Südafrika Befreiungskampf, Teil zweiSeite 3/3
Aber es sieht prächtig aus, dieses Land. Maisäcker bis zum Horizont, Obstplantagen, Weideland, das die umliegenden Hügel wie ein grünes Samtkleid überzieht. Die Ernte der Blaubeeren, Pfirsiche und Nektarinen ist dieses Jahr nicht schlecht ausgefallen, aber sie könnte viel besser sein. Man schöpft das Potenzial nicht aus und erzeugt keine Überschüsse. Folglich entstehen auch keine neuen Arbeitsplätze, die Lohnkosten sind in Coromandel ohnehin zu hoch, weil die 96Beschäftigten schon mehr sind, als eigentlich gebraucht werden. „Die Unzufriedenheit auf der Farm wächst“, sagt der Buchhalter.
Mittagessen im Büroannex. Unter einem alabasterweißen Halbrelief, auf dem Schimmel und römische Wagenlenker zu sehen sind, dampft der Maisbrei. Das antike Europa und das neue Südafrika – es ist wie ein Sinnbild für den schizophrenen Kurs der Regierung. Ursprünglich habe sie die Masse der Landlosen unterstützen wollen, unterdessen aber liege der Schwerpunkt bei der Förderung kommerzieller schwarzer Farmen, stellt eine Studie der University of Western Cape fest. Ruth Hall und andere Agrarexperten kritisieren darin die „neoliberale Strategie“ der Regierung. Während eine neue Klasse afrikanischer Produzenten gefördert werde, bleibe der Landhunger von Millionen ungestillt.
Die Reformpolitik krankt am Widerspruch zwischen moderner Agroindustrie und traditioneller Subsistenzwirtschaft. Die Politiker und Lobbyisten reden von Produktivität, Exportchancen und globalem Wettbewerb, die einfachen Leute wollen indes nur ein Fleckchen eigenes Land beackern und ihre Einkünfte verbessern. So ähnlich hatten es sich auch die Frauen von Noko vorgestellt, und jetzt gehören sie zu einem Trust mit 411Mitgliedern, bestellen 153Hektar Nutzfläche und hören viele gute Ratschläge, mit denen sie aber herzlich wenig anfangen können. Sie wären schon froh, wenn endlich der Regen käme und ihre Ackerfrüchte – Mais, Weizen, Zuckerbohnen – ein bisschen Gewinn abwürfen. Aber auch diese Vorzeigefarm hat enorme Startprobleme. „Wir verdienen jetzt nur noch halb so viel wie die Arbeiter auf der weißen Nachbarfarm. Die erhalten nämlich gesetzliche Mindestlöhne“, sagt Sarel Mokoena, der Leiter der Kooperative. Die bisherigen Erfahrungen beweisen vor allem eines: Mehr umverteiltes Land führt nicht automatisch zu mehr Wohlstand.
Trotzdem wächst auf der anderen Seite des ausgetrockneten Flusses die Missgunst. Dort, im kleinen Dorf Phiring, leben 78 Prozent der Haushalte unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenrate wird auf 70 Prozent geschätzt. Die Gemeinde muss 159 Aids-Waisen versorgen. „Wo sind die Schulen, Jobs und Hospitäler?“, fragt Miriam Dinkwanyane. Die dicke Frau mit dem mintgrünen Damenhut ist die traditionelle Dorfchefin. „Warum sollen wir ANC wählen?“ Für künftige Konflikte ist gesorgt, weil die Obfrau die Pilotfarm Noko als eine Art Kollektiveigentum betrachtet. Mister Mokoena, der Manager, sagt hingegen my farm, meine Farm, wenn er über das Anwesen redet. „Er verhält sich manchmal wie früher der weiße Boss“, verrät eine Frau.
Die „wilden“ Siedler von Modderklip wären schon zufrieden, wenn sie die winzigen Parzellen, auf denen die Hütten stehen, ihr Eigen nennen könnten. Viele haben hübsche Gemüsegärtchen angelegt, die Wege sind gefegt, es gibt sogar kleine Läden. So schnell werden sie nicht mehr von hier weggehen – wo sollten sie auch hin? Aber die Regierung wird es in Wahlkampfzeiten ohnehin nicht wagen, die Landbesetzung zu beenden. Man stelle sich nur die weltweiten Schlagzeilen vor: „Apartheid-Methoden im neuen Südafrika!“
Deswegen hat Braam Duvenages Vorarbeiter einen ganz anderen Vorschlag. „Beim nächsten Mal müssen Sie Hitler mitbringen, der würde aufräumen.“ Hitler Hunzvi, der in Simbabwe die Landinvasoren anführte, hat er gewiss nicht gemeint.
- Datum 11.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.03.2004 Nr.12
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