Ach, wie butterzart der eben noch so garstige Maxim Biller plötzlich geworden ist. Man mag grinsen, wenn man auf dem Waschzettel liest: "Sehnsucht durchweht diese schönen, zarten Geschichten" – als sei Biller Experte für Poesiealben. Aber falsch ist es nicht. Verschwunden sind die Knallfrösche, mit denen Biller sein Bisheriges aufpeppen musste. Verschwunden ist das buchhalterisch Abrechnende und subtil Denunziatorische des gerichtsnotorischen Romans Esra. Verschwunden vor allem die erzählerische Ideenlosigkeit, die die Lektüre von Esra so öde gemacht hatte. Wenn jemand zu Recht gegen diesen Roman hätte klagen können, dann Biller wegen künstlerischer Rufschädigung.

Gekommen ist dafür ein gewisser Sehnsuchtston. Er trägt die erste der Sechs neuen Geschichten, die Bernsteintage – man könnte sie auch "Luzienbader Elegie" nennen. Sie erzählt den letzten Sommer, den drei jüdische Knaben im tschechoslowakischen Kurort Luzienbad verbringen, bis die russischen Truppen kommen und alles zerbricht. Und Sehnsucht, sei’s drum, durchweht auch die letzte Geschichte, die sich um denselben historischen Einschnitt dreht: Ein Filmregisseur, der (wie Biller) mit zehn von Prag nach Deutschland gezogen ist, kehrt mit dreißig zurück, um den letzten, verschollenen Film seines Vaters zu suchen, und er findet ihn – in den Märchen, die ihm sein Vater immer erzählt hat.

Wir wollen diese Geschichte jetzt nicht "Maxim auf der Reise nach Prag" nennen, aber ein paar alte Autoren wird Biller in letzter Zeit schon gelesen haben – durchaus mit Gewinn: Er hat wenig Mühe mit dem Sehnsuchtston. Er quasselt seinen Text nicht mehr zu wie im Roman Die Tochter und setzt dafür, was er an Verbosität zurücknimmt, an Reichtum schöner, knapp skizzierter Erfindungen zu. Er hat ein Gefühl für die Balance und die Führung mehrerer Figuren bekommen, und er lässt seine Geschichten, auch wenn sie rund gebaut sind, schön offen enden.

In den mittleren Geschichten wird es mit der Sehnsucht schmerzhafter. Zwei von ihnen hat Biller kunstvoll um eine Abwesenheit gebaut. Sie handeln von jüdischen Leben, in die nach dem Holocaust der Tod eine Lücke geschlagen hat. Der Immobilienhändler Hadi verbringt mit seiner Familie einen Sommertag am Baggersee, aber unter seinen neuen Kindern sieht er augenblicksweise immer wieder seine alten, die mitsamt seiner ersten Frau ein Attentat aus dem Leben gerissen hat. Auch in der Geschichte Auf Wiedersehen in Hasorea spielt das Kinderzimmer des nach Israel ausgewanderten und dort im Krieg gefallenen Sohnes und Bruders Benny eine Hauptrolle. Beide Geschichten sind von großer Innigkeit, weil Biller, der einst alles auszusprechen pflegte, den Akzent nun aufs halb gesagte Abwesende legt.

Leider scheint Biller die Wetterbeschreibungen als Textbausteine aus früheren Büchern heruntergeladen zu haben; und leider waren sie schon dort nicht überzeugend. Für einen Altmünchner wäre es auch an der Zeit, mehr als drei Münchner Straßen zu kennen oder die drei wenigstens sehen zu lernen. Vielleicht hat Biller das nächste Mal ja auch Hermann Lenz gelesen.