängigen Mojtahed, dem sie in Glaubensangelegenheiten folgen. Auch viele unzufriedene Geistliche in Qom und anderen Städten richten den Blick auf die Hochschule von Nadschaf. Iranische Pilger, Theologiestudenten und Dozenten haben begonnen, zur Wallfahrt, zum Studium und für die Lehre nach Nadschaf zu reisen.

In Qom gibt es keinen Großajatollah, der das Ansehen von weiten Kreisen der Bevölkerung genießt. Der einzige Schwachpunkt Sistanis im Irak, seine iranische Abstammung, gereicht ihm in Iran zum Vorteil. In Iran hält man ihm seine ablehnende Haltung gegenüber einer geistlichen Regierung und sein Eintreten für freie Wahlen zugute. Chomeini hat mit seinen religiösen Devisen den Schah gestürzt und Qom als schiitisches Zentrum etabliert. Doch 24 Jahre nach seinem Sieg geben die Soldaten des „großen Satans“ Amerika dem tausendjährigen Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit in Nadschaf die Möglichkeit, seine alte Geltung zurückzuerlangen. Indem er Chomeinis Ideen zurückweist, stellt ein Großajatollah aus der konkurrierenden Schule von Nadschaf dessen Erbe, die Islamische Republik, vor eine gefährliche Herausforderung.

Faraj Sarkohi, geboren 1947 in Schiraz, wurde 1996 wegen seiner Veröffentlichungen zum Tode verurteilt. Nach internationalen Protesten konnte der Schriftsteller 1998 nach Deutschland ausreisen. Heute ist er Stipendiat des Deutschen PEN-Zentrums. Aus dem Persischen von Sabine Kalinock

 
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