Religion Heilige WendeSeite 3/3

Der zweite große Unterschied zwischen Qom und Nadschaf trat deutlicher hervor, als Sistani, anstatt seine Anhänger zur Verwirklichung einer religiösen Regierung im Irak aufzurufen, von freien Wahlen sprach, in denen jeder mit einer Stimme vertreten sein müsse. Selbst die radikalsten Reformer in Iran akzeptieren Wahlen nur im Rahmen der islamischen Verfassung, die eine Regierung der Geistlichkeit und Loyalität zum religiösen Führer vorschreibt. Das heißt, die Reformer unterscheiden sich von den Konservativen nicht durch eine Ablehnung der religiösen Herrschaft, sondern in der Auslegung der religiösen Quellen. Bei Wahlen im Irak würden die Anhänger Sistanis einen großen Stimmenanteil gewinnen. Doch Sistanis Haltung resultiert weniger aus diesem Kalkül als aus der traditionellen Haltung der Schule von Nadschaf, die eine direkte Regierung der Geistlichkeit ablehnt.

Die irakischen Geistlichen im iranischen Exil erlebten das politische und wirtschaftliche Scheitern der Islamischen Republik, die Abwendung der Iraner von Gott und Klerus. Dies war ihnen eine Lektion, die sie im Irak nicht wiederholt sehen wollen. Auch ist die Etablierung einer religiösen Regierung dort kaum möglich, weil Kurden, Turkmenen, Sunniten, Laizisten und liberale Kräfte sich widersetzen würden. Die Unterdrückung von kritischen Geistlichen in Iran bestärkte Sistani in seiner Ablehnung einer direkten Regierung durch die Geistlichkeit. Aus diesem Grund verwandelt sich für die iranischen Mullahs die Freude über die bevorstehende Geburt einer zweiten Islamischen Republik im Irak in Sorge über einen Konkurrenzkampf, dessen Ausgang schon jetzt feststeht.

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Amerika gilt hier nicht als Satan

Schon jetzt haben sich große Teile der iranischen Bevölkerung von den herrschenden Geistlichen abgewandt, ihren Glauben jedoch bewahrt. Sie hoffen auf einen regierungsunabhängigen Mojtahed, dem sie in Glaubensangelegenheiten folgen. Auch viele unzufriedene Geistliche in Qom und anderen Städten richten den Blick auf die Hochschule von Nadschaf. Iranische Pilger, Theologiestudenten und Dozenten haben begonnen, zur Wallfahrt, zum Studium und für die Lehre nach Nadschaf zu reisen.

In Qom gibt es keinen Großajatollah, der das Ansehen von weiten Kreisen der Bevölkerung genießt. Der einzige Schwachpunkt Sistanis im Irak, seine iranische Abstammung, gereicht ihm in Iran zum Vorteil. In Iran hält man ihm seine ablehnende Haltung gegenüber einer geistlichen Regierung und sein Eintreten für freie Wahlen zugute. Chomeini hat mit seinen religiösen Devisen den Schah gestürzt und Qom als schiitisches Zentrum etabliert. Doch 24 Jahre nach seinem Sieg geben die Soldaten des „großen Satans“ Amerika dem tausendjährigen Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit in Nadschaf die Möglichkeit, seine alte Geltung zurückzuerlangen. Indem er Chomeinis Ideen zurückweist, stellt ein Großajatollah aus der konkurrierenden Schule von Nadschaf dessen Erbe, die Islamische Republik, vor eine gefährliche Herausforderung.

Faraj Sarkohi, geboren 1947 in Schiraz, wurde 1996 wegen seiner Veröffentlichungen zum Tode verurteilt. Nach internationalen Protesten konnte der Schriftsteller 1998 nach Deutschland ausreisen. Heute ist er Stipendiat des Deutschen PEN-Zentrums. Aus dem Persischen von Sabine Kalinock

 
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