Medizinisch gesehen ist die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) eine simple Angelegenheit. Der Arzt klebt dem Patienten zwei Elektroden auf die Schläfen, schließt die Kabel an und drückt auf "Start". Strom fließt durch die Schädelwand in die Windungen des Hirns, dessen Nervenzellen feuern, und die Muskeln am ganzen Körper beginnen krampfhaft zu zucken. Nach etwa einer Minute ebben die Konvulsionen meist von allein ab, halten sie länger als zwei Minuten an, spritzt der Arzt ein krampflösendes Mittel. "Eigentlich ganz unspektakulär", sagt Thomas Baghai von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München.

Laien allerdings schaudern bei der Vorstellung. Sie verbinden mit einem "Elektroschock" Bilder von kreischenden Irren, die brutal auf die Bahre gerungen werden; von sich aufbäumenden Leibern und in den Fluren hallenden Schmerzensschreien. Selten vergeht ein Jahr, in dem sich Klinikdirektor Hans-Jürgen Möller nicht öffentlich für die EKT vor dem Bayerischen Landtag rechtfertigen muss, immer wieder belagern Demonstranten die Türen seines Krankenhauses. Dabei ist die EKT heute freiwillig und schmerzlos, dank Narkose und moderner Medikamente. Manchen Patienten pocht hinterher der Schädel, und jeder Dritte ist eine Zeit lang unkonzentriert und vergesslich. Doch diese Nebenwirkungen verfliegen in den allermeisten Fällen schnell, und viele Patienten akzeptieren sie willig, im Austausch für etwas ungleich Kostbareres: Der kontrollierte Stromschlag kann Depressionen vertreiben, manchmal noch, wenn alle anderen Therapien versagt haben. Es gibt Patienten, die lächeln danach zum ersten Mal seit Monaten.

Dennoch kann die Entscheidung, sich einem Elektroschock auszusetzen, nicht leicht fallen. Sich dem Entsetzen der Umwelt zu stellen, die eigenen Ängste herunterzuschlucken – wie elend muss sich ein Mensch fühlen, bevor er das tut?

Der Anstand verbietet, der blonden Frau diese Frage zu stellen. Sie ist mittelgroß, mittelalt, mit einem mädchenhaften Pferdeschwanz, und ihr Händedruck ist wehrlos wie der eines Kindes. Aus eigener Kraft tritt sie ins Behandlungszimmer der Münchner Klinik, doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Zustand lebensbedrohlich ist. Unten, auf der Station, wo sie die vergangenen Wochen verbracht hat, hängen dieser Tage wieder die roten Warnschilder, Mahnung an Krankenschwester und Besucher, "keinen Patienten" unbegleitet von der Station zu lassen. Damit ist sie gemeint. Es wird befürchtet, dass sie sich umbringt.

Ohnehin glaubt man ihre Geschichte zu kennen, zumindest in groben Zügen, denn sie wiederholt sich auch unter den eigenen Nachbarn, Kollegen und Freunden. Oft beginnt das Leiden mit dem Gefühl, als sei die Welt ein Stück abgerückt, als sei man, ohne Vorwarnung, von den anderen durch Glas getrennt. Jeden Tag wird es dicker, bis jedes freundliche Wort, jede liebevolle Geste außen daran abprallt. Drinnen, allein, wächst die Verzweiflung, die Panik, sie saugt einen aus. Arbeit, Familie, Hobbys, die Wäsche, der Garten – alles wird zu viel, schließlich reicht die Kraft noch nicht einmal, um ans Telefon zu gehen. Freude und Lachen verblassen zu Erinnerungen und werden ähnlich unerreichbar. An ihre Stelle tritt etwas Totes, starr wie Backstein.

An den schlimmsten Tagen besteht die Welt nur noch aus Aufforderungen zum Selbstmord. Die Besteckschublade: eine Einladung, sich die Adern aufzuschlitzen; der Keller: ein Ort, um sich zu erhängen. Je nach Definition erfüllen jedes Jahr vier bis acht Millionen Deutsche die Kriterien einer behandlungswürdigen Depression; europaweit sind es 33,4 Millionen. Jeden zehnten Deutschen – manche Studien sprechen sogar von fast jedem fünften – wird die Schwermut mindestens einmal in seinem Leben überwältigen. Jeder Sechste von ihnen wird daran sterben.

Auch der Körper nimmt Schaden

Erschreckende Zahlen. Und sie steigen, nicht nur in Deutschland. Anfang des 21. Jahrhunderts ließen sich etwa in den USA 37 Prozent mehr Menschen wegen Depressionen behandeln als noch 1980. An US-Hochschulen gilt bereits jede sechste Studentin als krankhaft depressiv. Niemand scheint vor dem neuen Volksleiden sicher, nicht einmal ein 24-jähriger Fußballmillionär auf der Höhe seiner Karriere, wie der Fall des Sebastian Deisler bewies.