Modderklip/Johannesburg

Es fing ganz langsam an, im Mai 2000, der alte Duvenage hat es zunächst gar nicht bemerkt. Über Nacht hatten drei Dutzend Leute am Rande seiner Farm gelagert. In den nächsten Tagen stießen ein paar Familien hinzu. Sie bauten Hütten aus Holzresten, Plastikplanen und Wellblech. Dann kamen immer mehr Besetzer, erst Hunderte, schließlich Tausende. Am Ende waren es 40 000.

Braam Duvenage zog vor Gericht und erwirkte Räumungsbefehle. Er mobilisierte die Presse und den einflussreichen Farmerverband. "Hat alles nichts geholfen", nuschelt er am Telefon. Es klingt resigniert. "Ich bin praktisch enteignet worden." Der 73-Jährige will gar nicht mehr auf seiner Farm wohnen. "Reden Sie mit meinem Vorarbeiter."

Der Vorarbeiter deutet aus sicherem Abstand auf die Blechhütten. "Die meisten sind illegale Einwanderer und Kriminelle." Der Weg zurück zum Farmhaus ist weit, eine Autobahnausfahrt, dann noch eine, dann rechts ab. Wie groß ist das Gut? "3500Hektar." Und das okkupierte Gelände? "40Hektar." 40 Hektar für 40 000 Landlose. Sie suchen Arbeit und einen Platz zum Leben. Die vollmechanisierte Farm beschäftigt 18 Leute.

Modderklip. Dieses Wort löst bei weißen Großgrundbesitzern unheilvolle Assoziationen aus. Es steht für die erste massenhafte Besetzung einer kommerziellen Farm nach dem Ende der Apartheid. Für viele ist das Schicksal des Braam Duvenage ein Menetekel. Sie fürchten, dass es in Südafrika irgendwann genauso kommen könnte wie in Simbabwe, wo fast alle weißen Farmer auf Geheiß von Präsident Robert Mugabe von ihren Ländereien gejagt wurden.

Unbegründet sind die Ängste nicht. Denn es gibt eine anschwellende Bewegung der Landlosen, deren Wortführer unverhohlen den Genossen Mugabe bewundern. Sie propagieren den "zweiten Befreiungskampf", weil sich zehn Jahre nach dem Machtwechsel anno 1994 an den Besitzverhältnissen nicht viel geändert hat. Der weißen Minderheit gehören nach wie vor rund 80Prozent des Bodens, der schwarzen Mehrheit ungefähr 13Prozent. Allein zwischen 1960 und 1983 hatte das Burenregime rund 3,5Millionen Schwarze in Homelands genannte Menschenreservate zwangsumgesiedelt. Der Kampf ums geraubte Land war eine Triebkraft des Widerstandes. Mayibuye iAfrika! – Komm zurück, Afrika! hieß die Parole. In diesen Tagen muss sich der regierende African National Congress (ANC) an sie erinnern lassen. Denn am 14. April wird wieder gewählt, und die Landlosen drohen mit Boykott: No land, no vote! Kein Land, keine Stimme!

Das Gut von Mr. Price gehört jetzt den Knechten und Mägden

Dabei war nach der Wende gerade die Landfrage eines der vorrangigen Reformprojekte gewesen – auf dem Papier jedenfalls. Die restitution , also die Rückgabe widerrechtlich angeeigneten Landes oder die angemessene finanzielle Entschädigung dafür, lief nach zögerlichem Beginn recht zügig. Unterdessen wurden von 68000 Kompensationsfällen immerhin 47500 abgeschlossen; die kompliziertesten stehen allerdings noch aus. Die redistribution aber, die eigentliche Umverteilung von Land, geht nur sehr schleppend voran, was sicher auch an den strikt rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen Prinzipien liegt. Privateigentum wird von der Verfassung geschützt, jede Form von Landnahme ist verboten. Es gilt der Grundsatz Willing buyer, willing seller . Nur Grund und Boden, der freiwillig auf dem Markt angeboten wird, kann den Eigentümer wechseln.